14. November 2017, 05:00 Uhr

Diabetes

Das ist an den Mythen über Diabetes wirklich dran

Immer mehr und immer jünger erkranken Menschen an Diabetes. Das stellt auch eine Expertin aus Pohlheim fest. Zum Weltdiabetestag klärt sie über Mythen der Krankheit auf.
14. November 2017, 05:00 Uhr
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Von Eva Diehl
Diabetiker müssen nicht obligatorisch auf Süßes verzichten. Auf eine ausgewogene Ernährung kommt es an. (Foto: Fotolia/adrian_ilie825)

An Diabetes mellitus, umgangssprachlich auch Zuckerkrankheit, sterben jährlich mehr Menschen als an AIDS und Brustkrebs zusammen. An der chronischen Stoffwechselstörung sind sieben Prozent aller Deutschen zwischen 18 und 79 Jahren erkrankt. Tendenz steigend. Immer mehr Patienten registriert auch Diabetesspezialistin Dr. Cornelia Marck in ihrer Praxis in Pohlheim. »Es ist für uns wie ein Tsunami«, sagt die Ärztin. »Das hätte ich vor 20 Jahren niemals gedacht.« Damals bot sie als Allgemeinmedizinerin nur einen halben Tag pro Woche eine spezielle Beratung für Diabetiker an. Mittlerweile führt sie eine von drei diabetischen Schwerpunktpraxen im Kreis Gießen. Zum heutigen Weltdiabetestag der Vereinten Nationen fragt GAZ die Diabetologin nach gängigen Irrtümern über die Krankheit.


Diabetes Typ 2 bekommen nur alte Menschen

Dem widersprechen die Erfahrungen in der Pohlheimer Praxis. »Ich habe immer mehr jüngere Patienten mit schwersten diabetischen Verläufen«, sagt Marck. Typ 2 Diabetes, auch Alterszucker gekannt, trat früher erst ab dem 40. Lebensjahr – heute schon ab dem 20., sagt die Ärztin. Als mögliche Ursachen für diesen Trend nennt sie zunehmende Belastungen und sitzende Tätigkeiten im Beruf sowie eine unausgeglichene Ernährung.
 

Wer genetisch vorbelastet ist, kann einer Diabetes nicht entkommen

Die beiden wichtigsten Formen der Diabetes sind genetisch veranlagt. Von Typ 1 Betroffene bilden schon im Kinder- oder Jugendalter das Hormon Insulin nicht mehr. Rund 90 Prozent aller Diabetespatienten sind am Typ 2 erkrankt. Diabetiker in der Familie erhöhen das Risiko zu erkranken, ebenso wie ein ungesunder Lebensstil. »Mit ihrem Verhalten können Menschen rotz Veranlagung dafür sorgen, dass der Zucker erst spät im Leben auftritt«, sagt sie. Etwa durch viel Bewegung sowie gesunde und fettarme Ernährung.
 

Diabetes bekommt, wer zu viel Zucker isst

»Wer einen normalen Stoffwechsel hat, kann natürlich Zucker essen«, sagt Marck. Es komme jedoch auf Menge und Kombination an. »Die Kombination aus Zucker und Fett ist das Problem für viele Typ 2-Diabetiker«, sagt sie. Die gesättigten Fettsäuren sorgen dafür, dass der Zucker nicht gut abgebaut wird und begünstigen Übergewicht. Ihre Empfehlung: »Je weniger Zucker und Fett man den Essen zusetzt, desto gesünder.«
 

Diabetiker müssen täglich Insulin spritzen

Das stimmt nur im Falle der Typ 1-Diabetes. Die Altersdiabetes lässt sich in leichten Fällen auch ohne Spritzen therapieren – etwa durch einen Wandel im Lebensstil. Zudem gibt es wirksame Tabletten. Auch in ihrer Praxis setzt Marck Insulin als letztes Mittel ein. »Vorher versuchen wir mit allen Möglichkeiten den Stoffwechsel des Patienten zu stabilisieren«, sagt sie.
 

Wer einmal Insulin gespritzt hat, kommt nie wieder davon los

»Insulin macht nicht abhängig«, erklärt die Pohlheimer Ärztin. »Eine Insulintherapie ist nur dann dauerhaft nötig, wenn der Körper kein Insulin mehr produziert, also bei Typ 1-Diabetikern.« In ihrer Praxis erlebe sie es immer wieder, dass Typ 2-Patienten direkt nach der Diagnose Insulin spritzen müssten bis sich ihr Körper stabilisiert habe. Danach könnten viele auf Tabletten umsteigen.
 

Menschen mit Diabetes sollten spezielle Diät-Lebensmittel essen

Diese Vorstellung ist mittlerweile veraltet. »Wir empfehlen Diät-Lebensmittel nicht mehr. Gesunde Ernährung bedeutet, dass wir normale gesunde Lebensmittel zu uns nehmen«, sagt Marck. Sie rät stattdessen zu einer ausgeglichenen Mischkost mit wenig Zucker, Fett und kurzen Kohlenhydraten wie Weißmehlprodukten und stattdessen mit Vollkornprodukten, viel Obst und Gemüse.«
 

Diabetiker dürfen keine Süßigkeiten essen

»Ich würde Süßigkeiten nicht generell verbieten«, sagt die Ärztin. Als Teil einer ausgewogenen Ernährung dürften auch Diabetiker mal ein Stück Torte essen. In Kombination mit Bewegung werde der Zucker dann schneller verarbeitet.
 

Sport ist gefährlich für Diabetiker

»Im Gegenteil«, sagt die Diabetesspezialistin. Regelmäßige Bewegung gehöre in jeden Alltag: 10 000 Schritte am Tag solle man gehen oder drei längere Sporteinheiten pro Woche absolvieren. Bewegung hilft Menschen mit Diabetes ihr Körpergewicht sowie ihren Blutzucker zu stabilisieren und kann sogar den Bedarf an Insulin reduzieren. Wer bereits in Insulintherapie ist, sollte sich vom Hausarzt beraten lassen.
 

Info

Aktiv vorbeugen – Präventions-Programm ab 2018

Sich über Diabetes zu informieren und den Lebensstil so zu gestalten, dass die Krankheit erst gar nicht oder erst im hohen Alter ausbricht, ist das Ziel des Programms »Diabetes mellitus? Ich nicht!«, kurz Dimini. Für das Projekt der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und der Krankenkasse AOK können sich Diabetes-Typ 2-gefährdete Patienten ab dem 1. Januar 2018 bei ihren Ärzten anmelden. Teil der Programms sind Beratungen über maximal 15 Monate, etwa zu gesunder Ernährung oder Bewegung. Dazu gibt es zum Beispiel Fitnessarmbänder und Schrittzähler. Für AOK-Patienten ist die Teilnahme kostenlos. Versicherte anderer Kassen können ebenfalls für rund 150 Euro teilnehmen. Ob die Krankenversicherung die Kosten erstattet, ist Entscheidung der Kasse. Ob man gefährdet ist, an einer Diabetes Typ 2 zu erkranken, kann man auch im Internet mit dem wissenschaftlich belegten Fragebogen FINDRISK testen unter www.diabetesstiftung.de/gesundheitscheck-diabetes-findrisk.



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