Kreis Gießen

Der Dienstälteste geht

Gießen (no). Bis Silvester ist der Laubacher Dirk Oßwald von den Freien Wählern der dienstälteste Hauptamtliche an der Spitze des Landkreises. Doch seine Zeit am Riversplatz geht zu Ende: Er wird Vorstand des Vereins Lebenshilfe Gießen.Ein Blick zurück – aber nicht im Zorn. Noch gibt’s zu tun, erst dann geht’s nach vorn.
10. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Norbert Schmidt
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Von wegen ganz entspannte Abschiedstour durchs Gießener Land: Eben die Festplatte am PC löschen, den Schreibtisch räumen, ein Glas Sekt mit den engsten Mitarbeitern in der Verwaltung – und dann, am besten noch vor den Feiertagen, ab durch die Mitte. Dirk Oßwald, seit Juni 2009 hauptamtlicher Kreisbeigeordneter, muss vor seinem Wechsel an die Spitze des Vereins Lebenshilfe Gießen bis zum letzten Tag arbeiten. Das Urlaubsbudget für 2016 ist aufgezehrt – und außerdem sind noch ein paar Baustellen aus dem Weg zu räumen.
Beim Gespräch mit dieser Zeitung sagte der 46-jährige Laubacher dieser Tage, dass dies – im Umkehrschluss – auch beim Dienstantritt nicht viel anders gewesen sei: Ganz schnell hatte er als Erster Kreisbeigeordneter auf Betriebstemperatur sein müssen wegen personeller Turbulenzen im öffentlichen Feuerwehrwesen und wegen Erkrankung von Landrat Willi Marx. Oßwald bestand die Feuertaufe.
Jetzt, siebeneinhalb Jahre später, sind es vor allem der von ihm verhandelte (und am Montag noch vom Kreistag zu beschließende) Verkauf des Tochterunternehmens Zaug Recycling an Mitgesellschafter Remondis und die Personalsituation im Kreis-Gesundheitsamt, die ihn besonders fordern. Seit Monaten befindet er sich nämlich auf der Suche nach einem neuen Amtsleiter. Der Amtsärzte-Markt ist leer, aber der Kreis braucht für Dr. Jörg Bremer bis Mitte 2017 einen Nachfolger. Immerhin: Zwei potenzielle Bewerber haben jüngst angeklopft, und die ersten Gespräche mit ihnen will Oßwald noch führen.

Gewählt von den Bürgerlichen

Der Laubacher Kolleg-Abiturient ist ein Allrounder. In seiner Bildungs- und Berufsbiografie stehen der Journalismus (Volontariat und Redakteurspraxis im Verlagshaus dieser Zeitung), die Leitung des Kultur- und Tourismusbüros seiner Heimatstadt, ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Verwaltungsmanagement und die Büroleitung im Landratsamt bei seinem Amtsvorgänger und Freund Stefan Becker.
Als dieser überraschend seinen Dienst quittierte, um wieder in die Privatwirtschaft zu gehen, warf Oßwald seinen Hut in den Ring. Mit Erfolg. Seine erste Wahl erfolgte mit einer Kreistagsmehrheit aus CDU, FDP und Freien Wählern. Diese verlor zwar 2011 die Kommunalwahl, Oßwald aber nicht seinen Job, weil sich die FW (wie vor 2006, nun mit den Grünen) an die Seite der SPD schlug. Nach Ablauf seiner ersten Amtszeit Mitte 2015 wechselte er – so beschlossen vom Kreistag – mit Grünen-Dezernentin Dr. Christiane Schmahl die Plätze.
Dass Landrat Marx dem jungen Betriebswirtschaftler gleich die Finanzverantwortung antrug, überraschte ebenso wenig wie die Zuteilung des Dezernats für Abfallwirtschaft. Mit Becker hatte Oßwald bereits die Umstellung des Abfallgebührensystems nach dem »Wettenberger Modell« gestaltet. Heute freut sich der scheidende Kreispolitiker, dass in seiner Zeit keine Abfallgebührenerhöhung nötig war. »Im Gegenteil: Zwischen 2004 und 2011 gab es fünf Absenkungen.«
Befragt nach den politischen Eckpfeilern seiner Arbeit, die am meisten beschäftigenden Themen, nannte Dirk Oßwald den Umgang mit einem Rekorddefizit von knapp 40 Millionen Euro allein im Jahr 2011, den nur mit hartem Sparkurs möglichen Schritt unter den Schutzschirm des Landes – und die ersten Haushalte ohne Defizit in den Jahren 2015 und 2016.
Dass er bis Ende 2015 im Landratsamt auch Jugend, Soziales und Familien zu verantworten hatte sowie seit 2011 auch das Gesundheitsamt und Veternärwesen/Verbraucherschutz, hatte ihn nur anfangs überrascht: Dann wurden daraus die Handlungsfelder mit der größten emotionalen Herausforderung. Da geht es um mehr als um Zahlen und Bilanzen, sondern immer auch unmittelbar um den Menschen.
Oßwald nimmt für sich in Anspruch, hier bei uns das Thema »Ärztliche Versorgung auf dem Land« gesetzt sowie darüber hinaus die überörtlichen Gesundheitskonferenzen installiert zu haben. »Dass wir uns als Kreis darum kümmern, obwohl es nicht zu den originären Aufgaben zählt, war und ist mir als weit ab von Gießen beheimateter Landbewohner eine Herzensangelegenheit.«

Sozialpolitische Erfolge

Wenn nun fürs Lumdatal ein Ärztehaus gebaut werde, dann sei auch dies ein Ergebnis beharrlicher politischer Arbeit. Wenn Oßwald übers Gesundheitswesen und dessen Absicherung im ländlichen Raum spricht, ist schnell die Rede von »den dicksten Brettern, die ich in meiner Amtszeit zu bohren hatte«.
»Einmalig und verlässlich funktionierend« nennt er das soziale Netz in Stadt und Landkreis, die flächendeckende Arbeit von 60 Beratungs- und Unterstützungsstellen, eben die Kreis-Zusammenarbeit mit den freien Trägern, deren Tun man vertraglich neu abgesichert habe. »Stolz bin ich in diesem Zusammenhang auf erfolgreiche Präventionsangebote für junge Eltern.« Die von ihm bis Ende 2015 zu verantwortende Flüchtlingsarbeit nennt er »hessenweit vorbildhaft«. Stichworte: Auch unter Druck keine Sporthalle belegt, schnell Sprachkursangebote, professionelle Begleitung des Ehrenamts.
Was war nach Oßwalds Ansicht das größte Sozialpolitik-Projekt der vergangenen zehn Jahre? Das Implementieren der Sozialarbeit an Schulen. Sie gebe es jetzt an allen Gesamt- und Förderschulen sowie an der Hälfte aller Grundschulen – und ohne sie sei Schulalltag kaum mehr denkbar.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Der-Dienstaelteste-geht;art457,138087

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