05. November 2018, 09:00 Uhr

Baumsterben

Das große Fressen im Forst

Sie heißen Buchdrucker oder Kupferstecher und sind im Forst gefürchtet. Denn wegen der langen Dürre richten die Borkenkäfer große Schäden an, auch im Landkreis Gießen.
05. November 2018, 09:00 Uhr
Borkenkäfer (Foto: dpa)

Die Zahlen sind erschreckend: Ungezählte Bäume, vor allem Fichten, sind bereits durch den fresswütigen Borkenkäfer so sehr geschädigt worden, dass sie gefällt werden müssen. Allein in Nordrhein-Westfalen werden gut zwei Millionen Kubikmeter Schadholz erwartet.

Auch Ralf Jäkel, Bereichsleiter Produktion beim Forstamt Wettenberg, kann ein Lied vom Käfer singen. Obwohl es für eine exakte Schadensbewertung im Landkreis noch zu früh sei, eins könne man bereits sagen: Die Menge an »Käferholz« werde deutlich über jener liegen, die »Frederike« zu Fall gebracht habe.

Der Sturm hatte im Januar allein in Hessen, so nur die Zahlen des Landesbetriebs, rund 1,5 Millionen Kubikmeter »geerntet«. Nur ein Viertel weniger als der gesamte Jahreseinschlag.

Erst die Windwürfe, dann die Dürre und der Käferbefall. Daraus resultiert ein Überangebot, das die Bilanzen der Waldbesitzer erschüttern dürfte.

Jäkel: »In Mitteleuropa ist der Fichtenmarkt quasi zusammengebrochen, hat sich der Preis bis heute etwa halbiert.« Für das Laubholz dagegen könnten noch keine abschließenden Aussagen getroffen werden.

Ersticken im Harzfluss

Zum Schaden durch Preisverfall und höhere Aufarbeitungskosten (das Holz muss aus dem Wald) kämen noch die hohen Kosten für Neukulturen hinzu.

Folgten weitere »schöne« Sommer wie 2018, fänden auch diese Kulturen schlechte Startbedingungen vor. Anwuchsausfälle und Nachbesserungen würden dann weiter die Bilanzen belasten. »Ganz abgesehen vom ökologischen Schaden«, merkt der Forstdirektor noch an.

Buchdrucker, Kupferstecher und Konsorten bohren sich in die Rinde von Nadelbäumen, legen dort ihre Eier ab, ernähren sich vom Bast, wodurch der Baum in der Regel abstirbt oder sein Wert gemindert wird. Warum aber kommt es erst recht in langen Trockenperioden zum »großen Fressen im Forst«?

Wie der stellvertretende Amtsleiter erläutert, sinkt bei Wassermangel der Druck des Harzflusses. »Borkenkäfer, die sich in die Rinde einbohren wollen, sind häufiger erfolgreich als in Jahren guter Wasserversorgung, da viele im Harzfluss ersticken.«

Trockenheit fördert somit die Schädlingsanfälligkeit erheblich. Zudem schafften es die Insekten, bei trockener, warmer Witterung und einer mittlerweile längeren Vegetationszeit eine dritte, im Süden vielleicht sogar vierte Generation hervorzubringen. Folge: »Die Käferzahlen bewegen sich im Sommer mehrfach exponentiell nach oben.«

»Sonnenbrand« bei Bäumen

Was bei Fichten auch optisch relativ früh auffällt, geschieht bei Laubbäumen verzögert. Auch diese leiden nach Jäkel massiv unter der Trockenheit, auch ihnen fehle der Wasserdruck in den Gefäßen.

Woraus eine Unterversorgung der oberen Stammteile resultiere, diese lichteten sich auf. Ohne Beschattung aber kommt es, gerade bei Buchen als einer Hauptart unserer Region, zu »Sonnenbrand«: Die Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holzkörper stirbt ab, Teile der Borke lösen sich, Pilzsporen dringen leichter ins Holz ein.

Im Wald ist der Klimawandel längst angekommen

Ralf Jäkel

Überdies: Auf Laubbäume spezialisierte Schadinsekten, die einem gesunden, gut mit Wasser versorgtem Stamm nichts anhaben könnten, sorgen bei Trockenheit für zusätzlichen Stress.

Anders als bei den Fichten zieht sich, so der Experte weiter, das Sterben der Eichen und Buchen länger hin. Zwei bis drei Jahre dauere dies. Jäkel: »Das gesamte Ausmaß des Schadens ist daher noch gar nicht einzuschätzen.«

Besonders warme, trockene Jahre habe es immer wieder mal gegeben, die Häufung in den letzten 20 Jahren aber sei schon sehr auffällig, fährt der Produktionsleiter des Forstamtes fort.

Fazit: »Im Wald ist der Klimawandel längst angekommen.« Ein Beleg sei auch, dass die Vegetationszeit heute im Schnitt drei Wochen länger dauere als vor 30 Jahren. »Ich kann mich nicht daran erinnern, dass solche Höchstwerte der Temperatur in meiner Kindheit und Jugend je erreicht worden wären.«

Wichtig: Standorttauglichkeit 

Vor diesem Hintergrund, was empfiehlt der Landesbetrieb seinen Kunden, in den meisten Fällen Städte und Gemeinden? »Wir setzen bei der Wiederbewaldung konsequent auf die Standorttauglichkeit der Baumart der nächsten Waldgeneration«, betont der Fachmann.

Dafür habe man etwa eine Karte erstellt, die anhand von Klimadaten für Fichten zukunftsfähige Flächen ausweise. Im Übrigen hofft man beim Forstamt Wettenberg auf die genetische Breite der heimischen Arten.

»Eine junge Buche, die ›lernt‹ mit Wassermangel zu leben, kann dies auch in ihrem weiteren Leben. Die jetzt am stärksten betroffenen Altbestände sind oft solche, die in den ersten 100 bis 120 Lebensjahren immer genug zu trinken hatten. Und die gewöhnen sich nicht mehr um«, so Ralf Jäkel.

Heißt: Der Landesbetrieb Hessen Forst setzt insgesamt mehr auf das Portfolio heimischer Arten als auf »Exoten«. Douglasien, Roteichen oder Esskastanien wird der Spaziergänger dennoch sehen können, wenn auch nur auf Teilflächen.

(Foto: fotolia/Friedberg)

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