Kreis Gießen

Das Jahr 2018 in zehn Geschichten aus dem Kreis Gießen

Land unter in Bellersheim, eine Schildkröte, ein kurioser Diebstahl auf einem Acker in Langgöns, Fernsehstars in Lich, und und und. Diese zehn Geschichten bewegten den Kreis Gießen im Jahr 2018.
30. Dezember 2018, 18:30 Uhr
Ursula Sommerlad, Stefan Schaal
Der Ortskern von Hungen-Bellersheim (Landkreis Gießen) steht am späten Abend des 27.05.2018 nach einem heftigen Gewitter unter Wasser.
Der Ortskern von Hungen-Bellersheim (Landkreis Gießen) steht am späten Abend des 27.05.2018 nach einem heftigen Gewitter unter Wasser.

Unser Baby des Jahres ist eine Schildkröte, der Diebstahl des Jahres ereignete sich auf einem Acker in Langgöns. Und die Aussteiger des Jahres heißen nicht etwa Merkel oder Seehofer, sondern Klein und Klug. Doch auch abseits der harten Fakten lieferte 2018 viele erzählenswerte Episoden.

 

Aussteiger des Jahres: Zwei Bürgermeister wollen aufhören

Sie sind ziemlich jung. Und ziemlich erfolgreich. Trotzdem wollen sie ihren Job an den Nagel hängen. Darin unterscheiden sich Bernd Klein und Peter Klug, die Bürgermeister von Lich und Laubach, von manch "großem" Politiker. Zum Beispiel Horst Seehofer. Der ist 69, also in einem Alter, in dem man sich guten Gewissens aus der ersten Reihe zurückziehen könnte. Wenn man es denn könnte. Seehofer, so viel ist am Ende dieses Jahres klar, kann es nicht. Klug und Klein sind klüger. Beide verkündeten 2018 ihren freiwilligen Einstieg in den Ausstieg.

Sie werden sich bei den nächsten Wahlen nicht um eine dritte Amtszeit bewerben. So unterschiedlich die Beweggründe der beiden Bürgermeister auch gewesen sein mögen: Am mangelnden Rückhalt in der Bevölkerung lag es jedenfalls nicht. Klug ließ 2014 gleich fünf Gegenkandidaten mit 57 Prozent im ersten Wahlgang hinter sich. Hinter Kleins Namen machten 2013 64 Prozent der Licher Wähler ihr Kreuzchen. Der Volksmund sagt aber auch, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist. Sieht so aus, als ob Volkes Stimme in den Rathäusern von Laubach und Lich deutlicher zu hören ist als in den Regierungszentralen von Berlin oder München. 

 

Unwetter des Jahres: Land unter in Bellersheim

Ein eiskalter März, danach ein Sommer, der nicht enden will, und zwischendurch heftige Unwetter. Das
Wetter des Jahres 2018 lässt sich in einem Wort zusammenfassen: extrem. Im Landkreis Gießen bekamen das vor allem die Einwohner von Bellersheim zu spüren. Der Starkregen, der in der
Nacht zum 28. Mai einem heftigen Gewitter folgte, überschwemmt Keller und ganze Straßenzüge. Und das Wasser kommt schnell. Nach nur einer Viertelstunde steht es zum Beispiel im Untergeschoss von Udo Matthiae anderthalb Meter hoch. Den Computer und ein paar andere wichtige Dinge aus dem Büro kann die Familie noch in Sicherheit bringen, aber den Rest? Vergiss es. Vielen Nachbarn geht es ähnlich. Hausrat, Möbel, Teppiche stehen noch am nächsten Tag im ganzen Dorf auf der Straße. Das meiste davon unbrauchbar. Die gute Nachricht in dieser Unwetternacht: Menschen kommen nicht zu Schaden. Dafür sorgen auch 150 Feuerwehrmänner und -frauen aus 20 Einsatzabteilungen, die die ganze Nacht über bis an den Rand der Erschöpfung im Einsatz sind. Übrigens nicht nur in Bellersheim: Nebenan, in Obbornhofen, fällt nicht Wasser, sondern Hagel vom Himmel. An manchen Stellen türmen sich die Körner 30 Zentimeter hoch.

