25. April 2018, 22:19 Uhr

Zum Amtszeitsende

Bürgermeister Hillgärtner rechnet mit Fusion

Nach 48 Berufsjahren, zwölf davon als Rabenaus Bürgermeister, geht Kurt Hillgärtner in Pension. Im Interview schaut er nicht nur zurück. Bis 2028 erwartet er die Fusion seiner Gemeinde mit Allendorf.
25. April 2018, 22:19 Uhr
Letzte Tage im Chefsessel der Gemeindeverwaltung: Am Dienstag endet Kurt Hillgärtners Amtszeit als Rabenauer Bürgermeister. (Foto: tb)

2005 wurden Sie erstmals gewählt, Sie setzten sich bereits in Runde eins mit 56,8 Prozent gegen zwei Mitbewerber durch. Eine Überraschung in der »roten Hochburg« Rabenau. Sie als Mitglied der Freien Wähler übernahmen das Amt. Haben Ihnen das die Genossen lange krumm genommen?

Kurt Hillgärtner: Nein, auch wenn es den einen oder anderen gab, der sich in Debatten seine Enttäuschung anmerken ließ. Bald aber überwog eine vertrauensvoll-sachliche Zusammenarbeit – mit allen Fraktionen.

Bei der Wiederwahl 2011 erhielten Sie als Alleinkandidat 90,6 Prozent – das erinnert schon an die Volkskammer oder an den SPD-Parteitag (nicht den diesjährigen). Rückblickend auf Ihre Amtszeit: Haben Sie alles erreicht?

Hillgärtner: 100 Prozent kann keiner. Das eine oder andere Projekt hätte ich mir noch gewünscht. Eine Gemeinde wie Rabenau aber muss sorgsam überlegen, wie sie die begrenzten Mittel einsetzt.

Nicht alles, was eine Kommune voranbringt, hat mit einem prall gefüllten Stadtsäckel zu tun.

Hillgärtner: Das wollte ich damit auch nicht sagen. Es gab sehr wohl Dinge, die man hätte besser machen können. Etwa wenn es um die Außendarstellung, die Attraktivität des Lumdatals als Wohnort, geht. Klar gescheitert bin ich mit dem gemeinsamen Ordnungsamtsbezirk mit Allendorf.

Was heißt »gescheitert«?

Hillgärtner: Der Gemeinderat ist mir nicht gefolgt. Etwas anders verhielt es sich beim Abwasser: Auch wenn beim Amtsantritt die Weichen schon gestellt waren, ich habe zu wenig für die zentrale Lösung gestritten. So haben wir heute die Teichkläranlage Rüddingshausen – und die Folgekosten.

Apropos zentrale Lösung, wie fällt Ihre Bilanz in Sachen Interkommunale Zusammenarbeit aus?

Hillgärtner: Das hätte ich anders anpacken müssen. Als Annette Bergen-Krause 2011 in Allendorf Bürgermeisterin wurde, hätte ich sie zur Seite nehmen sollen: »Hör mal, lass uns versuchen, bis 2020 die Fusion hinzubekommen.« Ich hätte die Vorteile früher und stärker herausstellen müssen.

Was meinen Sie konkret?

Hillgärtner: Wir hätten so richtig sparen können, man denke nur an den 40-prozentigen Schuldenerlass durchs Land. Mit dem Verband kommen wir auch dahin, es dauert aber länger.

Wie lange?

Hillgärtner: Ich rechne mit zehn Jahren bis zur Fusion. Kleine Verwaltungen wie wir können den heutigen Effizienz-Anforderungen nicht mehr gerecht werden.

Genug der Selbstkritik. Selbst Ihre politischen Gegner würdigen Ihre Arbeit. Worauf sind Sie besonders stolz?

Hillgärtner: Vor allem auf die Erweiterung der Kita Londorf, trotz der Skepsis im Parlament. Höhere Betreuungsstandards, Zuzug, frühere Anmeldungen – der Bedarf steigt weiter, zurzeit sind wir dran, im Alten Bahnhof einen Gruppenraum zu schaffen.

Standards, die das Land vorgibt, ohne die Gemeinden angemessen zu entlasten. Was konnte in Ihrer Amtszeit auf der Einnahmenseite erreicht werden?

Hillgärtner: Zuvörderst ist da der Energie- und Ressourcenpark zu nennen. Die Kompostieranlage, auf zehn Jahre gesichert, bringt uns 120 000 Euro, der Windpark 80 000 Euro. Das entspricht 20 bis 30 Punkten Grundsteuer. Und der Breitbandausbau, ohne den heute kein Gewerbebetrieb und damit -steuerzahler auskommt: Da waren wir gleich bei der ersten Charge dabei.

Sie kritisierten öfters die Fesseln der Regionalplanung, die Kleinzentren wie Rabenau kein größeres Gewerbegebiet erlaubt. Können Sie mit der Auflage des RP leben, geplantes Industrie- und Gewerbegebiet an der A5-Abfahrt Lumda interkommunal zu bewirtschaften?

Hillgärtner: Kann ich, wir haben nun mal begrenzte Flächen. Das Gewerbegebiet an der A 5 wäre ein großer Wurf, das hätte ich gern noch in meiner Amtszeit gesehen. Irgendwann aber klappt es.

Was fehlt noch in Ihrer Bilanz?

Hillgärtner: Besonders stolz bin ich auf die Ehrenamtsgruppen, wozu ich stets die Menschen motiviert habe. Und auf den Seniorenbeirat; mal etwas, was ich ohne die Gremien umsetzen konnte. Auf der Habenseite sehe ich auch die Schaffung von Baugebieten und geplantes kleines Ärztezentrum am alten Rewe-Standort.

Braucht es in jedem Dorf eine Feuerwehr? »Ja«, war stets Ihre Position. Vielerorts ist heute die Tagesbereitschaft nicht mehr gewährleistet, kommen Sie da nicht ins Grübeln?

Hillgärtner: Nein, Feuerwehren gehören ins Dorf wie die Kirche, sie stiften Identität. Zentralisierung bedeutet langfristig Berufsfeuerwehr. Wo zusammengelegt wurde, zeigen sich bereits erste Auflösungserscheinungen. Wir haben Löschbezirke gebildet, alarmieren zeitgleich. Rabenau kann auch langfristig Mannschaftsstärken sicherstellen.

Oft genug Thema Ihrer Arbeit, darf die Frage nicht fehlen: Wie halten Sie es mit der Lumdatalbahn, ist das finanzierbar?

Hillgärtner: Man sollte nicht immer gleich aufs Geld schauen, denken Sie an Großprojekte im Raum Frankfurt, wo das auch nicht so ist. Für uns wäre das ein Riesengewinn. Die Jugend tendiert heute mehr zum ÖPNV.

Nicht nur die Wahlergebnisse zeigen: Kurt Hillgärtner war beliebt und anerkannt als Bürgermeister. Was ist Ihr Rat an den Nachfolger Florian Langecker?

Hillgärtner: Mit den Menschen reden, für die Menschen entscheiden – und manchmal den Paragraf Paragraf sein lassen.

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