24. Oktober 2018, 17:00 Uhr

Bürgermeisterwahl Reiskirchen

Bürgermeisterwahl Reiskirchen: Was die Kandidaten anpacken wollen

Die Reiskirchener entscheiden am Sonntag, wer künftig Chef im Rathaus wird: Amtsinhaber Dietmar Kromm (parteilos), Anja Stark (SPD) oder André Schäfer, ebenfalls parteilos. Zuvor nehmen sie Stellung zu den zehn wichtigsten Fragen.
24. Oktober 2018, 17:00 Uhr
Reiskirchen von oben. (Foto: Henß)

+++ Update: So lief der erste Wahlgang in Reiskirchen

8499 Reiskirchener entscheiden, wer künftig Chef im Reiskirchener Rathaus wird: Amtsinhaber Dietmar Kromm (parteilos), die Sozialdemokratin Anja Stark oder André Schäfer, ebenfalls parteilos. Kurz vor der Wahl nehmen sie Stellung zu den zehn wichtigsten Fragen. Die Entwicklung von Bau- und Gewerbeflächen ist dabei ebenso Thema wie Angebote für Jugendliche und Senioren oder die Umgehungsstraße.

Zur Finanzierung des Straßenbaus haben Kommunen wie Reiskirchen drei Möglichkeiten: maßnahmenbezogene Straßenbeiträge, wiederkehrende Straßenbeiträge oder Erhöhung der Grundsteuer B. Welchen Weg erachten Sie für richtig?

Kromm: Für die Bürger erscheinen mir die wiederkehrenden Straßenbeiträge die verträglichste Lösung zu sein. Sie werden nur dann erhoben, wenn grundhafte Maßnahmen in einem Abrechnungsgebiet anstehen. Bürger, die einmalige Straßenbeiträge oder Erschließungsbeiträge geleistet haben, können durch Freistellungen berücksichtigt werden.

Schäfer: Wiederkehrende Beiträge sind der richtige Weg. Würden wir die Grundsteuer B erhöhen, stiegen die Einnahmen der Gemeinde. Höhere Einnahmen führen zur Erhöhung der Kreis- und Schulumlage. Diese wegfließenden Umlagen müssten wir noch zusätzlich in die Steuererhöhung einpreisen. Das wäre ungerecht.

Stark: Ich stehe für die Abschaffung der Straßenbeitragssatzung und zur sozial gerechten Finanzierung der Straßensanierung aus Mitteln des Landeshaushaltes. Die Lasten für die Erhaltung der Straßen werden so auf alle fair und solidarisch verteilt.

Der kommunale Haushalt der Gemeinde Reiskirchen ist fragiler als viele denken.

Dietmar Kromm

Junge Familien sind auf eine gute und verlässliche Kinderbetreuung angewiesen. Gibt es in Reiskirchen genügend Plätze?

Kromm: Zurzeit noch. Wir stellen erfreut fest, dass die Geburtenrate wieder steigt. Sollten neue Baugebiete in der Gemeinde angeboten werden und damit auch Zuzugswillige nach Reiskirchen kommen, müssen wir Vorsorge dafür treffen, dass die Kinderbetreuung gewährleistet ist. Daher ist der Ausbau voranzutreiben.

Schäfer: In Reiskirchen gibt es aktuell gerade noch ausreichende Plätze. Es wird aber langsam eng. Hattenrod ist durch das neue Baugebiet gewachsen, hat aber keinen Kindergarten. Schön wäre es, wenn jedes Kind in seinem Wohnort in den Kindergarten gehen könnte. Hier gilt es zu prüfen, ob Hattenrod Bedarf hat.

Stark: Nach meinem Kenntnisstand, ja. Aber das heißt nicht, dass es nicht noch besser geht. Stichwort: Bedarfsorientierung (z. B. Früh-/Spätbetreuung, Samstagsangebote) oder neue Betreuungsmodelle (z. B. einen Waldkindergarten oder eine Bauernhof- Kita wie das Projekt der Gemeinde Buseck mit der Lebenshilfe Gießen).

