02. Februar 2019, 18:00 Uhr

Flüchtlingscamp

Das erlebt eine Wettenbergerin im Flüchtlingscamp auf Lesbos

Andrea Wegener aus Wißmar arbeitet seit November im Camp Moria, wo Tausende Geflüchtete auf engstem Raum leben. Sie berichtet von Verzweiflung und großer Gastfreundschaft in kleinen Zelten.
02. Februar 2019, 18:00 Uhr
Das Provisorium ist zum Dauerzustand geworden: Im Camp Moria in Griechenland leben Menschen auf engstem Raum. (Foto: Gain/pm)

Der erste Eindruck sitzt Andrea Wegener noch immer in der Nase: »Eine Mischung aus Abwasser, ungewaschenen Füßen und irgendwas Süßem. Man kriegt das aus den Kleidern nicht raus.« Sie nennt es den »Moria-Geruch«. Der zweite Eindruck: Menschen, überall Menschen.

Seit November arbeitet die Wißmarerin im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Dort stranden Menschen, die unter anderem aus Afghanistan, Irak, Syrien oder Afrika geflohen sind und es über den Seeweg aus der Türkei in die EU geschafft haben. Etwa die Hälfte der Boote werde abgefangen, erzählt sie.

Das Camp platzt trotzdem aus allen Nähten: Es ist für rund 2000 Menschen ausgelegt, im Sommer lebten hier knapp 10 000, zuletzt noch immer rund 5000. »Immer, wenn die See halbwegs ruhig ist, sind Boote unterwegs.«

 

Eine Toilette für 80 Personen

Das Camp ist kaum größer als eine Handvoll Fußballfelder. Einige Gestrandete haben ihr Zelt jenseits den Zauns an einem Olivenhain aufgestellt. Offiziell sei das Camp gar kein Camp, sondern ein »Hotspot«, quasi eine Durchgangsstation, erzählt Wegener. Daher gebe es keinen Schulunterricht und besonders wenig Raum für den Einzelnen. Teils müssen sich 80 Personen eine Toilette teilen.

Hunger sei vor Ort eigentlich kein Problem, zumindest nicht das größte: Dreimal pro Tag stehen die Bewohner etwa drei Stunden lang Schlange für Mahlzeiten. Doch es hakt an vielem: Raum, Zelte, Kleidung. Die 43-Jährige arbeitet im Warenlager, etwas außerhalb des Camps, verwaltet und sortiert Hilfsgüter. Oft mangelt es an der Organisation: »Ich muss hoffen, dass das, was wir kriegen, eine Lücke füllt und nicht schon da ist.«

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Andrea Wegener im Warenlager in der Nähe des Camps. (Foto: pm)

Wer auf der kleinen Fläche Unterschlupf findet, wird dort nicht eingesperrt. Die Geflüchteten können sich auf Lesbos frei bewegen, bekommen eine »Cashcard«, um einzukaufen. Mancher versucht auf eigene Faust, sich weiter durchzuschlagen. Das macht die Vorratsplanung im Camp umso schwerer.

 

Vollmundige Versprechen der Schlepper

Tagsüber ist Wegener im Lager, manchmal auch im Camp. Nach Feierabend kann sie von ihrer Wohnung in der Ferne die Türkei sehen. Der umstrittene »Türkei-Deal« der EU sollte der Zuwanderung über die Ägais einen Riegel vorschieben. Was hält Wegener von dem Abkommen? »Mir kommt da immer das Bild von einem Kind in den Sinn, das sich die Augen zuhält: Wir tun so, als würde das Problem einfach weggehen.«

Dass es nicht so einfach ist, zeigt die Situation in Camp Moria. Viele Neuankömmlinge haben noch immer Deutschland als Ziel. Die Versprechungen von Schleppern klingen oft vollmundig: »Es ist den Leuten nicht bewusst, dass sie in Griechenland bleiben müssen. Manche haben gefälschte Bahnfahrkarten nach Hamburg dabei.«

Statt dessen bleiben viele auf Lesbos hängen – manche für ein paar Tage oder Wochen, manche für zwei Jahre. Unter ihnen sind Familien, aber auch viele unbegleitete Jungen. Gewalt und brenzlige Situationen gebe es eher nachts, wenn sie nicht im Camp ist, berichtet Wegener.

Es passiert, dass sich fünf Jungs gleichzeitig die Pulsadern aufschneiden

Andrea Wegener

»Viel Leid ist verborgen«, doch manchmal tritt es offen zutage. »Es gibt hier viele psychisch verstörte Menschen, die vor sich hin reden oder schreien. Es passiert, dass sich fünf Jungs gleichzeitig die Pulsadern aufschneiden.«

 

Zwischen Verzweiflung und Gastfreundschaft

Mitunter lässt schon ein Blick in die Datenbank des Camps erahnen, welche Odysseen die Gestrandeten hinter sich haben: »Zum Beispiel eine 22-jährige Frau, die ohne Mann und mit vier Kindern unter sechs Jahren angekommen ist. Daneben stehen dann die Bilder der Menschen. Ich halte es manchmal nicht aus, in diese Augen zu blicken«, sagt sie.

Dazwischen mischen sich schöne Momente. Wegener will ihre Eindrücke nicht nur dramatisch verstanden wissen. »Gleichzeitig gibt es unglaublich viel Freundlichkeit, gemeinsames Anpacken, Gastfreundschaft.« Sie erzählt, sie werde so oft in ärmliche Zelte zum Tee eingeladen, und dass sie dort den ganzen Tag zubringen könnte – wenn sie nicht alle Hände voll zu tun hätte.

Die einzige Deutsche im Camp hat sich nicht unbedacht oder blauäugig in die Arbeit auf Lesbos gestürzt. Als bei ihrem Arbeitgeber »Campus für Christus« eine Anfrage von »Gain«, einem Zusammenschluss von Hilfswerken, für die Mitarbeit im Camp eintraf, sagte sie für ein Jahr zu.

 

Auszeit in Deutschland

Sie hat Erfahrung in Krisengebieten, war 2014 im Irak, half auch nach dem großen Erdbeben in Haiti. »Ich hatte das Gefühl, Gott packt mich dorthin«, sagt sie. Zurzeit ist Wegener für wenige Wochen in Deutschland. Der Schnitt zwischen der Realität dort und hier ist mitunter hart: »Manchmal ist es krass zu sehen, worüber die Menschen in Deutschland sich beschweren.«

Was denkt sie über die Fluchtdebatte in Deutschland, über laute Parolen, teils auch Hetze gegen Geflüchtete? Wegener schüttelt den Kopf. »Ich habe den Eindruck, dass vieles nur gesagt wird, wenn man eine vage Masse hat, ›die Flüchtlinge‹. Vor Ort sind das einzelne Menschen, und wenn man das sieht, erledigen sich Vorurteile.«

Der »Moria-Geruch« begegnet Wegener auf Lesbos manchmal auch außerhalb des umzäunten Geländes, an eher unerwarteter Stelle: »Man sitzt sonntags in der Kirche und hat plötzlich diesen Geruch in der Nase. Die Flüchtlinge wollen eben auch in die Kirche.« Nicht als anonyme Masse, sondern als einzelne Menschen.

Info

Blog im Internet

Um ihre Eindücke aus Camp Moria zu verarbeiten, schreibt Andrea Wegener sie in einem Blog auf. Er ist zu finden unter https://andreasnotizen.jimdofree.com

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