29. Juli 2017, 15:00 Uhr

Sprachunterricht

Der Außenminister der Kreisvolkshochschule hört auf

Über 30 Jahre war Werner Leipold an der Kreisvolkshochschule der »Herr der Sprachen«. Nun geht er in Ruhestand, doch zuvor musste er noch eine große Herausforderung meistern.
29. Juli 2017, 15:00 Uhr
Man muss sich Werner Leipold als einen vielbeschäftigten Menschen vorstellen: Der Sprachenexperte der Kreisvolkshochschule in seinem vollgestopften Büro. (Foto: us)

Als Werner Leipold am 1. Dezember 1986 seinen ersten Arbeitstag im VHS-Haus in Lich hatte, kannte er die Volkshochschule bereits gut. Während seines Studiums – Französisch und Englisch auf Lehramt – hatte er dort selbst Sprachkurse gegeben. Künftig sollte er sie organisieren. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Die Erwachsenenbildung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Vor allem hat sich das Aufgabenspektrum erweitert.

Aufbruchstimmung im VHS-Haus

Leipold hat Glück gehabt in seinem Berufsleben. Einen Monat, bevor er den Fachbereich Sprachen übernahm, war das VHS-Haus im Licher Kreuzweg eingeweiht worden. Der Romanist aus Nonnenroth platzte mitten in die Aufbruchstimmung. Und in eine Professionalisierungswelle an den Volkshochschulen. »Damals wurden die Fachbereiche mit Fachleuten besetzt«, erinnert er sich. Was nun, 30 Jahre später, vielerorts zu Umbrüchen führt, weil die Experten der ersten Stunde in den Ruhestand gehen. Auch an der Kreisvolkshochschule hat das pädagogische Personal in den vergangenen Jahren einmal komplett gewechselt.

Und immer, wenn ich meine Unterschrift und den Stempel unter ein Zertifikat gesetzt habe, hat es mich gefreut, an der Biografie eines anderen Menschen ein kleines bisschen mitgeschrieben zu haben

Werner Leipold

»Alle Leute geh’n zur VHS«: An dieses Plakat aus seiner Anfangszeit kann sich der Leipold noch gut erinnern. Nach wie vor gehe es darum, diesen Anspruch zu verwirklichen, sagt er. Nur die Methoden haben sich geändert. Vor 30 Jahren bemühte sich die Kreisvolkshochschule, in allen Außenstellen Anfängerkurse in Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch anbieten zu können. Gerade Englisch war gefragt, denn viele Menschen hatten in der Schule noch überhaupt keine Fremdsprache gelernt. Leipold setzte beim Sprachenerwerb dann neue Akzente, indem er die Städtepartnerschaft einband.

Sprachkurse auch am Wochenende

Und er führte neue Kursformen ein. Wer wollte, konnte Sprachen bald nicht nur in den üblichen Abendkursen lernen, sondern auch vormittags oder kompakt in Wochenendseminaren. »Die waren der Renner.« Heute seien die Bedürfnisse andere. Es gehe nicht mehr drum, auf Teufel komm raus jede Sprache anbieten zu können, berichtet der 65-Jährige. Dafür sei Kooperation wichtig geworden. »Wenn wir Norwegisch haben und die Kollegen in Gießen Schwedisch und jeder für den anderen wirbt, ist das doch gut.«

In den 1990er Jahren gewann Leipold eine ganz neue und sehr internationale Klientel hinzu, er wurde quasi zum Außenminister der KVHS. Fürs Akademische Auslandsamt der Uni Gießen organisierte er die studienvorbereitenden Sprachkurse mitsamt den Prüfungen. Die Teilnehmer, junge Leute aus der ganzen Welt, die in Deutschland studieren wollten, mussten ordentlich ranklotzen: 25 Stunden Sprachunterricht pro Woche und ebenso viele Stunden noch einmal fürs Lernen daheim. Diesen Einsatz muss bringen, wer es in elf Monaten vom blutigen Anfänger bis zur Studierfähigkeit bringen will.

Pilotprojekt sorgt für Aufsehen

Man kann in Lich aber nicht nur die DSH-Prüfungen (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang) ablegen, die KVHS ist auch Test-DaF-Prüfungszentrum. Wer hier besteht, darf an jeder deutschen Uni studieren. Fünf Termine werden pro Jahr angeboten. »Die 18 Plätze sind immer nach einer Viertelstunde weg«, sagt Leipold. Ein anderes Leipold’sches Baby erregt seit Jahren bundesweit Aufsehen. Gemeinsam mit der Hessischen Lehrerakademie organisiert die Kreisvolkshochschule die Seminarreihe »Deutsch als Unterrichtssprache«, bei der Lehrer aus anderen Ländern fit für ihren Einsatz an deutschen Schulen gemacht werden.

Zweimal in seinem Berufsleben hat Werner Leipold mit großen Zuwanderer-Gruppen zu tun gehabt: Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, als die Aussiedler kamen. Und seit 2015 die Flüchtlinge. Aktuell organisiert die KVHS kreisweit gut 25 Sprachkurse. Auf dem Höhepunkt der Zuwanderung Ende 2015 waren es 40. »Ich bin froh, dass wir die Situation doch ganz gut im Griff haben«, sagt er. Aber der bürokratische Aufwand sei erheblich und nur zur bewältigen, weil der Kreis das Sprachen-Team im VHS-Haus personell verstärkte. Dass er selbst einen Haufen Überstunden abgerissen hat und auch samstags im Büro saß, erwähnt der scheidende Fachbereichsleiter nur am Rande. Dafür spricht er von dem Glück eigenverantwortlicher Arbeit. »Und immer, wenn ich meine Unterschrift und den Stempel unter ein Zertifikat gesetzt habe, hat es mich gefreut, an der Biografie eines anderen Menschen ein kleines bisschen mitgeschrieben zu haben.«

Und jetzt? Von Hundert auf Null? Nein. Auch wenn Werner Leipold vom kommenden Dienstag an Ruheständler ist, will er seinem Metier treu bleiben. Zweimal wöchentlich wird er in der Erstaufnahme in Gießen bei der Einstufung geflüchteter Menschen in Sprachkurse helfen. Und auch der KVHS bleibt er erhalten. Sein Name steht im Programmheft zwar nicht mehr auf Seite 1. Aber auf Seite 130: als neuer Außenstellenleiter für Hungen.

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