23. Oktober 2017, 12:39 Uhr

Kunst aus Gemüse

Cabrios und Brigitte Bardot aus Wirsingblättern und Lauch

Sabine Corzelius erschafft Kunst aus Obst und Gemüse. Sie verleiht Ingwerknollen und Lauchzwiebeln Gesichter. Fleisch hat dagegen für sie keine Persönlichkeit.
23. Oktober 2017, 12:39 Uhr

Wer die Kunstwerke der Wißmarerin Sabine Corzelius kennenlernt, will für den Rest seines Lebens nur noch Fleisch essen. Gemüse und Obst, diese Erkenntnis gewinnt man nämlich aus ihren Arbeiten, sind viel zu schade zum Verspeisen. Karotten und Kartoffeln haben nicht nur Falten, Runzeln und bisweilen Altersflecken. Sie haben Persönlichkeit. Corzelius haucht Lauchzwiebeln, Ingwerknollen und Limettenfrüchten Leben ein, verleiht ihnen Gesichter und versetzt sie in Szenen. Die Wettenberger Künstlerin lädt ab kommenden Mittwoch zu einer originellen Ausstellung ein.
 

 
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Gemüse mit Augen, Nasen und Mündern

Sabine Corzelius schließt die Augen, während sie auf ihrer Terrasse sitzt und lächelt. »Wenn ich in der Küche Gemüse schnibbeln will, um Essen zuzubereiten«, erzählt sie, »dann tut mir das wirklich weh.« Sieht sie zum Beispiel Karotten und Salatköpfe, lässt sie schnell ihre Fantasie spielen. Die 50-Jährige gibt dem Gemüse Augen, Nasen und Münder – und denkt sich Namen und Anekdoten für die Lebensmittel aus.
 

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Sabine Corzelius


Bekenntnis gegen Schönheitswahn

45 Figuren hat die Wißmarerin in ihrem Repertoire. »Mit einem Plan gehe ich nicht vor«, erklärt sie. »Ich probiere einfach – und sehe die Charaktere, sie entstehen einfach.« Alles in ihrer Kunst sei Natur pur. Eine Ausnahme: Zubehör für Barbiepuppen wie Lockenwickler und Sonnenbrillen. »Die passen von der Größe her.«
Corzelius liebt Gemüse mit Ecken und Kanten. Bevorzugt sucht sie für ihre Kunst Exemplare aus dem eigenen Garten aus. »Im Supermarkt sehen alle Tomaten und jeder Kohlrabi gleich aus.« Krummes Gemüse dagegen werde aussortiert. Ihre Kunst will sie auch als Bekenntnis gegen Schönheitswahn bei Lebensmitteln verstanden wissen.
Die Wißmarerin erzählt, wie sie auf die Kunst gekommen ist. »Das ist gut 15 Jahre her. Ich habe zu einer Fete eingeladen. Das Motto: Crazy Food.« Gäste kamen als Minestrone und Himbeergeist verkleidet. Corzelius sorgte mit verziertem Gemüse für die Dekoration. Die Idee war geboren.

Cabrio aus Wirsingblättern

Die Szenen, die die Künstlerin erschafft, werden von ihrem Mann Dirk Ommert in Fotografien festgehalten. Wie beispielsweise Mademoiselle Légume und Monsieur Lègére – eine Ingwerknolle – im Cabrio an Weinbergen vorbeisausen. Oder wie eine Gruppe verschrumpelter Rüben Billard spielt, an einem Tisch aus Löffelbiskuits. Schummriges Licht gibt oben ein Salatkopf.

Jedes Kunstwerk sprüht vor Ideen und Detailreichtum. Die Karosserie des Cabrios zum Beispiel besteht aus Wirsingblättern, Brotchips bilden die Felgen. Als Scheinwerfer leuchten Physialisfrüchte. Corzelius hat den Figuren im Auto außerdem kleine Brillen aufgesetzt. Mademoiselle Légume trägt einen Schal, ihre Haare wirbeln im Wind. Waffeln im Kofferraum stellen Koffer dar. »Es ist ein Maybach, Baujahr 1923«, betont die Wißmarerin. Tatsächlich prangt ein kleines M auf der Motorhaube.

Oft gibt es Ratatouille

Fotografien der Kunstwerke sind in der Ausstellung ab kommenden Mittwoch zu sehen. »Kein Bild ist mit Photoshop oder ähnlichen Programmen nachbearbeitet«, betont Corzelius. Kunstwerke selbst wird sie möglicherweise nur zur Vernissage mitbringen. Denn ihre Kunst ist vergänglich. Oder besser: verderblich. Nach ein, zwei Tagen werden ihre Werke welk. Und wegwerfen will die Wißmarerin ihre Arbeiten nicht. Stattdessen landet die Kunst im Kochtopf. »Bei uns gibt es sehr oft Ratatouille«, sagt die 50-Jährige.

Corzelius stammt wie Mademoiselle Légume aus der Provinz. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in der Nähe von Koblenz. Ihre Familie führte eine Keramikwerkstatt, sie half als Jugendliche im Betrieb mit aus. Nach Gießen kam sie zum Studieren. Kunstgeschichte. »Ich wollte immer im künstlerischen, kreativen Beruf arbeiten«, erklärt sie. Das Studium aber war ihr zu theoretisch. Sie begann ein Praktikum in der Requisite des Stadttheaters – und blieb. Seit 22 Jahren ist sie dort nun als Requisiteurin tätig, sorgt mit ihrem Team für Pyro- und Knalleffekte. »Wenn auf der Bühne einer erschossen wird, stehen wir daneben hinter dem Vorhang und schießen.« Für das Ausleben von eigener Kreativität gebe ihr auch dieser Beruf noch zu wenig Spielraum. Ihre Fantasie lebt sie nun in der Kunst mit Lebensmitteln aus.

Fleisch? Keine Persönlichkeit

Ein ganzes Buch hat Corzelius bereits über die Abenteuer der Mademoiselle Légume geschrieben, hat Rezepte zum Beispiel für Zwiebeltarte mit Ziegenkäse und gebratenen Fenchel mit Walnüssen angefügt. Veröffentlicht hat sie es noch nicht. »Es ist noch nicht zu Ende erzählt«, sagt sie. Ihr Mann fragt sie derweil immer wieder, ob sie nicht auch mal Figuren aus Fleisch erschaffen will. Sie antwortet dann: »Fleisch hat keine Persönlichkeit."
 

Info

Ausstellung ab Mittwoch

Die Wißmarerin Sabine Corzelius stellt ab kommende Woche Fotografien ihrer verzehrbaren Figuren aus, in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar in der Turmstraße 20. Die Vernissage der originellen und kunterbunten Kunstwerke der Requisiteurin am Gießener Stadttheater aus Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln ist am Mittwoch um 19.30 Uhr. Die Fotografien sind bis zum 25. November zu sehen, montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr sowie freitags zwischen 9 und 12 Uhr. Zur Vernissage will die Wißmarerin eventuell auch einige Exemplare ihrer Kunst mitbringen. Der Eintritt ist frei.

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