Kreis Gießen

»Der Tod hat nicht das letzte Wort«

Verkommt Ostern zu einem kommerziellen Fest? Der evangelische Dekan Hans-Theo Daum erklärt, wie die Kirche auf diese Entwicklung reagieren sollte – und gibt Empfehlungen für besondere Gottesdienste im Kreis in der heutigen Osternacht.
19. April 2019, 18:00 Uhr
Stefan Schaal
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Ostern entwickelt sich zunehmend kommerziell zu einem zweiten Weihnachtsfest, bei dem Kinder große Geschenke bekommen. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Hans-Theo Daum : Solche Anlässe werden marketing- und werbemäßig geschickt genutzt, ihre öffentliche Wahrnehmung kann sich dadurch verändern. Auch bei den Osterfeiertagen ist das zunehmend passiert.

Wie kämpft die Kirche dagegen an?

Daum: Indem sie in diesen Tagen die österliche Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod in den Mittelpunkt stellt. Dass Kommerzialisierung und Konsum auch an kirchlichen Feiertagen eine große Rolle spielen, kann man bedauern. Es macht aber keinen Sinn, groß dagegen anzugehen. An anderen Feiertagen passiert das ja auch. Ich finde es besser, wenn wir uns auf den Kern des Festes besinnen und deutlich machen, was es da zu feiern gibt. Und da haben wir zu Ostern eine gute Nachricht weiterzugeben: »Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.« Dieser Ruf erklingt nun schon seit fast 2000 Jahren, und er wird auch heute Nacht und morgen früh wieder in unseren Gottesdiensten zu hören sein.

Die Frage ist, ob Sie die Menschen mit der österlichen Botschaft überhaupt noch erreichen.

Daum: Natürlich nutzen wir dazu nicht nur unsere Gottesdienste, sondern auch viele andere Kommunikationsmöglichkeiten. Über Ostern kann man sich über die Webseiten von Dekanat und Kirchengemeinde informieren wie über Facebook oder die Gemeindebriefe, die in fast alle evangelischen Haushalte kommen. Das Evangelium selbst hat ja etwas Einladendes. Der große Unterschied zu kommerziellen Anbietern: Kirche wirbt nicht für sich selbst. Sie weist Menschen auf Gott hin.

Sind Gemeindebriefe aus Ihrer Sicht ein zeitgemäßer Weg der Kommunikation?

Daum: Sie scheinen manchen vielleicht ein wenig überholt zu sein. Wenn man aber überprüft, wie die Menschen erreicht werden, stellen wir mit großem Erstaunen fest, dass Gemeindebriefe eine sehr gut gelesene Publikation sind. Sie haben starken lokalen Bezug und sind ein gutes Mittel, um Menschen im Dorf zu erreichen. Erscheint der Gemeindebrief mal eine Woche zu spät, gibt es Rückfragen und er wird angefordert.

Es sind ja eher ältere Menschen, die die Gemeindebriefe lesen. Wie kann die Kirche junge Menschen gewinnen?

Daum: Wir werden neben den klassischen analogen die digitalen Angebote weiter ausbauen. Es gibt außerdem besondere Gottesdienstformen, die gut angenommen werden. In Daubringen gibt es den »Explore-Gottesdienst« mit Livemusik und Interviews, in Treis die »Sternstunden« ohne feste Liturgie und manchmal mit Kabarett, Theater oder Tanz. Ein weiteres Beispiel sind in Hungen die interaktiven »Sublan-Gottesdienste«, die im Internet übertragen werden.

Kennen Sie Beispiele aus der Region speziell jetzt zu Ostern?

Daum: Ich möchte den Lesern Mut machen, vor Ort in ihre kirchlichen Nachrichten zu schauen. Ostern hat ja mit Suchen und Entdecken zu tun. In Laubach sind ein großes Holzkreuz und eine Judasgestalt durch öffentliche Gebäude gewandert und kommen in die Kirche zurück, um in der Osternacht beim Gottesdienst um 23 Uhr dabei zu sein. Wer den Ostermorgen besinnlich mit anderen erwandern will, kann das ab 5.30 Uhr von der Wetterfelder Kirche aus tun oder in Saasen zur selben Zeit mit der Gemeinde von der dunklen Trauerhalle zur Kirche gehen und dort den Sonnenaufgang im Ostergottesdienst erleben. In Lollar werden in der Osternacht ein Konfirmand und eine erwachsene Frau getauft – ein besonders festlicher Rahmen, der den beiden sicher in Erinnerung bleiben wird. In vielen Kirchen haben die Gottesdienste in der Osternacht Erlebnischarakter. Wer den Weg vom Dunkel ins Licht einmal mitgegangen ist und dabei war, wenn erste Sonnenstrahlen durch die bunten Kirchenfenster fallen, kommt gerne wieder. Ich bin aber nicht sicher, ob zeitgemäßer zu sein unbedingt das Problem ist.

Wie meinen Sie das?

Daum: Wir sehen ja in unseren Ostergottesdiensten, welche Anziehungskraft gerade traditionelle gottesdienstliche Formen haben können, wenn sie anschaulich und erlebbar sind. Vielleicht ist es gerade in einer Zeit überbordender Kommunikation wichtig, der Kraft der biblischen Bilder wieder stärker zu vertrauen und sie ins Gespräch mit unserer Lebenswirklichkeit zu bringen.

Was bedeutet Ihnen Ostern persönlich?

Daum: Ostern tröstet mich, gibt mir Halt und macht mir Mut. Ich glaube, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als meine Augen sehen und mein Verstand begreift. Der Theologe Christoph Blumhardt hat die Christen mal als »Protestleute gegen den Tod« bezeichnet und das durchaus auch politisch gemeint. Mir gefällt das. Die österliche Hoffnung wendet sich gegen alles Zerstörerische in unserer Welt. Ich erlebe nicht nur als Seelsorger, wie schmerzhaft und tief die Trennung durch den Tod sein kann. Ostern sagt mir: Endgültig ist sie nicht. Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Der-Tod-hat-nicht-das-letzte-Wort;art457,579868

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