08. März 2018, 05:00 Uhr

Baustelle

Das sagt der neue Schulleiter zum Schimmelproblem in Lollar

Vom Schimmel im Verwaltungstrakt bis zur unklaren Zukunft des Standorts Allendorf: Andrej Keller hat als neuer Leiter der Lollarer Gesamtschule einige Baustellen vor sich. Im Interview sagt er, wie er mit diesen Altlasten umgehen will.
08. März 2018, 05:00 Uhr
Baustelle im Blick: Wegen der Sanierung von Haus A sitzt Schulleiter Andrej Keller übergangsweise in einem »Ruheraum«. (Fotos: jwr)

Herr Keller, für manch früheren Schüler war das Büro des Direktors ein Ort, wo man nur hin musste, wenn man etwas ausgefressen hatte. Ist das immer noch so?

Andrej Keller: An diese Tür klopfen bestimmt zehn Schüler am Tag, ständig. Viele wollen einfach mal »hallo« sagen. Manche kennen mich von früher. Für pädagogische Maßnahmen sind ja die Klassenlehrer, die Klassenkonferenz und die Zweigleiter zuständig. Ich muss das am Ende nach Beratung unterschreiben. Insofern ist das eher ein vermittelndes Amt gegenüber den Schülern.

Sie waren schon einmal in Lollar, als Leiter des Gymnasialzweigs. Warum sind Sie 2016 an die Liebigschule nach Gießen gegangen?

Keller: Da war eine sehr interessante Stelle ausgeschrieben, es ging um Qualitätsmanagement, um die Entwicklung des gesellschaftswissenschaftlichen Feldes. Sowohl Geschichte als auch Politik und Wirtschaft sind nicht nur meine Fächer, sondern meine Leidenschaft. Die Herausforderung wollte ich annehmen, zumal die Liebigschule auch eine gewissen Reputation hat. Das waren anderthalb intensive Jahre.

Sie klingen recht ambitioniert. Wollen Sie hier für lange Zeit bleiben, oder soll Lollar eine Durchgangsstation sein?

Keller: Mit dem Gedanken, Lollar sein eine Durchgangsstation, habe ich noch nie gespielt. Ich war gern in Butzbach, ich war gern an der Liebigschule, habe dort tolle Erfahrungen gemacht. Aber zu Lollar und der Region habe ich eine ganz emotionale Beziehung. Ich glaube, das passt hier einfach und das soll auch so bleiben.

Wie war der erste Monat für Sie?

Keller: Es ist noch mal eine ganz andere Perspektive. Ich verbringe den ganzen Tag damit, mit vielen Menschen Gespräche zu führen, die ganz tolle Ideen haben. Das glaubt man gar nicht, wie viel Potential hier bei Kollegen und Eltern besteht, um die Schule voranzubringen, den Schülern neue Impulse zu geben.

Was sind das für Ideen?

Keller: Da geht es etwa um den Bereich der Naturwissenschaften, der Berufs- und Studienorientierung, die Ganztagsschule, Inklusion, die Mensa – ich könnte das beliebig fortsetzen. Da stellt sich für mich die Frage zu priorisieren, zu sortieren.

Decken sich die Vorschläge mit Ihren eigenen Ideen?

Keller: Natürlich habe ich auch meine persönlichen Ambitionen. Vieles deckt sich, aber für mich ist auch ganz wichtig, dass Schule sich nach außen öffnet. Mir wäre auch wichtig, die Prozesse der individuellen Förderung wissenschaftlich von der Universität begleiten zu lassen. Wenn sich da eine Kooperation ergeben könnte, würde uns das noch einen Schritt weiterbringen.

Als Schulleiter sind Sie für Lollar und Allendorf zuständig. Ein Leiter, zwei Standorte – das ist eine ungewöhnliche Konstellation. Wie häufig sind Sie in Allendorf?

Keller: Also ich habe mir fest vorgenommen, in Allendorf mindestens einmal pro Woche zu sein, um die Gespräche dort vor Ort mit Eltern, Kollegen und Schülern zu führen.

Über viele Jahre besuchten mehr als 600 Schüler die Gesamtschule Lumdatal, inzwischen sind die Zahlen rapide gesunken. Wie ist die Perspektive?

Keller: In Allendorf gibt es zurzeit 250 Schüler, die Tendenz ist zum Glück ab nächstem Jahr wieder ganz leicht steigend. Ich bin in Gesprächen mit dem Landkreis und dem Schulamt. Ich denke, dass wir alle daran interessiert sind, eine gute Lösung zu finden.