 

Der Klau des Jahres: 250 Kilo Kartoffeln gestohlen

Für die Landwirte im Landkreis war 2018 ein frustrierendes Jahr. Der heiße und trockene Sommer hat ihnen die Ernte vermiest. Über Wetter jammern sie aber nicht. »Das ist höhere Gewalt«, hält ein Sprecher des Bauernverbands im Kreis fest. Der Langgönser Landwirt Michael Höringer steht indes Anfang September kopfschüttelnd vor seinem Acker und blickt auf Löcher und aufgewühlte Erde. Ursache seines Ärgers ist nicht etwa das Wetter – sondern ein dreister Klau: Auf dem Feld vor ihm, nahe der Straße zwischen Niederkleen und Dornholzhausen, haben Diebe 250 Kilogramm Kartoffeln abgeerntet. Um die Dimension zu verdeutlichen: Ein kleines Netz an Kartoffeln im Supermarkt ist häufig 2,5 Kilo schwer. So sind also 100 derartige Säcke gestohlen worden. Und noch eindringlicher für Freunde des Fast Foods: Würde man die gestohlenen Kartoffeln schnibbeln, könnte man damit rund 30 000 Pommes zubereiten. So gesehen handelt es sich im wortwörtlichen Sinne fast schon um einen handfesten Lebensmittelskandal. 

 

Entscheidung des Jahres: Scheitern der Outlet-Gegner

Die Emotionen kochten hoch in diesem Sommer in den Diskussionen rund um ein geplantes Outlet-Center in Garbenteich. Vor allem in Gießen machten Gegner mobil. Am Ende scheiterte der Bürgerentscheid im August denkbar knapp. Eine Mehrheit der Pohlheimer sprach sich zwar gegen das Outlet-Center aus. Doch
es fehlten 104 Stimmen für das Quorum. Anfangs habe man Kreide gefressen, sagt Olaf Bappert, der Vorsitzende der Bürgerinitiative. Doch irgendwann habe man auf Emotionen gesetzt und entschieden: »Viva la revolution«. 2019 wird nun das Jahr der Gutachten. Ein abschreckendes Beispiel war im Juni die Vorstellung eines Gutachtens im Auftrag der Stadt Gießen vor der Regionalversammlung durch eine Analytikerin der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung (GMA). Zu den Auswirkungen auf den ländlichen Raum im Kreis konnte sie nur wenig sagen. Wertheim Village laufe nicht gut, sagte sie. Auf die Frage, wie sie zu dieser Erkenntnis komme, erklärte sie, sie sei mal dort gewesen und habe sich einen Eindruck verschafft. Wäre es zu optimistisch, sich für 2019 mehr Seriosität in den Outlet-Diskussionen zu wünschen?

 

Kämpfer des Jahres: Fynn siegt über den Schlaganfall

Ein eigenes Haus, eine harmonische Familie, zwei gesunde Kinder: Vor einem Jahr ist die Welt für Stefanie Jung und Lukas Sanner noch in Ordnung. Zwei Monate später gerät ihr Leben aus dem Fugen. Am 28. Februar erleidet Fynn einen Schlaganfall. Mit gerade mal dreieinhalb Jahren. Dass er ein Vierteljahr nach dieser niederschmetternden Diagnose wieder mit dem Roller über den Hof kurven würde, hätte am Anfang niemand geglaubt. Der Junge werde wohl ein Pflegefall bleiben, so lauteten die Prognosen. Ein Besuch des vier Monate alten Jonas beim kranken großen Bruder bringt schließlich die Wende. Der bis dahin reglose Fynn, so erzählt es die Mutter, tastet nach der weichen Babyhand. Und er beginnt zu kämpfen. Das tut er bis heute, denn die Krankheit hat Spuren hinterlassen. Der Vierjährige braucht nach wie vor ärztliche Begleitung. Doch ein Foto, an Heiligabend auf Facebook gepostet, macht Mut: Es zeigt die lächelnde Familie vereint unterm Weihnachtsbaum. Stefanie Jung hat Weihnachtsgrüße dazugeschrieben. Und einen kurzen Kommentar: »dankbar«.
Spendenkonto: Fynn Jung, IBAN: DE04 5135 0025 0005 3231 26, Betreff: Spende Fynn