+++ Lesen Sie auch: Acht Fragen an Reiskirchens Bürgermeister Dietmar Kromm +++

Knapp ein Viertel der Reiskirchener Bevölkerung wird 2030 über 65 Jahre alt sein. Was muss getan werden, damit Senioren in Reiskirchen gut leben können?

Kromm: Wichtige Bausteine für die ältere Bevölkerung sind Mobilität, ärztliche Versorgung, barrierefreier öffentlicher Raum und Wohnungen. Hier haben wir bereits entsprechende Untersuchungen in die Wege geleitet beziehungsweise Umsetzungen vorgenommen. Weitere werden folgen.

Schäfer: Die Mobilität im Alter hat für mich Priorität. Gerade die ältere Generation in den Ortsteilen darf den Anschluss nicht verpassen. Ich bin sehr froh darüber, dass wir einen sehr aktiven Seniorenbeirat haben. Dessen Vorschläge sind ernst- und aufzunehmen. Die Seniorenwerkstatt leistet tolle Arbeit.

Stark: Wir müssen gemeinsam Lösungen für bezahlbare, bedarfsgerechte Wohnungen finden, beispielsweise durch den Beitritt zur Gesellschaft »Sozialer Wohnungsbau und Strukturförderung« des Landkreises. Auch Mehrgenerationenhäuser, Mobilität, ärztliche Versorgung, Nachbarschaftshilfe und eine starke Zusammenarbeit mit dem Seniorenbeirat sind wichtige Themen.

Baugebiete sind in Zukunft ein teures Gut

Anja Stark

Vom Bauboom der letzten Jahre ist in Reiskirchen wenig angekommen. Braucht die Gemeinde Baugebiete? Wenn ja: wo?

Kromm: Neben der Innenverdichtung sehe ich weitere Baugebiete in Burkhardsfelden (»Beune«) und in Reiskirchen (»Reiskirchen- Nord«) sowie in Lindenstruth. In Ettingshausen wäre eine Erweiterung unterhalb des »Storchennestes« denkbar, in Saasen die Entwicklung einer Fläche an der Gießener Straße möglich.

Schäfer: Wir brauchen dringend neues Bauland. Die »Beune« in Burkhardsfelden liegt seit zehnJahren im Schreibtisch. In Saasen sind der Wunsch und die Fläche da. In der Kerngemeinde wird es im Norden neues Bauland geben. Wenn man sieht, wie schnell der Sportplatz weg war, ist klar, wie Reiskirchen wachsen will.

Stark: Baugebiete sind in Zukunft ein teures Gut. Die Ausweisung muss mit Sinn und Verstand geschehen, der Verbrauch an landwirtschaftlicher Fläche muss reduziert werden. Also nicht bauen um des Bauens Willen, sondern Ausweisung neuer Baugebiete in allen Ortsteilen nach Bedarf.

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Dank des Autobahnanschlusses hat Reiskirchen ein florierendes Gewerbegebiet. Reicht das? Oder braucht die Gemeinde weitere Flächen?

Kromm: Selbstverständlich benötigt die Gemeinde weitere Gewerbeflächen, insbesondere in Lindenstruth. Reiskirchen- Nord ist eine weitere Fläche, die entwickelt werden muss. Auf weiteren Bedarf reagieren wir, sobald er an uns herangetragen wird.

Schäfer: Reiskirchen will wachsen – Unternehmen wollen bauen. »Nordfrost« baut in Mücke ein großes Logistikzentrum, in dem über 200 Arbeitsstellen entstehen. Reiskirchen hat einen besseren Standortvorteil und ist daher noch interessanter. Zwischen Reiskirchen und Lindenstruth sollte sich daher etwas bewegen.

Stark: Das ist meine Chefsache. Da steckt noch ungenutztes Potenzial in Reiskirchen. Gewerbeansiedlung bedeutet auch Gewerbeeinnahmen für die Gemeinde. Aber für mich gilt der Grundsatz: Alleine ist es schwierig. Deshalb sollte man sich mit Nachbarkommunen über eine Zusammenarbeit unterhalten.

