20. März 2017, 10:00 Uhr

Geragoge

Der Mann fürs Altwerden

Alt werden will jeder, und zwar gesund und in Würde. Damit dies gelingt, gibt es in Biebertal Ludger Hellmann. Er ist einer der wenigen Geragogen im Kreis Gießen.
20. März 2017, 10:00 Uhr
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Von Rüdiger Soßdorf
Ob Schulung am PC, gemeinsames Singen oder eine Lesung in der Bücherei für die Seniorenrunde – die Angebote, die Hellmann in Biebertal organisiert, sind vielfältig. (Fotos: mo)

Wer Ludger Hellmann sprechen möchte, der findet ihn in der alten Schule in Rodheim; seit vielen Jahren eines Haus der sozialen Dienstleistungen: Im Erdgeschoss hat die private Kinderbetreuung »Sternschuppe« ihr Domizil, im Obergechoss befindet sich die Tagespflege, die Diakoniestation hat hier ihr Zuhause - und eben der Geragoge. Montags und Mittwochs bietet Hellmann vormittags Sprechzeiten an; ansonsten unter der Woche immer nach Vereinbarung (064 09/30 45).

Wie aber sieht das Arbeitsfeld des Geragogen Ludger Hellmann aus? Was macht der Mann in Diensten der Gemeinde?

Er berät beispielsweise zu Fragen der Pflegeversicherung. Er ist erster Ansprechpartner, wenn es um das Organisieren von Betreuung oder Hilfen im Alltag geht. Er ist Bindeglied in die seit 1993 etablierte Tagespflege hinein, zum AWO-Pflegeheim mit stationärer Pflege und Seniorenwohnen und zur Diakoniestation mit ihrer ambulanten häuslichen Pflege. Darüber hinaus organisiert und begleitet er die kommunalen Senioren-Urlaubsfahrten. Er berät mit Blick auf seniorengerechtes, barrierefreies Wohnen. Er weiß Bescheid um Demenz und den Umgang damit – auf eine kurze Formel gebracht: Er ist der Mann fürs Altwerden.

Wie kommt man als studierter Psychologe dazu? Nach dem Studium bildete er sich zum Geragogen weiter und arbeitete in der Licher Straße in Gießen in der Gerontopsychiatrie. Danach folgte eine Zeit im Sozialdienst in einem Pflegeheim, bis denn der Ruf nach Biebertal kam.

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Ludger Hellmann

Die wenigsten wollen gerne in der Altenhilfe arbeiten, weiß Ludger Hellmann. Und das hat was mit dem negativen Altersbild heute zu tun. Ja – die Menschen werden in späten Lebensjahren vielfach zunehmend hilfsbedürftig. Aber sie haben auch ein riesiges Potenzial an Wissen, sagt der Geragoge. Und unterstreicht: »Wir müssen den alten Menschen Respekt entgegenbringen. Und wir müssen sehen, dass sie noch etwas können, das sie etwas Wert sind in unserer Gesellschaft«.


Seit 25 Jahren beliebte Anlaufstelle

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Hellmann bewusst für und mit alten Menschen. Die Aufgabe ist für die Gemeinde zwar kein Alleinstellungsmerkmal, aber doch schon etwas Besonderes: Kommunale Seniorenbüros gibt es in der Region in diesem Zuschnitts nur noch in Gießen und in Hüttenberg.

Um 1990 herum wurde in Biebertal die erste Jugendpflegerstelle geschaffen, und da war es der Opposition ein Anliegen, auch etwas für die Senioren zumachen, erinnert sich Hellmann schmunzelnd. Alles lange her. Die Stelle fand schnell Akzeptanz und genießt bis heute großen Rückhalt in der Gemeinde, bei allen politischen Kräften.

Was Ludger Hellmann erfahren hat, und warum es ihn und sein Wirken gibt: Es bedarf beim Altwerden auch professioneller Hilfe: Schon lange ist es nicht mehr so, dass Nachbarschaft und Familie vieles oder gar alles auffangen. Das funktioniert auf Dauer nicht.

Für Hellmann ist das Besondere bei seinem Tun das Wissen um das Recht auf lebenslanges Lernen – das hat, so sagt er, auch etwas mit Würde zu tun. Alters-Lernen ist anders als Schule, aber nicht minder bedeutsam. Beispielsweise in der von ihm moderierten Seniorenrunde sieht Ludger Hellmann immer wieder, dass die Menschen aktiv dabei sind, dass sie sich einbringen wollen. Zumal die heute 70-Jährigen eindeutig fitter sind als noch vor vielleicht zwei Generationen; resultierend aus besserer medizinischer Versorgung und geringerer körperlicher Belastung im Berufsleben.


"Arbeit macht Mut, selbst dem Alter gegenüberzustehen"

Vorzeichen und Schwerpunkte wandeln sich: Mit den Seniorenfahrten wendet man sich in Biebertal mittlerweile vornehmlich an die Menschen, die sonst nicht mehr so rauskommen – alle anderen, die noch selbständig sind, können auch selbst mit einem Reiseunternehmen auf Tour gehen. Gleiches gilt für die Fahrten auf den Dünsberggipfel. Andere Schwerpunktsetzungen eben als früher. Das zeigt sich auch bei Angeboten wie Gehirn-Jogging oder dem mittlerweile achten Kurs "PC für Senioren".

Und das bedeutet für die Seniorenrunde alle 14 Tage, dass es eben nicht nur Kaffeee und Kuchen gibt, sondern neben dem geselligen Beisammensein immer ein Schwerpunktthema. Jüngst erst Flucht – und in dem Kontext die Frage: Was bedeutet Heimat? Überaus aktuell!

Hellmann: »Die Arbeit macht Mut, selber dem Alter gegenüberzustehen«. Denn es ist letztlich das Auseinandersetzen mit zunehmender Gebrechlichkeit, mit dem Sterben-Müssen.



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