29. März 2019, 22:05 Uhr

Bleibende Erinnerungen

Sie haben viel erlebt und wollen ihre Erinnerungen mit Kindern und Enkeln teilen. Aber wie bringt man die eigene Biografie gut lesbar zu Papier? In einem VHS-Kurs lernen Senioren, spannend zu schreiben.
29. März 2019, 22:05 Uhr
Ihre Kinder und Enkel dürfen sich auf spannende Geschichten freuen. Im VHS-Kurs bei Matthias Luft lernen Senioren, wie sie Geschichten aus ihrem Leben gut lesbar zu Papier bringen. (Foto: us)

Der Großvater war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Was hat er erlebt, gesehen, getan? Niemand weiß es. Zu seinen Lebzeiten hat sich der Opa nie großartig mitgeteilt. Nun ist er schon lange tot, doch sein Enkel, inzwischen ein Mann in den besten Jahren, ärgert sich noch immer: »Warum habe ich nie gefragt?«

Den Nachfahren von Wolfgang Jacobs wird solches Bedauern erspart bleiben. Jacobs schreibt seit Jahren an einer Familiengeschichte. Mittlerweile liegt sie sogar gedruckt als Buch vor. Doch das Thema lässt den Autor nicht los. Da kam ein Angebot der Kreisvolkshochschule gerade recht. »Liebe Großeltern, schreibt das mal auf!« heißt der Kurs, der nun auf die Zielgerade einbiegt. Jacobs ist einer von sieben regelmäßigen Teilnehmern, die sich seit Anfang Februar intensiv und sehr ernsthaft mit den Möglichkeiten autobiografischen Schreibens auseinandergesetzt haben. Mit Matthias Luft steht ihnen dabei ein Dozent zur Seite, der nicht nur Germanistik studiert hat, sondern auch journalistisch ausgebildet ist. Er kennt also Theorie und Praxis. Am Donnerstag, beim vorletzten Treffen in Räumen der Stadt- und Schulmediothek in Lollar, sind krankheitsbedingt nur fünf der sieben Teilnehmer anwesend. Aber sie sind eineinhalb Stunden lang voll bei der Sache, wenn der Dozent erläutert, wie man weg kommt vom reinen Bericht und stattdessen so erzählt, dass bei den Lesern »das Kopfkino in Gang kommt«.

Die Frauen und Männer im Alter zwischen 70 und Mitte 80 haben ganz unterschiedliches Vorwissen. Doch das Schreiben beschäftigt die meisten von ihnen nicht erst seit dem Kurs. Hans Lotzow zum Beispiel hat unter anderem Gedichte verfasst, Marianne Schreiner gehört zum Redaktionsteam des Daubringer Gemeindebriefs. Und genau wie Edeltraud Müller hat auch sie von ihren Kindern schon die Aufforderung gehört: Schreib das mal auf!

Aber das ist leichter gesagt, als getan. Was will man von sich und seinen Nächsten überhaupt preisgeben? Und wie bringt man seine Erinnerungen in Form? Mit solchen Fragen setzen sich die Senioren sehr ernsthaft auseinander. »Ich habe den Kurs handwerklich aufgezogen«, sagt Matthias Luft. Heißt konkret: Die Teilnehmer müssen intensiv arbeiten. Nach jeder Unterrichtseinheit gibt es Hausaufgaben. Mal lautet das Thema »Meine Schulzeit«, mal ist ein Interview zu führen. Wolfgang Jacobs findet das gut. »Nur Theorie bringt nichts. Man braucht praktische Übungen.«

Der Dozent arbeitet alle Texte zu Hause akribisch durch. »Sein Engagement ist bewundernswert«, lobt Wolfgang Jacobs. Seine Verbesserungsvorschläge will Luft aber keinesfalls als der Weisheit letzter Schluss verstanden wissen. »Wenn jemand auf seiner eigenen Schreibe beharrt, ist das auch okay«, versichert er. Hans Lotzow hat mit der konstruktiven Kritik des Dozenten kein Problem. »Es gibt kein falsch oder richtig«, weiß er. Die Varianten eröffneten lediglich Spielräume. »Wenn’s am Ende besser ist, habe ich erreicht, was ich will.«

Anja Janetzky, die bei der Volkshochschule des Landkreises Gießen den Bereich Kulturelle Bildung leitet, hatte schon länger vor, einen Schreibkurs im Programm zu implementieren. »Das war ’ne gute Idee«, lobt Marianne Schreiner, und Janetzky freut sich, dass das Angebot so gut ankommt. Sie hofft, dass sich auch für die Neuauflage des Kurses im Mai genügend Teilnehmer finden.

An dem offenen Konzept, das auf die Teilnehmerwünsche eingeht, will der Dozent festhalten. Einen Rat allerdings hat er den schreibenden Großeltern von Anfang an mit auf den Weg gegeben: »Gehen Sie nicht gleich das große Ganze an.« Statt dessen empfiehlt er Texte auf Schulaufsatz-Ebene. »Auch für die Nachkommen ist vielleicht eine Sammlung vieler kleiner Geschichten interessanter.«

Die meisten Teilnehmer sind durch eine Ankündigung in der Tageszeitung auf den Kurs gestoßen. Dass sie ihre Erinnerungen für die Nachwelt festhalten, finden sie nicht zuletzt aus einem Grund wichtig: »Wir sind die letzte Generation, die den Krieg noch bewusst erlebt hat.« Das spiegelt sich auch in den Texten wider, die sie für ihren Schreibkurs verfasst haben. Kinder, die in Reih und Glied zum Appell antreten müssen und ihre zum Hitlergruß gereckten Arme müde auf die Schultern ihrer Vorderleute sinken lassen, eine Schulfahne, auf der eines Tages nicht mehr das Hakenkreuz prangt, sondern Hammer und Sichel, oder der Großvater, der in einem fiktiven Interview über seine Haltung zu den Juden räsonniert: die Weltgeschichte hat die Kriegskinder, die in den 1930er und 1940er Jahren geboren wurden, von Anfang an geprägt. Und auch ihre Nachkommen. Wolfgang Jacobs’ Tochter hat die Familiengeschichte, die ihr Vater aufgeschrieben hat, gelesen. »Jetzt verstehe ich besser, warum ich bin, wie ich bin«, hat sie nach der Lektüre gesagt.

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