10. März 2016, 09:03 Uhr

Bewährungsstrafe nach blutigem Saufgelage

Gießen/Buseck (sha). »Ja, wunderbar.« Der Angeklagte nickte kurz und verließ nach dem Urteilsspruch schnell den Gerichtssaal. Vermutlich war der bisher nicht vorbestrafte Mann erleichtert, dass er nicht ins Gefängnis muss.
10. März 2016, 09:03 Uhr
(Foto: Oliver Schepp/Archiv)

Als Amtsanwältin Meike Heinisch am Mittwoch am Gießener Amtsgericht in ihrem Plädoyer wegen gefährlicher Körperverletzung eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten sowie eine Bewährungszeit von drei Jahren forderte, fragte der 38-Jährige besorgt nach, was das heiße. Die Richterin beruhigte ihn: Der Fernwälder müsse nicht in Haft. Allerdings dürfe er drei Jahre lang nicht straffällig werden und müsse sich an die Bewährungsauflagen halten. Sonst würde die Bewährung widerrufen und der Angeklagte müsse die zehn Monate im Gefängnis verbringen. Als Auflage muss der Arbeitslose 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten.

Scherbe in Rücken gerammt

Letztlich hätten sowohl das Opfer als auch der Angeklagte noch Glück gehabt, betonte die Richterin. »Das hätte auch anders ausgehen können«, mahnte sie mit Blick auf das Saufgelage der beiden Männer, das am frühen Morgen des 19. August vergangenen Jahres blutig endete (die GAZ berichtete). Der Angeklagte hatte sich mit einem 39-jährigen Kumpel in dessen Wohnung in Buseck getroffen. Nach einer durchzechten Nacht eskalierte die Situation: Der Angeklagte hatte zugegeben, dem Opfer eine Glasscherbe in den Rücken »gerammt« zu haben. Diese Wunde blutete zwar stark, war aber nach Auskunft einer Gerichtsmedizinerin nicht besonders tief gewesen. Der Fernwälder behauptete, er sei »in Panik« geraten, weil sein Kumpel ihn zuvor mit einem Messer bedroht und außerdem die Wohnungstür abgeschlossen habe. Er sei »gefangen« gewesen, rechtfertigte er sich. Zur Tatzeit soll der Angeklagte bis zu 2,5 Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Das Gericht hatte deshalb eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausgeschlossen.

Ganz anders schien das Opfer die Situation erlebt zu haben: Offenherzig gab der ebenfalls arbeitslose 39-Jährige an, er und sein Kumpel hätten jeder eine Flasche Wodka getrunken. »Das ist ja nicht die Welt.« Zunächst sei auch alles friedlich gewesen. Im Morgengrauen sei der Angeklagte auf die Toilette gewankt und dabei auf einen Glastisch gefallen, der zu Bruch ging. »Das war aber nicht schlimm«, betonte der Busecker. Als der Mann zurückkam, habe er ihn aufgefordert, die Scherben zusammenzukehren, berichtete das Opfer. Da sei der Kumpel »explosionsartig ausgerastet« und habe ein im Raum stehendes Fahrrad nach ihm geworfen. Dass der Angeklagte ihn mit einer Scherbe stach, habe er nicht gesehen, aber im Rücken einen Schmerz gespürt, als er in sein Bad geflüchtet sei und sich eingeschlossen habe. Dann habe er die Polizei angerufen.

Er habe den Fernwälder nicht mit einem Messer bedroht, beteuerte der 39-Jährige. Es könne jedoch sein, dass Messer auf dem Tisch gelegen hätten, da beide etwas gegessen hätten. Seine Wohnungstür sei zwar abgeschlossen gewesen, aber der Schlüssel habe gesteckt, unterstrich das Opfer. Er habe sich mit dem Angeklagten geeinigt, dass dieser ihm 2000 Euro für den Schaden zahle, sagte der Busecker. Aber: Der Vorfall bereite ihm ein »Kopfproblem«, er werde sich psychologisch behandeln lassen.

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