01. April 2019, 13:05 Uhr

»Von oben«

Bellersheim – das dolle Drei-Burgen-Dorf hat Geburtstag

Bellersheim ist einfach doll – und das schon lange, bevor es »Dolles Dorf« wurde. Hier wird einen Monat lang Karneval gefeiert. Doch eine Verwechslung brachte dem Dorf schon einmal viel Leid.
01. April 2019, 13:05 Uhr
Bellersheim von oben: Rechts sieht man den Barbarasee und die langgezogene Ostendstraße, an deren Ende einst der Bahnhof und eine Kultdisco lagen. Im linken Bildteil der alte Ortskern mit den drei Burgen. (Foto: Henß)

Das ist kein Aprilscherz und erst recht kein Fake: Bellersheim feiert in diesem Jahr seine erste urkundliche Erwähnung vor 1250 Jahren. Damals wurde der Ort als »Baldraresheim« im Lorscher Kodex genannt, jemand vererbte hier eine Hofreite und Land. Klar ist: Wo es was zu vererben gibt, muss es schon vorher was gegeben haben. Die Bauart der Höfe und der Ortsname selbst lassen darauf schließen, dass im 6. bis 8. Jahrhundert die Franken das Dorf angelegt haben könnten.

Sie waren übrigens nicht die Ersten, denen es in dieser Ecke der nördlichen Wetterau gefiel: Bereits im Jahre 84 n. Chr. errichteten die Römer im Areal des Streubel eine Villa Rustica, bewirtschafteten rund 100 Hektar Land und entspannten nach der Arbeit im hofeigenen Badehaus. Bis auf ein paar Unebenheiten in der Landschaft ist von dem Hofgut der Römer heute nichts mehr zu sehen. Die Steine der römischen Bauten finden sich allerdings in zahlreichen Gebäuden in Bellersheim wieder – wozu Steine im Steinbruch schlagen, wenn sie im Feld quasi abholbereit bereitstehen?

 

Steine aus römischer Villa in den Burgen verbaut

Auch in den Burgen des Dorfes wurden sie vermauert. Burgen gibt es in Bellersheim drei. Eine hohe Zahl für ein kleines Dorf. Dass die freien Ritter von Bellersheim solche Festungen überhaupt errichten durften, liegt auch in einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu Münzenberg: Denn die Münzenberger erlaubten ihren Vasallen in Bellersheim, ihre Höfe ordentlich zu befestigen. Auch mit den Nachfolgern der Münzenbergern, den Falkensteinern, hatten die Bellersheimer ein gutes Verhältnis.

1390 baute sich Ritter Henne von Bellersheim die Mittelburg. Nach dem Aussterben des Rittergeschlechts gelangte die Burg über einige Umwege in den Besitz der Fürsten zu Solms-Braunfels. 1873 tauschte sie die Gemeinde gegen die Oberburg ein, riss einen Teil der Gebäude ab und baute auf dem frei werdenden Platz die Bettenhäuser Straße. Einer der tiefen Lagerkeller ist noch heute vorhanden: »Der ist ideal für Apfelwein«, sagt Heimatforscher Werner Fuchs. Für eine innerörtliche Umgehungsstraße wurden zudem einige Hofreiten in Richtung Obbornhofen abgerissen.

 

Bauernhof in Unterburg

Die Unterburg dürfte die jüngste der drei Burgen sein. Ihre Mauern sind heute noch deutlich am Ortseingang Richtung Trais-Horloff sichtbar. Hier ist ein Bauernhof eingezogen. Wann die Oberburg gebaut wurde, ist unbekannt. 1452 ist sie erstmals dokumentiert. Der Wassergraben wurde 1855 zugeschüttet. Damals gab es hier neben einem dreistöckigen Wohnhaus eine Brauerei, ein Molkereigelände und ein Dampfkesselhaus.

Die Oberburg spielte auch bei einem der dramatischsten Ereignisse in der jüngeren Dorfgeschichte eine zentrale Rolle. Am 24. Dezember 1944 um 15 Uhr wurde das Dorf von amerikanischen Fliegern bombardiert. Rund 700 Bomben fielen auf Bellersheim. Das Herrenhaus und die westlichen Wirtschaftsgebäude wurden zerstört, das Pächterehepaar getötet. Insgesamt 13 Menschen sterben. Zahlreiche Häuser im Dorf brennen, das Löschwasser geht aus. In der Not löscht die Feuerwehr mit Jauche. 30 Gehöfte werden teils schwer beschädigt, rund 100 Stück Vieh getötet.

