24. Oktober 2018, 20:27 Uhr

Den Opfern Namen geben

24. Oktober 2018, 20:27 Uhr
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Von Christina Jung
In Hungen werden die ersten Stolpersteine von Gunter Demnig am 23. März 2016 in der Obertorstraße verlegt. In vier weiteren Kommunen im Landkreis gibt es die Gedenksteine ebenfalls bereits. Jetzt wird man auch in Lich aktiv. (Foto: Archiv)

In 1265 Städten und Gemeinden in Deutschland gibt es sie bereits, auch in fünf Kommunen im Landkreis Gießen: Stolpersteine. Erst vergangene Woche wurden 19 in Buseck verlegt. Jetzt möchten auch die Licher auf diese Weise an die Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Im Frühjahr hatte sich zu diesem Zweck die Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine gegründet, die seitdem vor allem Recherchearbeit geleistet hat.

Wer waren die Licher, die von den Nazis verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden? Wo war ihr letzter freiwilliger Wohnsitz? Wem gehören die Grundstücke heute? Haben die Opfer Nachfahren?

Einige Fragen wurden bereits beantwortet, andere sind noch offen. Dennoch hat sich die Arbeitsgemeinschaft jetzt an die Stadt gewandt und um Genehmigung für die Umsetzung des Projektes gebeten. Die ist erforderlich, weil die Messing-Gedenktafeln in der Regel auf öffentlichen Straßen verlegt werden. Der Sozialausschuss gab am Montagabend grünes Licht.

Langsdorfer schon aktiv

Ihr Vorhaben sieht die Stolpersteine-AG in Zusammenhang und als Fortsetzung der bisherigen Aktivitäten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Hille Neumann, die den Antrag für die Arbeitsgemeinschaft begründete, erinnerte an das Projekt der Dietrich-Bonhoeffer-Schule 1988, das die Erinnerungskultur in Lich erst ins Rollen brachte. Nach antisemitischen Parolen damals an der Eberstädter Kirche hatte der Magistrat die Schule beauftragt, den Zeitraum von 1933 bis 1945 in Lich zu erforschen. Diese Arbeit führte zu den Aktivitäten der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung. Es folgten die vielfältigen Veranstaltungen der 9.-November-Reihe, der Bau des Mahnmals an der evangelischen Kirche, die Renovierung der Bezalel-Synagoge.

Braucht es da überhaupt noch Stolpersteine? Ja, findet die Arbeitsgemeinschaft. »Unser Anliegen ist es, an die Schicksale der Einzelnen zu erinnern«, sagt Neumann, und: »Sie sollen einen Namen bekommen.« 31 Menschen waren es den Recherchen der AG zufolge, die ihren Wohnsitz in Lich nach 1933 verließen. Derzeit sind die Mitglieder dabei, die Nachfahren der Opfer ausfindig zu machen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Man will ihnen die Möglichkeit geben, zur Verlegung zu kommen. Auch mit den heutigen Grundstückseigentümern suchen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft das Gespräch, um eine große Akzeptanz für das Projekt zu erreichen

Wann die Gedenksteine verlegt werden, steht derzeit noch nicht fest. Frühestens aber in einem Dreivierteljahr. Die Verlegung eines Stolpersteines inklusive Vorbereitungsarbeiten, Material, Fertigung und Versand kostet 120 Euro. Finanziert werden soll dies über Spenden und Patenschaften. Aktiv geworden ist die Stolpersteine-AG diesbezüglich noch nicht. »Das ist der nächste Schritt, wenn die Stadtverordnetenversammlung zugestimmt hat«, sagt Ulla Limberger, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft, auf Anfrage der Gießener Allgemeinen. »Dann werden wir auch Gunter Demnig kontaktieren und um einen Termin bitten.« Der »Erfinder« des Kunstprojektes soll die in Messing gegossenen Erinnerungen im kommenden Jahr verlegen.

Auf die Kernstadt beschränkt ist das Projekt nicht. Die Arbeitsgemeinschaft will ihre Recherchen auf die Stadtteile ausweiten. In Langsdorf sind andere bereits aktiv geworden. Der Ortsbeirat hatte Ende Juni einstimmig dafür plädiert, insgesamt vier Stolpersteine zu verlegen.



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