20. Oktober 2017, 11:51 Uhr

Internetmenschen

Darum sitzen die »Internetmenschen« lieber in Annerod

Die »Internetmenschen« in Annerod erstellen Webseiten und Online-Gewinnspiele für große Firmen. Warum sitzt das Start-up in einem Wohnviertel in Fernwald und nicht in einer Stadt wie Gießen?
20. Oktober 2017, 11:51 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal
Markus Seegmüller (r.) ist Geschäftsführer der Internetmenschen. Sechs Programmierer arbeiten in dem Büro in Annerod. Eine Mitarbeiterin ist für das Online-Marketing zuständig, eine weitere für Grafik und Design. (Foto: srs)

Stylisch und protzig sind die Arbeitsräume so mancher Start-up-Unternehmer eingerichtet, die sich als Programmierer eine goldene Nase verdienen. Die Internetmenschen dagegen haben sich bodenständig mitten im Wohngebiet Annerods niedergelassen, im ehemaligen Büro eines Landschaftsarchitekten. Geschäftsführer Markus Seegmüller schaut aus dem Fenster. »Zur Mittagszeit huscht hier immer ein Eichhörnchen vorbei«, sagt er.

Internetverbindung entscheidend

Dann erklärt er: »In Annerod sind wir vor allem wegen der Internetverbindung. In Gießen im Europaviertel hatten wir eine Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde. Hier sind es 400. Das sind Welten. Wenn wir wartend vor dem Computer sitzen, verlieren wir Zeit – und damit Geld.«

Seegmüller und Timo Birkenstock haben vor drei Jahren das Unternehmen Internetmenschen gegründet. Sie erstellen Web-Seiten, gestalten Online-Shops, organisieren für Firmen Gewinnspiele auf Facebook. Ein großer Kunde ist Rossmann, viele andere Firmen darf Seegmüller nicht nennen. »Die Unternehmen beauftragen Agenturen, deren Namen am Ende offiziell hinter den Web-Seiten stehen, die aber Unternehmen wie uns mit den Projekten beauftragen.« Für Seegmüller kein Problem. »Wir können uns aufs Programmieren konzentrieren«, sagt er. »Wir können darauf verzichten, BWLer einzustellen.« Der Verwaltungsaufwand sei bei acht Mitarbeitern ohnehin schon hoch. »Wir planen, nicht über zehn Mitarbeiter zu kommen.«

Programmierer sind gefragt. Sollten wir das Unternehmen gegen die Wand fahren, haben alle am nächsten Tag wieder einen Job

Markus Seegmüller

Dennoch tragen Seegmüller und Birkenstock Verantwortung für ein mittelständisches Unternehmen, sie bilden auch zwei Lehrlinge aus. Mit 30 und 27 sind die Azubis nicht mehr die Jüngsten. »Lebensläufe oder Zeugnisnoten spielen für uns ohnehin keine Rolle«, hält Seegmüller fest. »Es geht nur darum, ob der Bewerber ins Team passt und erste Erfahrungen im Programmieren gesammelt hat.«

Programmierer händeringend gesucht

Seegmüller wirkt entspannt, wenn er von seinem Unternehmen erzählt. Der 30-Jährige hat auch schon als Angestellter programmiert. Anderthalb Jahre hat er zwischenzeitlich als Rettungssanitäter gearbeitet. Der Weg in die Selbstständigkeit hat auch ihm Mut abverlangt. Als Bürde empfindet er die Verantwortung allerdings nicht. »Programmierer werden händeringend gesucht«, erklärt er. »Sollten wir das Unternehmen gegen die Wand fahren, finden alle am nächsten Tag einen Job.« Die Selbstständigkeit gefällt den Existenzgründern auch aus anderen Gründen. »Wir sind bei der Feuerwehr in Annerod aktiv. Bei Einsätzen, auch tagsüber, sind wir dabei.«

Seegmüller und Birkenstock kennen sich seit zehn Jahren. Ihr Unternehmen riefen sie 2014 im Technologie- und Innovationszentrum Gießen (TIG) ins Leben, dessen Räume sie nutzen konnten und wo ihnen viel Organisatorisches abgenommen wurde. Ein Jahr später zogen sie nach Annerod. Der Wechsel nach Fernwald sei anfangs eine Umstellung gewesen. »Wir mussten uns um Dinge kümmern, die vorher selbstverständlich waren. Plötzlich mussten wir Toilettenpapier für unser Büro kaufen.«

Erste Homepage mit 13

Seegmüller sitzt in seinem Büro an einem hölzernen Schreibtisch. »Den habe ich schon lange, er ist aus meiner alten Wohnung.« Mit 13 gestaltete er am Computer seine erste Homepage, für eine Spielegemeinschaft mit Freunden. Mit 15 nahm er den ersten Firmenauftrag an, programmierte abends nach der Schule. »Damals habe ich für den gesamten Auftrag 200 Euro genommen. Heute liegt unser Stundensatz bei 100 Euro.«

Reithelme und Sättel

Die Anneröder Existenzgründer sind offen für Experimente, wie ein neues Geschäftsfeld zeigt, das sich ihnen überraschend öffnete. Sie betreiben einen Internet-Shop für Reitzubehör, www.procavallino.de. »Ein Unternehmer beauftragte uns, den Shop einzurichten, hat die Idee aber wegen Zeitmangels aufgegeben«, berichtet Seegmüller. »Wir haben es dann selbst probiert. Wir bestellen die Waren in Polen, packen sie in Annerod um und schicken sie weiter.« Mit fünf Bestellungen im ersten Monat wären sie zufrieden gewesen. In den letzten sechs Wochen haben sie mehr als 200 Bestellungen abgewickelt.

Info

Internetmenschen stellen sich vor

Die Existenzgründer der Internetmenschen präsentieren sich am 18. November ab 10 Uhr auf einem Existenzgründertag im TIG in Gießen in der Winchesterstraße 2. Die Veranstaltung richtet sich an Jungunternehmer, die vor oder mitten in der Existenzgründung stehen. Um Anmeldung wird gebeten, Infos: www.tig-gmbh.de.



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