20. Januar 2017, 18:38 Uhr

Das Russenkreuz

Mitten im Staufenberger Wald steht ein Kreuz. Vor 100 Jahren wurde es aufgestellt, nachdem an dieser Stelle ein russischer Kriegsgefangener bei Fällarbeiten von einem Baum erschlagen wurde. Arthur Grölz kümmert sich seit Jahrzehnten um diesen Erinnerungsort, den nur wenige Menschen kennen.
20. Januar 2017, 18:38 Uhr
Arthur Grölz will das Gedenken an den verstorbenen russischen Kriegsgefangenen aufrechterhalten. (Foto: khn)

W enn es einen schönen Ort zum Sterben geben sollte – das hier ist er nicht. Mitten im Staufenberger Wald liegt er einsam, nur in Gesellschaft dicker und dürrer Bäumen, die hier Spalier stehen und sich ab und an im Wind wiegen. Hier kommt heute niemand einfach nur so vorbei. Der Platz am Tiefenbach liegt abseits der Wege, auf denen Spaziergänger unterwegs sind. Den Jagdvorsteher Arthur Grölz jedoch zieht es immer wieder dorthin. »Ich gedenke diesem Mann«, sagt er und zeigt auf das massive russisch-orthodoxe Kreuz, das auf der Lichtung steht. Darauf ist zu lesen: Russischer Unteroffizier. Afanasie Ostapenkow. 26 Jahre. Gestorben am 22. Januar 1917. Vor 100 Jahren wurde der Kriegsgefangene beim Holzfällen von einem Baum erschlagen. »So fern der Heimat«, sagt Grölz. Seine Augen sind glasig.

Erster Weltkrieg: Das Deutsche Reich kämpfte um seinen Platz an der Sonne und führte die Menschen in die erste große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit füllten die vielen Kriegsgefangenen aus Frankreich, England und Russland die Lücken in Industrie und Landwirtschaft, die die im Kampfeinsatz befindlichen deutschen Soldaten hinterlassen hatten. In Gießen gab es ein Gefangenenlager. Im Lollarer Werk sowie in der Mainzlarer Chamottfabrik arbeiteten viele Franzosen und Russen. Letztere waren im Dienst der damals selbstständigen Gemeinden Ruttershausen und Staufenberg als Holzmacher eingesetzt. In Ruttershausen lebten sie im alten Schulhaus, in Staufenberg im alten Rathaus. Einer von ihnen war Ostapenkow.

Wer das Grab finden will, muss von der alten B 3 in einen Waldweg einbiegen und dann eine Viertelstunde über alte Wege und durch dichtes Geäst laufen. Grölz passiert dabei eine kleine Trinkwasserquelle, die er im August mit Helfern freigelegt hat, und überquert den Tiefenbach über Trittsteine. Dann steht das Kreuz da, auf der Lichtung im Schwalbengraben. So heißt dieser Ort.

Vor 100 Jahren hatte jedes Dorf einen Förster. Der bestimmte, wo das Brennholz für die Bewohner geschlagen werden durfte. Erteilte er den Auftrag, zog der Haumeister mit seiner Rotte – das waren laut Grölz fünf bis sechs Mann – in den Wald. Darunter waren in Kriegszeiten auch Gefangene – wie Ostapenkow an jenem 22. Januar 1917. Wo heute Maschinen eingesetzt werden, war früher Handarbeit nötig. Einer schlug mit einer Axt eine Kerbe in den Baum, damit dann zwei Männer mit einer zwei Meter langen Säge den Baum an der Kerbe durchschneiden konnten. »Das war harte Arbeit, ganz ohne Fitnessstudio«, sagt Grölz und lacht.

Die Geschichte des russischen Zwangsarbeiters begleitet Grölz seit seiner Kindheit. Bereits sein Vater hatte ihm von den Ereignissen im Staufenberger Gemeindewald erzählt. Der 78-Jährige erinnert sich außerdem noch genau an einen Schulausflug auf den alten Friedhof in Staufenberg. »Da stand dieses gusseiserne Kreuz, und ich höre heute noch, wie unser Lehrer andächtig sagte: Afanasie Ostapenkow. Dieser Name klingt wie Musik.« Den alten Friedhof gibt es heute nicht mehr. Und damit auch nicht das offizielle Grab des russischen Kriegsgefangenen.

Was genau ist an jenem Montag vor 100 Jahren passiert? Das weiß heute niemand mehr. Nur dass es zum Unfall kam, steht in der Jahres-Chronik der Kirchengemeinde. Aus seiner Forst-Erfahrung weiß Grölz, dass Kleinigkeiten die Fallrichtung eines Baumes beeinflussen können. Selbst dann, wenn die Waldarbeiter vorher einen perfekten Job gemacht haben. Er blickt in die Wipfel der Bäume und zeigt nach oben. Vielleicht habe sich der Baum anders gedreht als geplant. Sofort nach dem tödlichen Unfall, schrieb der damalige Pfarrer Gußmann, hätten die Kameraden des russischen Kriegsgefangenen eine religiöse Feier mit Gesang und Gebet abgehalten.

Grölz hat als kleines Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Er erinnert sich an einen russischen Kriegsgefangenen, der auf dem Hof seiner Eltern gearbeitet hatte. »Meine Mutter hat ihm oft Brot und Speck zugesteckt.« In der Staufenberger Bevölkerung habe es keinen Hass gegenüber den Gefangenen gegeben. »Der kam von den Kadern.« Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich der Jagdpächter seit Anfang der 90er Jahre um das sogenannte Russenkreuz kümmert. Vor ihm taten dies Heinrich Hormann und Dieter Schmidt. Auf der Lichtung am Tiefenbach steht nicht mehr das Originalkreuz. Es ist das dritte – in 100 Jahren, aber stets stammt das verarbeitete Holz aus dem Staufenberger Wald. Das erste habe ein Sturm beschädigt, das zweite hätten die Nazis zerstört, sagt er. Sollte es zu seinen Lebzeiten beschädigt werden, sagt Grölz, will auch er das Kreuz erneuern.

Auf Wunsch der Militärbehörde hatte Pfarrer Gußmann den Leichnam von Ostapenkow auf den Friedhof begleitet und eingesegnet. »Es war ergreifend, wie die Russen dabei vierstimmig ihre kirchlichen Totengesänge sangen und zuletzt alle am offenen Grabe im Schnee knieten«, schrieb er. Damals hatte ein großer Teil der Gemeinde dem verstorbenen Kriegsgefangenen das letzte Geleit gegeben. »Wir wollen uns solcher Toleranz nicht schämen«, betonte der Geistliche. Grölz kommt heute regelmäßig vorbei und steckt frisches Grün in den Blumenhalter, der am Fuße des Kreuzes befestigt ist. Daneben steht ein kleiner Engel aus Keramik. Eine Staufenbergerin hat ihn vor einigen Jahren dort hingestellt. Für Afanasie Ostapenkow.

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