11. Juni 2018, 22:13 Uhr

Laubacher Ausschuss

Benjamin Kunze Laubachs neuer Hammelschütze

Laubach feiert 478 Jahre Ausschussfest und feiert Benjamin Kunze. Der erwies sich als extrem treffsicher und wurde der Hammelschütze 2018.
11. Juni 2018, 22:13 Uhr
Laubacher Ausschusstradition: Im Schlosshof übergeben Karl Georg Graf zu Solms-Laubach und Gräfin Celina die Preise an die besten Schützen. Hammelschütze 2018 wird Benjamin Kunze (links) von der 7. Sektion, die Hammelsgabe geht an Robert Köppen (5. v. r.). (Fotos: tb)

»Hartmut« hat es nicht leicht an diesem Montag: Keiner fragt ihn, ob er auf »Dicke-Backe-Musik« steht, die ihn auf seinem Weg durch Laubachs Gassen beschallt. Keiner fragt ihn auch, ob er es denn witzig findet, im Festzelt einen Hut mit Eichenlaub aufgesetzt zu bekommen. Und schon gar nicht, ob es ihm gefällt, die Vorderhufe vorneweg, aus dem Fenster seines neuen Besitzers zu schauen.

Bei »Hartmut« handelt es sich freilich nicht um den gleichnamigen Hauptmann der Ausschussgesellschaft Solms-Laubach. Sondern um einen Hammel. Und um ihn geht es an diesem Montag, dem Haupttag des Ausschussfestes, das die Bewohner der Residenzstadt (mit Unterbrechungen) bereits sei 478 Jahren feiern.

 

»Schlosspark-Rangers«

 

In einer zeitgemäßen Fortsetzung der Schießübungen der spätmittelalterlichen Bürgerwehr treten dann Laubachs »wehrfähige Männer« zum Wettstreit an. Und der beste Schütze kriegt am Ende den Hammel.

Mit Spannung erwartet, wurde der Sieger am Abend unterm Jubel des Festzeltes gekürt: Benjamin Kunze von der 7. Sektion. Die sahnte diesmal so richtig ab, holte doch mit Robert Köppen einer der Ihren auch die Hammelsgabe, ein von der Gräfin gestifteter Ballen Stoff.

Rückblende: Am frühen Morgen waren die Tamboure durch die Straßen gezogen, hatten mit lauten Trommelschlägen die Ausschussmänner geweckt. Auf dass sie rechtzeitig an den Standlokalen der zwölf Sektionen eintreffen. Die Vorstände der Ausschussgesellschaft und Gäste frühstückten derweil beim Hauptmann Hartmut Schmidt. Gut gestärkt, konnte der sich nun seinen ehrenvollen Aufgaben widmen.

»Bataillon, guten Morgen!«, grüßt Schmidt wenig später gut 450 Ausschussmänner am Marktplatz. »Guten Morgen, Herr Hauptmann!«, lautet zwölfmal die Antwort – spätestens bei dem Appell, mehr oder minder synchron, immer aber ohrenbetäubend, weiß nun der Altstadtbewohner, dass der Höhepunkt des Festes naht. Vorneweg die Träger der Bürger- und Stadtfahnen, die Festdamen und Gabenträger, marschieren jetzt die Sektionen zum Schloss. Der Musikverein Laubach unterm Dirigat von Hubert Honsowitz stimmt die »Fernweh-Polka« an, und Hauptführer, Major und Adjutanten formieren sich fürs Grußwort des Hauptmanns. Der spickt seine Rede mit auch persönlichen Bezügen: Vor 50 Jahren hatte Schmidts Vater Karl als Hauptmann die »Hohen Herrschaften« samt Otto Graf zu Solms-Laubach gegrüßt.

Das Geschehen hatten auch Klein-Hartmut und Klein-Karl Georg verfolgt. »Damals konnten wir nicht ahnen, dass auch wir einmal an dieser Stelle Rede und Gegenrede halten würden. Als Buben, wir waren die ›Schlosspark-Rangers‹, versprachen wir uns, dass dies einmal geschehen sollte. Heute ist es so weit«, verriet der Hauptmann. Er und Graf Solms sind heute Mitte 50, und nicht nur für die einstigen »Schlosspark-Rangers« sieht die Welt heute ganz anders aus. Schmidt nannte hier den Fall der Mauer, von dem Laubach in besonderer Weise profitiert habe – 2017 erhielt die Stadt erstmals einen Hauptmann mit sächsischen Wurzeln. Gemeint war Thomas Mehlhos, traditionsgemäß im Folgejahr vom Range eines Majors.

Zur Wiedervereinigung gesellten sich weitere rasante gesellschaftliche und vor allem technische Entwicklungen. Dass es in Zeiten der Globalisierung und sozialen Medien in Laubach noch immer diese starke Gemeinschaft von Ausschussleuten gebe, freute Schmidt besonders. Sein Appell daher: »Lasst uns die Traditionen aufrechterhalten und an nachfolgende Generationen weitergeben.« Schließlich seine von den bald 1000 Zuhörern gern befolgte Bitte, einzustimmen in den frohen Ruf: »Das gräfliche Haus, unsere alte Vaterstadt mit dem Ausschussfest, sie eben hoch, hoch, hoch!«

An die Ursprünge des Festes, die Bürgerwehr, erinnerte der Graf eingangs seiner Rede. Zum Glück seien diese Zeiten vorbei: »Heute ist der Ausschuss ein Fest des Friedens. Und jeder ist willkommen.« Wenn er vom Schlossfenster auf den Einmarsch der Sektionen schaue, bekannte er nun, beschlichen ihn stets gemischte Gefühle: Freude, aber auch Wehmut ob der Männer, die dereinst ebenso Stock und Hut mit Eichenlaub bekränzten, heute nicht mehr uns sind.

 

Endlich die Hufe hochlegen

 

»Unsere Väter hätten gewiss ihre Freude daran, wenn sie uns hier sehen könnten. Als Kinder haben wir es den Eltern oft nicht leichtgemacht, aber zumindest waren wir gut versichert«, rief er mit einem Schmunzeln aus. Dann war’s so weit, marschierten die Ausschussmänner zur »Helle«, traten zum Schießen an, feierten das Volksfest und am Abend ihren neuen Hammelschützen. Der präsentierte sich gegen 20.30 Uhr mit seinem Preis auf dem Balkon (der an sich geforderte Fensterblick war im Haus am Leuchtfass nicht machbar). Jetzt endlich hatte auch der andere »Hartmut« seine Ruhe und konnte bald darauf seine vier Hufe hochlegen.

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