12. November 2018, 21:11 Uhr

Berührender Auftritt

12. November 2018, 21:11 Uhr
Erinnerung an die Vorfahren (l.): Sveta Kundish (r.) mit Patrick Farrell. (Foto: axc)

Es war eine besondere Familiengeschichte, die Sveta Kundish, 1982 in der Ukraine geboren, am Samstagabend im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge erzählte, sang und singen ließ (siehe GAZ vom 9. November). 1995 hatte die damals 13-Jährige mit ihrer Familie den nordukrainischen Wohnort Owrutsch in Richtung Israel verlassen. Davon hatte Opa Mordechai immer geträumt, doch er verstarb zwei Jahre vor der Emigration. Was blieb, waren die Tonbänder, die Motik ab den Siebzigerjahren von seiner Familie aufgenommen hatte. Und das bedeutete vor allem viel Musik.

Liebenswerte Details

Gemeinsam mit ihrem Partner, dem irischstämmigen New Yorker Patrick Farrell (beide leben in Berlin), spannte die ausgebildete Sängerin einen kurzweiligen Bogen vom in Weißrussland geborenen Urgroßvater Schimon bis zu ihrer kürzlich abgeschlossenen Ausbildung, mit der sie nun als Kantorin in einer jüdischen Gemeinde in Braunschweig tätig ist – was den streng orthodoxen Uropa Schimon bei allem Stolz vielleicht auch zu einem Stirnrunzeln veranlasst hätte.

Der Abend beginnt mit einem Bild der Urgroßeltern, dazu erklingt – nur Patrick Farrells einfühlsam gespieltes Akkordeon plus Svetas Stimme – ein getragenes hebräisches Gebet: »Heute wird die Welt geboren«. Bevor die Stimmung im gut gefüllten Saal zu andächtig wird, begrüßt die schwarzgelockte Sängerin ihr Publikum mit einem strahlenden Lächeln und freut sich, dieses Gebet in einer Synagoge singen zu dürfen. Und schon geht die Geschichte mit liebenswerten Details los, etwa vom Uropa mit der schönen Stimme und dem großen Herzen, der gerne seinen Lohn an Bettler verschenkt.

1917 ziehen dunkle Wolken auf. Unter der Sowjetherrschaft werden Juden offiziell gleichgestellt, dürfen aber ihre Religion und ihr Brauchtum nicht ausüben, sodass Schimon nicht mehr als Kantor arbeiten darf. Die Großmutter, 1922 geboren, ist ebenfalls mit einer schönen Stimme gesegnet, was die Enkelin mit einer rauschenden, aber beeindruckenden Tonbandaufnahme beweist – und dann live mitsingt.

1941, kurz nach der Hochzeit der Großeltern, muss Opa Motik in den Krieg, den er zum Glück überlebt. Sein Lieblingslied »Dunkle Nacht«, das sie auf Russisch singt, begleitet Sveta sanft zupfend auf der Gitarre. Vorher aber hat sie den Text ins Deutsche übersetzt. Das Lied ist so berührend, dass die Zuhörer nicht wagen zu applaudieren. Und auch später wird es bis zum ersten Händeklatschen immer ein paar respektvolle Sekunden dauern.

Zur Zugabe bedankt sich Sveta Kundish ausdrücklich bei Peter Damm (»künstLich«), dessen Idee die Bühnenumsetzung dieser Familiengeschichte war.

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