10. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Der Schmied, der kein Künstler sein wollte

Im Grunde genommen ist die Kunstausstellung »Reinhold Kerl. Lebenswerk« ein lokales Ereignis. Aber sie wird auch von Nichtbiebertalern besucht. Denn Bilder des Mannes, der im Januar quasi über dem letzten Werk starb, hängen in ganz Oberhessen. Ein Rundgang durch die bis 18. Dezember geöffnete Schau unter ganz besonderen Vorzeichen.
10. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Wenn Norbert Kerl in diesen Wochen des ausgehenden Jahres das Heimatmuseum in Rodheim-Bieber betritt, ist es für ihn, den 61-jährigem Garten- und Landschaftsarchitekten, wie eine Zeitreise in die Kindheit, in die Jugend: In der »guten Stube« des Hauses neben der Kirche ist die Sonderausstellung »Reinhold Kerl. Lebenswerk« – und der mit »RK« signierende Künstler war sein Vater. Das geht unter die Haut. Ihm, dem Sohn, und nicht minder dem zuhörenden Begleiter. Dabei genügt es schon, wenn von den Umständen der Schau die Rede ist: Eigentlich hatte das Museum bereits 2015 Werke von Reinhold Kerl ausstellen wollen. Krankheit im Herbst und dann der plötzliche Tod im Januar hatten alle Pläne über den Haufen geworfen. All dies ist den Beteiligten präsent, als wäre es gestern gewesen.
Norbert Kerl ist gefasst, kokettiert nicht mit seiner Rührung, die ihn ein ums andere Mal erfasst, wenn er diese Auswahl von etwa 60 Werken aus insgesamt vielleicht 3000 (!) betrachtet, wenn ihn die innere Stimme mit Fragen überhäuft: Wie war das eigentlich – das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir? Dieser Tage erzählte er ein wenig davon im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung, ohne gleich die gesamte Gefühlswelt zu Markte zu tragen.

Von der Rückkehr des Vertrauens

Denn der Vater von zwei Söhnen war ja zunächst nicht Künstler, nicht Maler und Zeichner, sondern er war bis in die 1980er Jahre hinein Elektromeister und Schlosser. »Als ich Kind war, habe ich meinen Vater nicht oft gesehen. Tagsüber war er in der Werkstatt, abends im Büro.« Nein, der Papa sei, so sagt die Erinnerung, »nicht sehr präsent« gewesen. Wenn er ihn beschreiben sollte, würde er zwar von einem großzügigen und nachsichtigen Menschen sprechen – aber auch von einem, der den unnahbaren »Knotterbock« geben konnte.
Warum das so war, weiß Norbert Kerl nicht. »Ich glaube, er konnte nicht aus sich raus.« Das Verhältnis mit dem Senior sei erst in der Zeit vertrauensvoller geworden, in der dieser gesundheitsbedingt den Betrieb hatte abgeben müssen – um sich fortan ganz diesem Talent zu widmen, das er nach der Vertreibung aus dem Egerland zunächst vollkommen vernachlässigt hatte.
Erst Mitte seiner Fünfziger war es Reinhold Kerl danach, wieder zum Bleistift zu greifen und zum Zeichenblock, zu Farbe, Pinsel und Leinwand. Kurz widmete er sich der Bauernmalerei, bevor er vollends aufging im neuen Metier, in der Passion. Und zwar als Lernender: »Mein Vater besuchte Kurse, schrieb sich in Kunstschulen ein.« Einmal habe er ihn mitgenommen, erzählt Norbert Kerl, der ja seinerseits auch ein Gestalter ist. So nah wie damals sei ihm der Vater bis dahin nie gewesen – und nie so vertraut.
Der Umgang entspannte sich, gleichwohl Reinhold Kerl, der auf mehreren Darstellungsfeldern der Kunst tätig war, verschlossen blieb. »Nie hätte man ihn einen Künstler nennen dürfen«, sagt der Sohn. Bei Ausstellungseröffnungen habe er sich schwer damit getan, ein paar Worte zu sagen. »Auch öffentliches Lob war ihm unangenehm«, sagt der Sohn übern Vater, »obwohl er es umgekehrt auch genossen hat.«
Die Frage nach der Künstlerschaft bleibt offen. Vielleicht ist sie ja unerheblich. Wohl aber, so darf man Norbert Kerls Äußerung deuten, hätte man dem Vater diese Rolle gegönnt. Schade: Obwohl er aus Böhmen stammte, so war er doch kein Bohémien, dieser Reinhold Kerl. Er pflegte die gutbürgerliche Variante des Daseins, zumal aus diesem Teil der Gesellschaft die größte Nachfrage nach seinen Gemälden und Zeichnungen bestand. Kerl war ein begnadeter Zeichner, er beherrschte das Aquarellieren ebenso wie den Umgang mit Acryl- und Ölfarben. Er war zudem Holzschnitzer, fertigte großformatige Gemeindewappen ebenso wie Madonnenfiguren, von denen eine auch im Heimatmuseum zu sehen ist. Seine Hände formten Reliefs, die beispielsweise eine alte Vetzberger Ortsansicht zeigten: Von ihnen wurde ein Abdruck genommen, um die Bilder als Metallguss verkaufen zu können – als Beitrag des zurückhaltenden Künstlers zum Neubau des Vetzberger Kirchsaales auf dem alten Friedhof.
Trotz zahlloser Ortsansichten und Landschaften, die die alte und die neue Heimat des Reinhold Kerl abbilden, sagt dessen Sohn: »Mein Vater war kein Heimatmaler.« Bestätigung finden Zweifler an dieser Feststellung in der aktuellen Schau: Da sind nämlich mehrere Bilder zu sehen, bei denen der Maler die Realität verzerrt, sie im Grunde genommen zitiert. Darunter Norbert Kerls (hier links abgebildetes) Lieblingswerk, das mit einer gebrochen in den Hintergrund ansteigenden Treppe. Auch das letzte, nicht mehr fertiggestellte Bild zählt dazu: »Die Regatta«. Das aus Acryl- und Aquarellfarben gestaltete Gemälde steht auf der im Heimatmuseum aufgestellten Staffelei. Davor Pinsel, Stifte, Farben, die Palette – und die wie eine Brille aufzusetzende Lupe. »Er konnte ja nur noch ganz schlecht sehen.« Die Installation ist schon wieder ein Werk für sich: Gleich kommt er gewiss zurück, der Maler …
Wenn Norbert Kerl durch die Ausstellung führt, spricht er auch über die besonderen Ausstellungen seines Vaters. Bei den Schauen im Grünberger Barfüßerkloster habe er über die Jahre einen ersten, einen zweiten und zwei dritte Preise errungen. Mit »RK« signierte Gemälde waren in den Biebertaler Partnerstädten Sarrians/Südfrankreich und Denbigh/Wales zu sehen.
Eine Herzensangelegenheit für alle Beteiligten war die Teilnahme des »Bunte Palette«-Mitglieds an einer Ausstellung des Arbeitskreises Egerländer Kulturschaffender in Schwandorf. Damals, es müsste vor knapp 30 Jahren gewesen sein, habe man anschließend noch die alte Heimat des Vaters besucht – Seestadtl im Bezirk Komotau im Sudetenland, Falkenau an der Eger. »Da bekomme ich heute noch Gänsehaut«, verrät der Sohn, sei es doch ebenfalls eine Phase der ungewohnten Nähe zum Vater gewesen. Die Vorfahren hatten im Egerland zum gehobenen Bürgertum gezählt; der Großvater von Norbert Kerl und dessen Bruder Jürgen war Prokurist in einem Kohlewerk. Die Familie bewohnte eine Villa.