 

Baby des Jahres: Das Sonnenkind aus Lich

Für griechische Landschildkröten ist Kinderkriegen ein Kinderspiel. Sie verbuddeln ihre Eier an einem
sicheren Platz tief in der Erde – das war’s. Den Rest erledigt die Sonne, die im Mittelmeerraum zuverlässig scheint. In Mittelhessen dagegen nicht unbedingt. Doch der Sommer 2018 war anders, nämlich mediterran. So sehr, dass in Lich eine waschechte Griechin zur Welt kommen konnte. Milhargo heißt das Schildkröten-Baby, das am 19. September im Garten von Familie Herzberger aus dem Ei schlüpfte. Herzbergers sind schon vor 25 Jahren auf die Schildkröte gekommen. Turtelchen, damals ein Geschenk für Tochter Alicia, ist seit her zwar mehrmals Mama geworden. Der Nachwuchs musste aber stets in speziellen Terrarien ausgebrütet werden. Milhargo dagegen war gänzlich ungeplant. Hans Gerd Herzberger hatte das drei Zentimeter große Tierchen in seinem Garten zunächst für einen Kronkorken gehalten. Umso größer war das Staunen, als er sich danach bückte. Das Baby des Jahres bekam einen passenden Namen: Milhargo, in Anlehnung an das spanische Wort für Wunder.

 

Aufreger des Jahres: Die Strabs-Revolte

Hubsi Aiwanger, der kernige Landwirt aus Niederbayern, hat es mit seinem Feldzug gegen die Straßenbeiträge nicht nur in die bayrische Landesregierung geschafft. Er hat der Politik in Stadt und Kreis  Gießen zum Aufreger des Jahres 2018 verholfen. Hätte der Frontmann der Freien Wähler dem Söder nicht so penetrant im Nacken gesessen, wären zwischen Lahn und Horloff etliche Krisensitzungen überflüssig gewesen. Man muss sich das Ganze als Domino-Effekt vorstellen. Erst wackelt in München die CSU. Dann in Wiesbaden die schwarz-grüne Landesregierung, jedenfalls so halb. Und jetzt kippelt es an der Basis. Wo der Reichtum zu Hause ist, in Wettenberg und Heuchelheim, fällt der Abschied von den Strabs nicht schwer. Wo Kandidaten in den Landtag oder ins Bürgermeisteramt streben, in Gießen und Linden, spricht man nicht über Geld, sondern hört lieber auf Volkes Stimme. Aber andernorts wird’s schwierig. In Hungen zum Beispiel, wo der Kampf gerade offen tobt. Und wenn die Regierung in Wiesbaden nicht doch noch ihre Schatulle öffnet, dann haben die Strabs eine goldene Zukunft: als Aufreger des Jahres 2019.

