11. Dezember 2017, 13:01 Uhr

Von oben

Darum wird Allertshausen auch Klein-Marburg genannt

Erst jüngst wurde der Historikerstreit um das Alter von Allertshausen beigelegt. Was Marburg damit zu tun hat, und warum ein Vergleich nahe liegt, erfahren Sie in diesem Teil unserer Serie "von oben".
11. Dezember 2017, 13:01 Uhr
Zweithöchster Ortsteil von Rabenau: Allertshausen. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Widmet man sich dem heutigen Ort unserer Serie »von oben«, so muss der Blick anfangs in die Vergangenheit gerichtet werden. Denn erst jüngst konnte der »Historikerstreit« um das Alter des Dörfchens Allertshausen beigelegt werden.

Anno 2011 war es, dass sich Bürgermeister Kurt Hillgärtner aufmachte, der Sache auf den Grund zu gehen und dafür Marburg anzusteuern. Ergebnis der Recherchen: Sein Heimatort ist tatsächlich älter als gedacht! Wenn auch nur vier Jahre. Wie vom Hessischen Staatsarchiv in Marburg bestätigt, datiert die Ersterwähnung aufs Jahr 1220, ist doch in einer Urkunde von einem Ritter Widerold von »Alartshusin« die Rede.

Bisher genanntes und publiziertes »Geburtsjahr« 1224 geht auf einen Johann Wilhelm Christian Steiner zurück. Seines Zeichens Hofrat und Historiker, hatte der 1846 das Datum in seiner »Geschichte des Patrimonialgerichts Londorf und der Freiherrn von Nordeck« niedergeschrieben. Wohl ein »Versehen« des Herrn Hofrat, wie die Marburger anno 2011 testierten. Ob sie damit für eine vorgezogene 800-Jahr-Feier gesorgt haben?

Schwimmunterricht im Dorfteich

Um nochmal auf die Stadt der hl. Elisabeth zurückzukommen: Allertshausen wird auch »Klein-Marburg« genannt. Was es seiner terrassenartigen Lage auf dem Bergrücken oberhalb des Lumdatals zu verdanken hat. Am Marburg-Vergleich ist was dran, zumindest wenn man von Süden auf Rabenaus zweithöchsten Ortsteil schaut (nur die Rüddingshäuser leben ein paar Meterchen höher).

+++ Hier gibt es alle Teil der Serie "Von oben" +++

Klar, die Allertshäuser haben kein Landgrafenschloss, aber immerhin eine baugeschichtliches Kleinod: die evangelisch-lutherische Kirche. 1905/06 von einem unbekannten Meister errichtet, weist sie Elemente des Jugendstils auf. Gibt’s nicht oft hierzulande.

Was auch für den hier erhaltenen Dorfteich gilt, wo einst die kleinen Allertshäuser schwimmen lernten (auch der Bürgermeister) und Eishockey spielten, als es noch richtige Winter gab. Heute dient das Gewässer – eingebettet in einen kleinen Park – dem Angelverein. Und einmal im Jahr als Kulisse des Teichfestes, wenn sich hunderte Lichter auf seiner Oberfläche spiegeln.

Schnell wie die Feldhasen

Sportlich waren die Bewohner des rund 650 Seelen zählenden Dorfes schon immer, und vor allem schnell zu Fuß: So erzählen sich die Älteren, die Allertshäuser hätten noch den Zug in Londorf erwischt, obwohl sie erst losgelaufen seien, als der Schaffner in Allendorf mit der Pfeife das Signal zum Losfahren gab. »Schnell wie die Feldhoase« waren sie halt, und so heißen sie im Volksmund noch heute.

Die dörfliche Identität ist (auch) in dieser Gemeinde geprägt von Zusammenhalt und Engagement. Wofür vor allem die Vereine sorgen. So gibt es in Allertshausen seit Jahrzehnten schon einen Verein für Dorf- und Landschaftpflege. Alle 14 Tage dienstags trifft man sich, vor allem Frauen sind hier aktiv, halten die Dorfplätze »in de Reih«, kümmern sich um den Blumenschmuck, schneiden Hecken zurück, pflegen den Friedhof, helfen bei Veranstaltungen.

Zum regen Vereinsleben tragen ferner Fußballclub, Feuerwehr, Gymnastikverein, Gesangverein, OGV, der Mandolinenclub »Wanderlust« sowie die Vogel- und Naturschutzgruppe bei. Nicht zu vergessen die Burschenschaft, die stets die Senioren zur Weihnachtsfeier einlädt.

Samstags bei Kurt Hormann

Wenn gerade mal kein Vereinstermin ist, trifft man sich in der »Blauen Lagune«, wie die Angler ihr Heim am freilich eher weniger blauen Dorfteich genannt haben, im Bürgerhaus oder in der Gaststätte »Zur Schönen Aussicht«. Oder beim Friseur.

Und, vor allem am Samstagmorgen, in dem Lebensmittelladen. Ja, den gibt es hier noch, was Kurt Hormann zu verdanken ist. Mit 79 Jahren sitzt er noch immer hinter seiner Kasse, für den Rentner ist das freilich eher ein Hobby.

Nicht viel anders verhält es sich bei Wilfried Schomber. Der hat seinen Beruf als gelernter Schweißer zum kreativen Zeitvertreib gemacht. Mit immer neuen Werken, mal ein kleiner Rabe, mal ein großes Nashorn, kommt der Ruheständler seit Jahren daher. Seine Werkstatt hat der Stahlbildhauer in einem Bunker des ehemaligen NATO-Lagers am Noll. Da störte beim Schweißen und Hämmern keine Menschenseele – allenfalls mal einen Feldhasen.

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