Erinnerungen an Julia Siltschenko

Nicht zu vergessen unter den nahezu 90 Einzel- und Gruppenausstellungen, die Reinhold Kerl zeitlebens bestritt, ist jene in Moskau. Sie sollte das Leben der Familie unrerwartet verändern, bereichern. Vorangegangen war eine Ausstellung in Kloster Arnsburg, organisiert von Malerin Lilia Slavinskaja aus Kaluga. Der Russin war ein von Reinhold Kerl gestalteter Kalender aufgefallen. Nach kurzem Besuch in Rodheim-Bieber entschied Slavinskaja: Kerl sollte in Moskau ausstellen, in der Belajewo-Galerie.
Im November 1991 reisten Reinhold und Leni Kerl mit Pfarrer Karlheinz Alsmeier und den befreundeten Eheleuten Mattern gen Osten – um zunächst Hilfsgüter dorthin zu bringen. Noch vor der Ausstellung, die 1992 folgte. Denn die befreundete Malerin hatte auch von der Not in ihrem Land erzählt. Was folgte, stieß seinerzeit weit übers Biebertal hinaus auf Interesse und Mitgefühl. In einem Invalidenheim hatten die Oberhessen Julia Siltschenko gesehen, ein Mädchen, dem man wegen eines Tumors ein Bein amputiert hatte. Unvergessen bis heute die Aktion »Hilfe für Julia« samt mehrfacher Besuche des Mädchen, das dann hier immer wieder Prothesen bekam. Unvergessen auch, dass im Laufe der Jahre 14 große Lastzüge mit Hilfsgütern aller Art, gesammelt in Biebertal und Umgebung, auf den Weg gebracht wurden. Eine grandiose Leistung
Norbert Kerl wird verlegen. Ja, auch das war sein Vater, mit dem er so lang nicht oder nur schwer hatte reden können. Was ihn zudem freut: Julia geht es gut. Sie spricht fließend die Sprache ihrer Helfer, studierte in ihrer Heimat Jura, ist verheiratet, arbeitet bei der Staatsanwaltschaft in Moskau. Keine Frage: Die Biebertaler Kaluga-Hilfe hat dem Leben dieser jungen Frau eine grundlegend positive Richtung gegeben. »Sie wäre dort in einem Heim für Krebskranke versauert.«
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Die Ausstellung im Heimatmuseum Rodheim-Bieber ist noch am 11. und am 18. Dezember geöffnet, jeweils von 15 bis 17 Uhr. Eintritt frei. 2017 oder 2018 soll es eine große Reinhold-Kerl-Werkschau geben.

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