09. Mai 2017, 13:00 Uhr

Christian Weber

Der Krebs war stärker

Christian Weber hat den Kampf gegen den Blutkrebs nicht gewinnen können. Sein Vater Burkhard blickt zurück und ruft dazu auf, sich registrieren zu lassen – um andere Betroffene zu retten.
09. Mai 2017, 13:00 Uhr

Es gibt diese Momente im Leben, die alles verändern. Für Christian Weber aus Dutenhofen war es ein Tag im November des Jahres 2015. Der 30-Jährige erhielt die niederschmetternde Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Es folgten schwere Monate mit Chemotherapie, Bestrahlungen und immer wieder Krankenhausaufenthalte, die letztlich nicht die erhoffte Heilung bringen.

10. Juli 2016: Wenige Stunden, bevor das Finale der Fußball-EM angepfiffen wird, strömen Hunderte Menschen in die Dutenhofener Sporthalle. Sie alle wollen Christian Weber helfen. Der 30-Jährige ist dringend auf das Knochenmark eines Spenders angewiesen. Das Problem: Die Gewebemerkmale müssen zu 100 Prozent übereinstimmen, nur ein genetischer Zwilling kommt für die lebensrettende Spende in Betracht. Um es vorweg zu nehmen: Christian wird an diesem Julitag keinen geeigneten Spender finden. Und trotzdem könnte die von seiner Familie organisierte Spendenaktion ein Leben gerettet haben. Vielleicht sogar mehrere. Zumindest ist der Familie von Christian Weber bekannt, dass bereits mehrere Personen dieser Aktion von der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) angeschrieben wurden – und so für eine mögliche Spende in Frage kommen.

 

Extrem belastende Zeit

 

Kurz nach den beiden Spendenaktionen – neben Dutenhofen gab es auch eine in Langenselbold – gab es dennoch eine positive Nachricht für Christian Weber. Vater Burkhard erzählt: »Bei einer ähnlichen Aktion außerhalb Europas ist ein Spender gefunden worden, der für Christian in Frage kam. Die Erleichterung war riesengroß.« Doch es schloss sich eine Zeit des Hoffens und Bangens an. Kein Wunder: Christians genetischer Zwilling hatte sich lediglich registrieren lassen. Ob er tatsächlich bereit und gesund ist, wussten die Webers nicht. »Schlussendlich konnten wir aber aufatmen«, erinnert sich der Vater. Der Termin für die Transplantation wurde auf den 16. August festgesetzt.

Der Eingriff an sich ist harmlos, im Grunde nicht mehr als eine 30-minütige Bluttransfusion, die Vorbereitungszeit war dafür umso härter. Christian musste eine Hochdosis-Chemotherapie über sich ergehen lassen, die das eigene Immunsystem zerstört, damit sein Körper die fremden Stammzellen nicht abstößt. Das ist der »point of no return«, denn ab jetzt ist man zwingend auf die fremde Stammzellenspende angewiesen.

»Außenstehende können sich gar nicht vorstellen, was Patienten in dieser Zeit durchmachen müssen«, sagt Burkhard Weber. Es sind nicht nur die physischen Auswirkungen und die teilweise extremen Nebenwirkungen, sondern auch die psychischen. Mental war die Zeit extrem belastend. »Er war isoliert, quasi in Quarantäne, wir konnten Christian nur durch eine Doppelschleuse und mit Schutzkleidung besuchen.« Auch nach der Transplantation musste Christian Weber wegen seines geschwächten Immunsystems abgeschirmt werden. Denn jeder kleine Infekt ist in dieser Zeit lebensbedrohlich. Um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern, wurde er mit vielen Medikamenten versorgt. Keine einfache Zeit, und jeden Tag der Blick auf die Blutwerte, die verraten, ob die Therapie anschlägt. Er hat das damals alles überstanden, »davor kann man nur den Hut ziehen«, sagt sein Vater.

 

Niederschmetternde Diagnose

 

Alles schien auf einem guten Weg, bis im Oktober letzten Jahres die niederschmetternde Diagnose kam: Der Krebs ist zurück. Aber damit nicht genug. Die Ärzte in Gießen und Marburg hatten ihre Möglichkeiten ausgeschöpft und keine Hoffnung mehr.

Zufällig erkundigt sich just an diesem Tag ein ehemaliger Ruderkollege bei Christian Weber nach dessen Gesundheitszustand. Als Mitglied des Organisationsteams der »Tour der Hoffnung« stellte er am gleichen Tag einen Kontakt zu Professor Hermann Einsele am Universitätsklinikum Würzburg her, einem der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet, der sofort seine Hilfe zusagte. »Wir sind gleich am nächsten Tag nach Würzburg gefahren, um noch nach einer Chance zu suchen, das Leben von Christian zu retten«, erzählt der Vater. Einsele bestätigte die Diagnosen der Ärzte aus Gießen und Marburg. Aber durch die in Würzburg in seinem Team möglichen klinischen Studien gab es noch eine kleine Chance eines individuellen Heilversuchs, der im Rahmen der Würzburger Forschungsarbeiten unternommen werden konnte. »Ein Ritt auf der Rasierklinge«, aber eine Chance. Vor allem für das Leben von Christian Weber, aber auch, um »irgendwann das Leben von vielen anderen Patienten mit der gleichen Krankheit« retten zu können, sagt Burkhard Weber.