 

Rätsel der Bombardierung erst spät gelöst

Der Angriff blieb für die Bellersheimer zunächst ein Rätsel, denn in dem Dorf ist nichts Kriegsentscheidendes zu finden. Laut einem Gerücht soll in alten englischen Karten ein Flugplatz eingezeichnet gewesen sein. Andere mutmaßten, dass es sich um einen Racheakt für ein Kriegsverbrechen bei Beltershain handelte, bei dem vier gefangene US-Flieger erschossen worden waren. Man vermutete, die Ortsnamen seien verwechselt worden. Erst rund 30 Jahre später wurde das Rätsel gelöst. Ein deutscher Flieger, der bei den Rettungsarbeiten in Bellersheim geholfen hatte, traf in Südamerika durch Zufall einen Amerikaner, der Zugang zu den Akten im Pentagon hatte. Dieser erkundigte sich – und hatte ein überraschendes Ergebnis: Eigentlich sollten die Bomber den Flugplatz Nidda-Harb angreifen. Doch zwei der drei Staffeln steuerten das falsche Ziel an – eine für 13 Bellersheimer tödliche Verwechslung.

Der letzte Großbrand in Bellersheim traf ebenfalls die Oberburg: In der Silvesternacht 2017 brannte die Scheune des Marienhofs aus. Im Mai 2018 suchte ein Jahrhundertunwetter den Ort heim. 151 Liter Regen fallen innerhalb einer Viertelstunde, setzen zig Keller und den Ortskern unter Wasser.

 

Nix los auf der »Ponderosa«

Doch auch bei dem Unwetter zeigte sich wieder einmal: Die Bellersheimer halten zusammen und helfen einander. Gemeinsam wurde Schlamm geschippt und aufgeräumt. Dieser Zusammenhalt hat das Dorf auch hessenweit bekannt gemacht: 2015 holt man sich beim HR-Wettbewerb den Titel »Dolles Dorf« – eine echte Teamleistung. Die Siegesparty in der »Angermühle« im Anschluss ist bis heute legendär. Das trifft auch stets auf die Beachpartys des TV Bellersheim zu, die es mittlerweile schon länger gibt, als ein Großteil der Besucher auf der Welt ist.

Weder mit dem Hessischen Rundfunk noch überhaupt mit dem Fernsehen hat die »Ponderosa« zu tun. So wird der Bahnhaltepunkt mitten im Feld genannt. Eigentlich hatte Bellersheim mal einen Bahnhof direkt am Ort. Doch aufgrund des Braunkohletagebaus wurde die Strecke 1968 verlegt. Seitdem hat man einen Bahnsteig mitten im Nirgendwo anderthalb Kilometer vom Dorf entfernt – genauso abseits wie die Ranch aus der Fernsehserie »Bonanza«. Da mittlerweile hier auch keine Züge mehr fahren, hat man bei einem Besuch auf der Ponderosa tatsächlich das Gefühl, dass gleich ein Heuballen im Wind über die Straße rollt...

 

Ein Monat Karneval

Während dort nix los ist, ist sonst in Bellersheim jede Menge los. Dafür sorgen die zahlreichen Ortsvereine und nicht zuletzt der CCB. Der Carnevals-Club richtet alle drei Jahre einen funkelnden und glänzenden Lichterumzug aus, der Fastnachtszug lockt jedes Jahr hunderte Besucher an. Auch andere Vereine richten eigene Fastnachtssitzungen aus, sodass man hier gut einen Monat lang ohne Pause Karneval feiern kann.

Richtig gefeiert wird auch am kommenden Samstag, dem 6. April: Dann findet um 19.30 Uhr der Gala-Abend zum 1250-jährigen Bestehen statt. Am selben Abend feiert die Festschrift Premiere. Außerdem sind die ersten Karten für das Festwochenende im Mai mit »Colours of Rock und »Seven hell« (31. Mai) sowie »Den Partyvoegeln« (1. Juni) erhältlich.

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