 

Zur Umgehungsstraße läuft vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel ein Mediationsverfahren. Welches Ergebnis wünschen Sie sich?

Kromm: Mein Wunsch: Baubeginn der Südumgehung 2019, wobei ich nicht einschätzen kann, wie lange das Gerichtsverfahren dauern wird, das zurzeit anhängig ist. Die Gemeinde bekommt bedauerlicherweise keine Informationen. In der Vergangenheit habe ich regelmäßig beim Verkehrsministerium persönlich vorgesprochen und mich nach dem Sachstand erkundigt.

Schäfer: Ich persönlich bin gegen die Südumgehung, da durch sie eine sehr schöne Landschaft zerschnitten wird. Ich gehe nicht davon aus, dass der Planfeststellungsbeschluss vom Gericht aufgehoben wird. Als künftiger Bürgermeister bin ich zudem an den Bürgerwillen gebunden. Der Bürger hat hier entschieden.

Stark: Ich werde den Bürgerwillen respektieren und umsetzen. Aber da ich derzeit keinen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens habe, werde ich mich für ein Verkehrskonzept für Reiskirchen und Lindenstruth einsetzen. Egal wie das Verfahren endet, wir brauchen einen gemeinsamen und starken Plan für die Zukunft.

Mir gefällt es nicht, dass die Vereine als Bittsteller auftreten und Danke sagen müssen

André Schäfer

Reiskirchen musste in den vergangenen Jahren sparen. Ist künftig wieder mehr Geld für Investitionen vorhanden? Wenn ja: Wo wollen Sie investieren?

Kromm: Wir haben bereits in der Vergangenheit viel in unsere Gebäude investiert. Das muss beibehalten werden, damit der Werteverzehr gemindert wird. Durch ständig neue Aufgaben werden zukünftige Investitionen schwieriger, trotzdem müssen wir sie schultern. Aber der kommunale Haushalt der Gemeinde Reiskirchen ist fragiler als viele denken. Deswegen müssen wir mit Bedacht handeln.

Schäfer: Wir befinden uns immer noch in der Konsolidierung. Die Schulden sind während Dietmar Kromms Amtszeit gestiegen. Gleichwohl müssen wir investieren. Mit Leidenschaft werde ich europäische Fördermittel abgrasen, mehr Einnahme durch Wachstum generieren und Einsparpotenziale nutzen.

Stark: Die Schulden sind noch nicht abgebaut, aber ich möchte sinnvolle Investitionen ohne Neuverschuldung. Somit setze ich auf das Ausnutzen von Fördermitteln. Die Töpfe sind voll und werden nicht alle abgerufen. Also suchen wir gemeinsam nach Möglichkeiten (z. B. Infrastrukturmaßnahmen).

 

In Reiskirchen leben rund 500 Jugendliche? Finden sie ausreichend Angebote?

Kromm: In der Gemeinde gibt es ein vielfältiges Angebot für Jugendliche. Besonders hervorzuheben sind hier die Vereine und Feuerwehren. Dort wird sehr gute Arbeit geleistet. Zudem bietet die Gemeinde in fast allen Ortsteilen Jugendräume an und eine Jugendfreizeit, die sehr gut angenommen wird. Alles in allem halte ich das Angebot für akzeptabel.

Schäfer: Ich hatte dazu eine Online-Abstimmung durchgeführt, die allerdings nicht repräsentativ ist. 70 Prozent meinten, Reiskirchen macht nicht genug für die Jugend. Dies ist eine klare Ansage an uns. Ich möchte die Stimme der Jugend hören und plädiere für einen Jugendbeirat auf Ebene der Ortsbeiräte. Hier sollen die Interessen der Jugendlichen gehört werden.

Stark: Ich möchte Freizeitangebote am Bedarf gemeinsam mit den Jugendlichen entwickeln, Vereinsangebote in allen Ortsteilen erhalten und fördern, beispielsweise die Zusammenarbeit mit der Jugendpflege in den Ortsteilen intensivieren oder die Ausbildungssituation fördern. Durch eine Zusammenarbeit von Kita, Schule und Verwaltung und/oder eine Ausbildungsmesse.

