19. Dezember 2016, 12:00 Uhr

»Das ganze Haus muss brennen«

Biebertal/Gießen (juw). Als »höflich aber distanziert« galt der Beschuldigte in dem Biebertaler Wohnheim für Jugendliche mit Behinderung. Erzieher schilderten den anerkannten Flüchtling als motivierten und guten Schüler, der ein klares Ziel vor Augen hatte: Seinen Hauptschulabschluss und eine eigene Wohnung. Beides stand kurz bevor. Doch dann kam der 30. Juli: Ein Pädagoge ertappte den 18-Jährigen bei dem Versuch, einen Papierstapel auf dem Holzfußboden seines Zimmers zu entzünden und konnte Schlimmeres verhindern. Einem Mitbewohner hatte der junge Mann zuvor anvertraut, sein Zimmer in Brand setzen zu wollen. An anderer Stelle soll er davon gesprochen haben, alle 20 Bewohner des Heims umbringen zu wollen.
19. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Während der Verhandlung vor einem Schöffengericht des Gießener Amtsgerichts wirkte der junge Mann aus Eritrea verwirrt und unkonzentriert. Trotz guter Deutschkenntnisse blieben seine Antworten unverständlich. »Warum bin ich hier?«, fragte er mehrmals in die Runde. Von ihm gehe eine Gefahr für die Allgemeinheit aus, hieß es in der Anklageschrift. Zwei Gutachter bestätigen eine psychische Beeinträchtigung des Schülers.
Zwei Pädagogen schilderten, wie sich der Beschuldigte zwei Wochen vor dem Vorfall zusehends aus der Wohngruppe zurückgezogen, Essen und Medikamente – Schmerzmittel mit antidepressiver Wirkung – verweigert hatte. »Das ganze Haus muss brennen«, hatte er einem Erzieher nach der versuchten Brandlegung erklärt: »Es hat alles keinen Sinn mehr, ihr habt mein Leben kaputt gemacht.« Für einen islamistischen Hintergrund der Tat gebe es keine Hinweise, erklärte ein Kripobeamter.
Die verlesenen Akten gewährten einen Einblick in das Schicksal des jungen Mannes. Mitte 2014 trat der damals 16-Jährige die Flucht aus Eritrea an. In Libyen soll er der einzige Überlebende eines Autounfalls gewesen sein. Nachdem man ihn zum Sterben unter einen Baum gelegt hatte, konnte er die Flucht über Italien und Frankreich erfolgreich fortsetzen – allerdings mit einer unbehandelten Schädelbasisfraktur.
Durch eine Schädigung der Hirnsubstanz leide er nun an einer seelischen Störung, erklärte der psychiatrische Sachverständige Dr. Tobias Krusche. Der Mann sei daher als schuldunfähig einzustufen. Da jedoch nicht auszuschließen sei, dass sich seine Aggressionen auch gegen Menschen richten können, plädierte Krusche für die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Hier könne eine Medikation als Hilfe zur Selbsthilfe sichergestellt werden.
In der Urteilsbegründung richtete sich der Vorsitzende Richter Harald Wack direkt an den Beschuldigten: »Sie sind hier, weil Ihre Erkrankung Sie gefährlich macht. Sie können nichts dafür, aber die Gesellschaft muss geschützt werden.« Auch sei der junge Mann unbedingt behandlungsbedürftig.
Das Gericht ordnete im Einklang mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung die weitere Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an. Dort, so die Hoffnung, kann es gelingen, die positiven Anlagen des Mannes zu fördern.

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