 

Zeit der Ungewissheit

 

Was folgte, war eine ähnliche Tortur wie in Marburg, bis Christian kurz vor Silvester nach Hause entlassen wurde. Es war eine lange Zeit der Ungewissheit, der Sorge und des Hoffens. »Was man in dieser Zeit braucht, ist eine unheimliche Geduld und eine große Menge Demut. Das Schlimmste ist, dass man selbst überhaupt nichts tun kann außer sich innerhalb der Familie beizustehen, sich Mut zuzusprechen und zu helfen, wo es geht«, erzählt der Vater. Die erlösende Nachricht kam Ende Januar aus Würzburg: »Es sind keine aktiven Krebszellen mehr nachweisbar«. Die Therapie hatte angeschlagen, und zwar in einer Weise, die selbst die Spezialisten in Würzburg mehr als erstaunte. Aber auch dieser Erfolg war nur von kurzer Dauer – und der Krebs wieder einmal stärker. Christian Weber ist am Ostersamstag im Alter von nur 31 Jahren zu Hause verstorben.

»Was weiterlebt, ist die Hoffnung, dass in naher Zukunft nicht nur die Chance besteht, mehr Menschen von dieser schrecklichen Krankheit zu heilen, sondern über die Wege der Forschung auch Möglichkeiten zu finden, früher und gezielter zu heilen und Mittel zu finden, die den ohnehin mehr als gestraften Patienten die extremen Nebenwirkungen der Behandlungen erspart oder zumindest mildert«, sagt Burkhard Weber.

 

Die Nadel im Heuhaufen

 

1800 Menschen waren es, die im Juli 2016 an den beiden Spendenaktionen für Christian Weber teilgenommen haben. 30 000 Euro wurden gesammelt oder von Sponsoren zur Verfügung gestellt, damit die DKMS ihre Aufgabe erfüllen kann. Denn die Registrierung jedes potenziellen Spenders kostet 40 Euro und wird nicht vom Gesundheitssystem übernommen. Auch wenn die Registrierungsaktionen in Dutenhofen und Langenselbold nicht zum Erfolg für Christian geführt haben, waren sie nicht umsonst, betont Burkhard Weber. »Es geht darum, den Pool zu vergrößern und immer mehr Nadeln in den Heuhaufen zu stecken. Jede einzelne Spende kann Leben retten, nicht nur regional, sondern weltweit.

Sein Sohn ist dafür das beste Beispiel: Irgendwo am anderen Ende der Welt haben Menschen nach dem genetischen Zwilling für den Freund, die Mutter oder das Kind gesucht. Sie fanden den von Christian Weber. Und wer weiß, vielleicht freut sich heute eine Familie in Amerika, Australien oder Asien, weil am 10. Juli 2016 in Dutenhofen ein geeigneter Spender gefunden wurde. »Es ist leider noch immer so, dass alleine in Deutschland jährlich Milliarden ausgegeben werden, um die Verkehrssicherheit im Promille-Bereich zu verbessern, die klinische Forschung aber immer noch zu einem großen Teil aus Spenden finanziert wird«, sagt Burkhard Weber. Aus diesem Grund wird die Familie den Betrag der Geldspenden, die sie nach dem Tod von Christian erreichte, verdoppeln, und je zur Hälfte an die DKMS und die Aktion Hilfe im Kampf gegen Krebs in Würzburg spenden. »Wenn Sie auch helfen möchten, die Spendenkonten finden Sie nachfolgend«, ruft Burkhard Weber auf.

Info

Registrieren und spenden

Leukämie ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die im Körper für die Infektabwehr zuständig sind. Bei Blutkrebs kommt es im Knochenmark zu einer explosionsartigen Vermehrung der weißen Blutkörperchen. Jährlich erkranken in Deutschland mehr als 10 000 Menschen daran. Auch viele Kinder sind betroffen. Nur Knochenmarkspenden können ihr Leben retten. Wer helfen will, kann sich auf der Internetseite www.dkms.de registrieren lassen. Wer will, kann die DKMS auch mit einer Geldspende unterstützen.
DKMS Spendenkonto:
IBAN: DE64 6415 0020 0000 2555 56
BIC: SOLADES1TUB
Verein Hilfe im Kampf gegen Krebs, Spendenkonto bei der Sparkasse Mainfranken: IBAN: DE79 7905 0000 0000 0776 77
BIC: BYLADEM1SWU

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