 

Drinks des Jahres: Kult um Kelch und Keule

Aperol Sprizz war gestern. Aber was war der Drink 2018? Selbst der allwissende Google drückt sich um  eine Antwort herum. Negroni? Was mit Gin oder Wodka? Cocktails ohne Alkohol? Wir von der  Kreisredaktion haben unsere Entscheidung getroffen. Unser Drink des Jahres heißt Kelch. Genauer gesagt: Muschenheimer Kelch, denn in dem idyllischen Licher Stadtteil wurde der elfprozentige Mix aus Apfelsaft, Weißwein, Orangenlikör und Ingwer erfunden. H inter dem »Kelch« stecken drei Jungunternehmer. Erik Wunsch, Jonas Groos und Elena Schmitz von Hülst produzieren eigentlich Sporttrikots und organisierten nur nebenbei einen Getränkestand auf dem Muschenheimer Weihnachtsmarkt. Der Rest ist Geschichte: Der Kelch wurde Kult und der Licher Rewe-Kaufmann Uwe Schmitt auf die lokale Spezialität aufmerksam. Mittlerweile ist der fruchtige Mix, den man heiß oder kalt genießen kann, nicht  nur in Lich, sondern auch andernorts in ausgewählten Getränkemärkten, an Tankstellen und in Bars zu haben. Und der Kelch ist nicht allein: Neben ihm steht die deutlich gehaltvollere »Eiskeule«. Schmeckt nach Eisbonbon, hat aber 25 Prozent. 

 

Prozess des Jahres: Drogendeals mit der »Glatze«

Zwei Staatsanwälte, drei Richter, fünf Angeklagte sowie zehn Verteidiger im Saal – und 113 geladene Zeugen: Seit August läuft am Gießener Landgericht ein Mammutverfahren. Aufgeklärt werden soll ein Gewaltverbrechen im 880-Seelen-Dorf Gonterskirchen im November 2017: Die Täter schlugen damals wieder und wieder auf einen Mann in dessen Wohnung ein, bis der 57-Jährige tot auf dem Boden lag. Ein Ende des Verfahrens ist noch nicht abzusehen. Die ersten Erkenntnisse: Es ging um 100 Kilo Marihuana im Wert von 250 000 Euro und Geschäfte mit einem Drogenboss in Malaga, der unter dem Spitznamen »Die Glatze« bekannt sein soll. Das spätere Todesopfer aus Gonterskirchen soll als Drogenkurier in Malaga tätig gewesen sein und hat offenbar erzählt, dass eine Lieferung gestohlen worden sei – die Angeklagten sollen ihm dies nicht geglaubt haben. Gegen die organisierte Kriminalität und ihre Strukturen wird der Prozess indes nichts ausrichten, wie Experte Arndt Sinn erklärt. »Im Gerichtsverfahren werden die Taten möglicherweise aufgeklärt«, sagt er. »Das gibt natürlich Genugtuung, aber nicht mehr. Nach dem Urteil tappen wir weiter im Dunkeln.«

 

Der Dreh des Jahres: Fernsehstars in der Brauerei

Schauspieler können in viele Rollen schlüpfen. Klar, ist ja auch ihr Beruf. Christian Berkel zum Beispiel war schon Häftling und Hauptkommissar, Arzt, Psychopath und Bundeskanzler. Und demnächst wird ihm auch noch eine Brauerei gehören. Dann nämlich, wenn das ZDF eine sechsteilige Mini-Serie ausstrahlt, die in diesem Herbst unter dem Arbeitstitel »Die verlorene Tochter« abgedreht wurde. Unter anderem in Lich, wo über der traditionsreichen Brauerei am Hardtberg drei Tage lang nicht die grünen Banner von »Licher« wehten, sondern die Fahnen von »Gemser Bräu«. Und drinnen mussten die Mitarbeiter zusehen, dass sie der
geballten deutschen Fernsehprominenz nicht in die Quere kamen, denn gedreht wurde bei laufendem Betrieb. Christian Berkel, der in »Die verlorene Tochter« an der Seite von Claudia Michelsen und Götz Schubert spielt, war Lich bis dato kein Begriff. Regisseur Kai Wessel hingegen kennt die Stadt seit dem Beginn seiner Karriere. Er hat 1988 im Kino Traumstern seinen allerersten Spielfilm »Martha Jellneck«
vorgestellt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Das-Jahr-2018-in-zehn-Geschichten-aus-dem-Kreis-Giessen;art457,533937

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