12. März 2010, 23:54 Uhr

Beste Kindergärten, Schulen und Ausbildungsbetriebe ...

Lollar/Staufenberg (mb). Was ist »deutsch« oder »typisch deutsch«? Bad Urach im Herzen der Schwäbischen Alb, wo er geboren wurde und aufwuchs, das Rheinland, in dem er einige Lebensjahre verbrachte, oder Berlin, wo der »sakuläre Muslim« mit seiner aus Argentinien stammenden katholischen Ehefrau und zwei Kindern jetzt wohnt?
12. März 2010, 23:54 Uhr
Cem Özdemir und CBES-Lehrer Hartmut Reyl, der fünf Jahre in der Türkei unterrichtete und auch die Sprache beherrscht.

Cem Özdemir, Jahrgang 1965, kann und will diese Frage nicht beantworten. Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, nach acht Jahren als Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB) und fünf Jahren als Mitglied des Europäischen Parlamentes (MdEP) derzeit ohne Mandat, bittet eindringlich, die Türken, die Kurden, die Araber, die Muslime und manche mehr ebenso zu betrachten wie die Deutschen. Da und dort gibt es keine starren Blöcke, in denen Diskussionen nicht geführt werden, Änderungen nicht vorkommen und Unterschiede nicht bestehen. Seine Bitte richtet sich darauf, jeden Menschen als Individuum zu sehen und unbedingt genau zu differenzieren. Und er versucht geradezu einzutrichtern: Bildung, Bildung, Bildung! Leute, lernt und lernt und lernt! Der Sohn türkischer Eltern, der selbstverständlich richtig »schwäbele« kann und mit 18 Jahren deutscher Staatsbürger wurde, Erzieher, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Journalist und Buchautor mit Fachhochschulreife und ohne Abitur, wie er zu sagen nicht unterlässt, hat da eher keinen Nachholbedarf.

In der Clemens-Brentano-Europaschule, eine von 190 deutschen UNESCO-Projekt-Schulen, gibt es das Themenforum »Wege zum anderen«. Die sechste Veranstaltung dieser Reihe erlebte Cem Özdemir, aus Berlin per Bahn angereist, am Donnerstagabend als viel beklatschten Referenten. Der Part des Gastes im vollbesetzten Aufenthaltsbereich des CBES-Hauses B war nicht der des wahlkämpfenden Parteivorsitzenden, sondern der des Experten für Integration, des Musterbeispiels für gelungene Integration, des integrierten Vorzeigepolitikers, der als erster gebürtiger Türke in den Bundestag eingezogen war. Das angekündigte Thema lautete »Integration ist keine Einbahnstraße - Aufgaben, Chancen und Versäumnisse«. Zuhörer waren vor allem Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe, Lehrerinnen und Lehrer, türkische Staatsbürger aus Lollar und Umgebung, Kommunalpolitiker der Grünen. Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek saß neben Tochter Julia, die Schülerin der CBES ist. Begleitet und geleitet wurde Cem Özdemir von der stellvertretenden Schulleiterin Dr. Barbara Himmelsbach und den Lehrern Rolf Steubing und Hartmut Reyl. Die Pädagogen durften auf ihre Oberstufen-Jugendlichen einmal mehr mächtig stolz sein: vorbildliche Disziplin, keinerlei Stühlerücken, kein Hüsteln; große Aufmerksamkeit, Konzentration, Stille.

Das Themenforum diene der Bürgerbildung, weil ein demokratischer Staat informierte Bürger braucht, leitete UNESCO-Beauftragter Rolf Steubing die Veranstaltung ein und hob das bewusste Aufgreifen auch »nicht ganz einfacher Themen« hervor. Die Vorstellung des Referenten konnte er sich weitgehend ersparen, weil ihm der Begrüßungsapplaus signalisiert hatte, dass Cem Özdemir »bestens bekannt« ist.

Der Gast aus Berlin begann, kurz zurückblickend, mit Hinweisen auf den lange geführten Streit, ob Deutschland ein Einwanderungsland mit interkultureller/multikultureller Gesellschaft ist, und auf die lange beiseitegeschobene Antwort auf die Frage der Gestaltung dieser Gesellschaft. Er blickte in die deutsche Gesellschaft, in der Hochzeiten evangelischer und katholischer Partner vor nicht sehr langer Zeit problematisch waren, und speziell ins Schwabenland, wo Neupietisten im Gegensatz zu Katholiken das Fastnachtfeiern verboten war. »Was ist richtig deutsch?«, fragte der bekennende Rockmusikfan. »Volksmusik, Punk, Hip-Hop?« In der Türkei, beispielsweise, ist es nicht anders, führte er vor Augen. Kulturelle Ausrichtungen und Interessen sind höchst unterschiedlich, aber hierzulande wird so getan, als gäbe es nur eine einzige zementierte Kultur - und davon allenfalls ein paar wenige Ausnahmen. Cem Özdemirs logische Forderung: Die üblichen Denkschablonen nicht automatisch ablaufen lassen, weg mit all diesen Klischees, weg von Verallgemeinerungen, die da etwa sagen, die türkischen Frauen haben keine Schulbildung und fallen im Straßenbild mit ihren Plastikeinkaufstüten auf.