+++ Lesen Sie auch: Acht Fragen an Reiskirchens Bürgermeisterkandidatin Anja Stark +++

In ländlichen Gemeinden spielen Vereine eine große Rolle. Wie wollen Sie sie fördern?

Kromm: Vereine benötigen höchst unterschiedliche Förderungen. Manchmal ist es nur eine Abstellfläche, manchmal finanzielle Unterstützung. Die Gemeinde erarbeitet zurzeit neue Vereinsförderrichtlinen. Sie werden den nötigen Rückhalt für die Vereine geben.

Schäfer: Mir gefällt es nicht, dass die Vereine als Bittsteller auftreten und Danke sagen müssen. Die Vereine sind das goldene Zahnrad im Getriebe des funktionierenden Ganzen. Ihnen gebührt fortlaufende Anerkennung und tiefer Respekt. Die Vereinsförderung muss feste Haushaltsstelle werden.

Stark: Ich werde das ehrenamtliche Engagement in den Vereinen stärken, indem ich z. B. einen Ehrenamtstag, eine Sportlerehrung oder andere neue Veranstaltungen durchführe, Ehrungsmöglichkeiten und die Ehrenamtscard weiter nutze, die Reiskirchener Ehrenamtsagentur unterstütze und Fördermöglichkeiten ausschöpfe.

In der Vergangenheit stand die Gemeindeverwaltung häufig in der Kritik. Sehen Sie die Notwendigkeit, etwas zu verändern?

Kromm: Verwaltungen stehen immer im öffentlichen Fokus und oftmals in der Kritik. Nicht immer ist diese berechtigt. Wir haben gute Mitarbeiter. Dennoch ist ein stetiger Prozess in Gang zu halten, damit die Verwaltung sich auch als Dienstleister versteht. Entsprechende Abläufe sind zu optimieren. Daran wird stetig gearbeitet.

Schäfer: Ich möchte keine Lager, die Verwaltung, Politik, Bürger und Bürgermeister heißen. Unsere Politiker opfern Freizeit, um mit ihren Ideen die Zukunft zu gestalten. Bürger fühlen sich nicht mehr repräsentiert. Die Verwaltung hat es auch nicht leicht. Wenn wir uns verbinden, ziehen wir an einem Strang.

Stark: Ich arbeite seit mehr als 21 Jahren in einer Verwaltung und habe in Reiskirchen meine Ausbildung gemacht. Ich bin Teil der Verwaltung. Diese soll bürgernah, modern sein und sich als Dienstleister verstehen. Dafür mache ich mich stark.

Info

Die Kandidaten
Dietmar Kromm
Dietmar Kromm

Dietmar Kromm ist seit März 2013 Bürgermeister von Reiskirchen. Er bewirbt sich als parteiloser Kandidat für eine zweite Amtszeit. Der 54 Jahre alte ehemalige Kriminalhauptkommissar wohnt in Mücke und Reiskirchen. Er ist geschieden, hat eine langjährige Partnerin und zwei erwachsene Kinder.

 

 

André Schäfer
André Schäfer

André Schäfer kandidiert als unabhängiger Bewerber. Aus der CDU, für die er 2006 und 2007 im Reiskirchener Gemeindevorstand saß, ist er ausgetreten. Der 42 Jahre alte Rechtsanwalt hat eine Zeit lang in Burkhardsfelden und danach in Homberg/Ohm gewohnt. Seit zwei Jahren lebt er mit Frau und Sohn in Reiskirchen.

 

 

Anja Stark
Anja Stark

Anja Stark tritt bei der Bürgermeisterwahl für die SPD an. Die 41 Jahre alte Verwaltungsfachwirtin lebt mit Ehemann und zwei Kindern in Hattenrod, wo sie in zahlreichen Vereinen aktiv ist. Sie ist Fraktionsvorsitzende der SPD in der Gemeindevertretung Reiskirchen und sitzt seit 2016 für die Sozialdemokraten auch im Kreistag.

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