Wie würde die aus Ihrer Sicht aussehen?

Keller: Das wäre der Erhalt der Schule. Den wird es nur geben, wenn den Kollegen und Eltern dort und hier klar wird, dass wir eine gemeinsame Schule sind. Das Schicksal der Allendorfer Schule wird nicht daran hängen, ob dort 270, 250 oder 230 Schüler hingehen. Es wird daran hängen, ob die Öffentlichkeit Lollar und Allendorf als ein gelingendes Projekt wahrnimmt. Die Eltern müssen wissen: Ich schicke meine Kinder nach Lollar oder nach Allendorf und sie können dort von der Jahrgangsstufe 5 bis zur 13 alle Bildungsabschlüsse absolvieren.

Sie gehen also davon aus, dass der Standort Allendorf auf absehbare Zeit erhalten bleibt?

Keller: Ich glaube nicht, dass Allendorf geschlossen wird. Ich denke, es ist politisch gewollt, ein Bildungsangebot auch in der nicht so dicht besiedelten Region zwischen Grünberg und Lollar aufrechtzuerhalten. Schlussendlich wird es aber von der Politik entschieden.

Mit dem neuen Amt haben Sie auch eine Baustelle im wörtlichen Sinn geerbt: Der Schimmelpilzbefall im Zuge der Sanierung von Haus A ist noch immer ein Problem. Der Landkreis als Bauträger kann bislang nicht sagen, wann das behoben sein wird. Wie ist da der neueste Stand?

Keller: Derzeit ist das Betreten nicht erlaubt. In Haus A arbeitet seit Montag eine Spezialfirma. Der gesundheitsbelastende Schimmel soll komplett abgebaut werden. Die Dekontamination wird einige Wochen dauern, danach wird wieder gemessen. Ich hoffe, dass wir uns ab April langsam überlegen können, ob wir noch in diesem Schuljahr umziehen. Es ergibt keinen Sinn, wenn wir am 1. Juni in ein nicht sauberes Gebäude ziehen. Ich gehe fest davon aus, dass wir das 50-jährige Jubiläum am 7. September in der neuen Aula in Haus A feiern können.

Ich kann gut nachvollziehen, dass großer Unmut herrscht

Andrej Keller über die Raumnot wegen der Sanierung

Wie sehr stört diese Hängepartie den Schulbetrieb?

Keller: Haus A ist eigentlich unser Verwaltungsgebäude. Nun sind die Kollegen auf verschiedene Räume verteilt, es fehlt ein echtes Lehrerzimmer. Das ist ja nicht nur ein Ort, wo man sich hinsetzt, sondern auch ein sozialer Raum, eine Kommunikations- und Austauschbörse. Ich kann gut nachvollziehen, dass da großer Unmut herrscht.

Sie mussten auch ausweichen.

Keller: Ich sitze hier in einem ehemaligen Ruheraum, der stellvertretende Schulleiter im Raum der Hausmeister – das ist alles suboptimal.

Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund ist an der CBES relativ hoch. Welche Chancen birgt das?

Keller: Ob man aus der Türkei, aus Russland oder in der fünften Generation aus Salzböden kommt, das spielt hier eine viel geringere Rolle als woanders. Interkulturelles Lernen ist ein großes Thema. Ich denke, da haben wir einen Vorteil. Auch in der globalisierten Wirtschaft sind multiethnische Teams gefragt. Diese bunte Struktur ist unsere Gesellschaft, das ist die Wirklichkeit. Lollar ist da kein Ausnahmefall und wir bereiten die Schüler hier auf ein »buntes« Arbeitsleben vor. Es ist vielleicht in Allendorf von der Zusammensetzung noch ein bisschen anders, aber die Lollarer Schule hat diese Tradition.

Info

Zur Person

Andrej Keller, Jahrgang 1970, stammt aus Köln-Porz. Der Sohn kroatischer Eltern ist zweisprachig aufgewachsen. Er studierte in Bonn und beendete 2001 das Referendariat. Seit Februar ist er Schulleiter in Lollar, wo er bis 2016 bereits den Gymnasialzweig leitete. Weitere Stationen waren Butzbach und Gießen. Keller ist Vater von drei Kindern war bis vor Kurzem Fußball-Jugendtrainer.

Info

Eine Schule, zwei Standorte

Die Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) wurde 1968 gegründet, damals noch ohne Europa im Namen. Die Gesamtschule besteht aus Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialzweig bis zum Abitur. Seit 2015 ist die vorher eigenständige Gesamtschule Lumdatal in Allendorf ein Standort der CBES.

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