Zum Komplex »Religion/Islam« verlangte der Referent, die vielfältigen islamischen Richtungen nicht über einen Kamm zu scheren, Äpfel nicht mit Birnen zu vergleichen, den gebildeten Mittelstand nicht mit Analphabeten gleichzusetzen und, beispielsweise, zu bedenken, dass Muslime auf dem Balkan oder in der Türkei ebenso zu Hause sind wie in Iran oder in Nordafrika und dass erhebliche Unterschiede, beispielsweise, zwischen Sunniten und Aleviten bestehen.

Das Kopftuchtragen in Deutschland und heftige Auseinandersetzungen um das Kopftuchverbot in der Türkei klammerte Cem Özdemir nicht aus und gab Hinweise auf diese und jene Rechtsschule, auf Glaubensrichtungen und auf Öffnungsprozesse, bevor er scharfe Grenzen zu islamistischen Fundamentalisten zog. Von rund 3,5 Millionen Muslimen in Deutschland rechne der Verfassungsbericht 32 000 den Fundamentalisten zu und sehe 1000 bis 3000 einschließlich der oftmals besonders radikalen Konvertiten als gewaltbereit an. Diese Zahlen seien vergleichsweise nicht hoch, sagte der Gast, machte aber in einem Atemzug deutlich, jeder Gewaltbereite sei einer zu viel. Die Linie solle nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gezogen werden, forderte er, sondern das Gemeinsame gesehen und Probleme gemeinsam bewältigt werden. Dazu bestehe die Chance nur, wenn sich die Gesellschaft nicht spalten lasse und den Bin Ladens dieser Welt, deren Ziel die Spaltung sei, nicht in die Hände spiele.

Die Politik und die Parteipolitik klammerte Cem Özdemir nicht ganz aus. Er begrüßte den Islam-Gipfel als richtigen Weg, um nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Er begrüßte die Bestrebungen zur Einführung muslimischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache durch entsprechend ausgebildete Lehrer und mit »hier hergestellten Büchern«, statt den Unterricht etwa zweifelhaften Lehrern zu überlassen, die Halbwissen auf Hinterhöfen und in anderen Verstecken weitergeben. Er verlangte die Förderung des Zugangs zum Islam an Universitäten und die Ausbildung der Imame in Deutschland. Er verlangte offene und - im wahrsten Sinn des Wortes - gläserne Moscheen und Gemeinden, die Kontakte zur Nachbarschaft, zum evangelischen Pfarrer, zum katholischen Pfarrer, zum Bürgermeister, zum Schulleiter pflegen.

Bei der »systematisch unterfinanzierten« Bildung angelangt, zog Cem Özdemir die Grenze nicht zwischen gebürtigen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, sondern stellte die soziale Herkunft und die gesellschaftlichen Mechanismen in den Vordergrund, die nach wie vor die Wahrscheinlichkeit groß sein ließen, dass Kinder aus benachteiligten Familien im schlimmsten Fall auf der Strecke bleiben. Bildung sei der wichtigste Schlüssel zur Integration und entscheidend die Beantwortung der Frage: »Bring ich’s, oder bring ich’s nicht? Will ich, oder will ich nicht?«.

Er forderte kleinere Schulklassen, die deutliche Aufwertung des Lehrerberufs, der höchstes Ansehen genießen müsse, den Ausbau der frühkindlichen Bildung, flächendeckende Ganztagsschulen, die Aufwertung der musischen Unterrichtsfächer, den Ausbau der Schulsozialarbeit - statt der Rufe nach der Verschärfung von Gesetzen. Die Erfüllung dieser Forderungen koste eine Menge Geld, ließ er nicht unerwähnt, aber es sei gut angelegt und komme zigfach zurück. Deutschland brauche die besten Kindergärten, die besten Schulen, die besten Ausbildungsbetriebe, die besten Universitäten, schloss er und erhielt viel, viel, viel Beifall.

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