18. Oktober 2018, 13:00 Uhr

Bus statt Bahn

Bahnverkehr in Mittelhessen: RMV sieht Notstand in der Branche

Weil Lokführer fehlen, ersetzt die HLB Fahrten mit Bussen. Pendler aus dem Kreis Gießen sind verärgert, auf die HLB kommen Strafzahlungen zu. Der Verkehrsverbund RMV sieht einen Notstand in der Branche.
18. Oktober 2018, 13:00 Uhr
Zurzeit setzt die HLB auch auf der Strecke Gießen-Gelnhausen teilweise Busse ein, weil es an Lokführern mangelt. (Foto: jwr)

Ist Pünktlichkeit eine Frage der Perspektive? Vor sechs Minuten hätte der Bus abfahren sollen, doch er ist nicht in Sicht. Gut ein Dutzend Fahrgäste wartet, Pendler wollen nach Feierabend schnell heim. Unruhe macht sich breit, fragende Blicke auf die Uhr und in Richtung des Gießener Bahnhofs. Dann rollt ein Reisebus heran. Wohin er fährt, ist nicht ersichtlich, ein Fahrplan für die Ersatzbusse der Regionalbahn (RB) 46 Richtung Gelnhausen hier nicht ausgehängt. Doch der Mann am Steuer ist sich sicher, pünktlich zu sein. Er zückt einen Fahrplan, »den haben wir so von der HLB bekommen«.

Das Problem: Diese Abfahrtszeiten gelten für die regulären Züge – nicht aber für die Busse, die seit Montag fahren, weil seit September viele Verbindungen ausgefallen sind. Deshalb hinkt der Bus nun dem »Notfallplan« etwas hinterher. Der Busfahrer ist kein HLB-Angestellter, sondern beauftragt. Er sei neu auf dieser Strecke. »Viele Fahrten, die Leute wollen Auskunft. Das ist Chaos pur«, sagt er freundlich.

Viele Fahrten, die Leute wollen Auskunft. Das ist Chaos pur

Ein Busfahrer im Schienenersatzverkehr

Es sind nur zehn Minuten Verspätung. Und es ist nur eine von sieben Busfahrten, die der Fahrplan für den »Schienenersatzverkehr« auf der RB-Strecke zwischen Gießen und Gelnhausen an Wochentagen ausweist. Am Montagmorgen zum Beispiel fuhr der Ersatzbus wie geplant. Doch die Szene vom Dienstagabend zeigt: Bei der HLB läuft auch die mangels Lokführern gewählte Übergangslösung zum Auftakt nicht ganz rund. Das betrifft auch Fahrgäste aus dem Kreis, die in Watzenborn-Steinberg, Garbenteich, Lich, Langsdorf, Hungen oder Trais-Horloff ein- und aussteigen.

Mit dem Plan B auf der Straße reagiert die HLB auf personelle Engpässe. Fahrgäste zeigen mitunter Verständnis, doch viele äußern sich genervt über die Zugausfälle der vergangenen Wochen. Extrakosten für Taxis, Verspätungen am Arbeitsplatz, Umwege mit anderen Buslinien, teils mangelnde Information – für ÖPNV-Pendler ist all das ärgerlich. Der Busersatz bringt nun teils längere Wege zu den Haltestellen mit sich, außerdem dauern die Fahrten länger als auf der Schiene.

 

Probleme auch auf drei weiteren Linien

Neben der RB 46 hatte die HLB zuletzt auch bei drei weiteren Linien große Probleme. Auf diesen vier Strecken waren seit September der HLB zufolge 40 Verbindungen ausgefallen. Pressesprecherin Sabrina Walter verweist auf den Fachkräftemangel, jährlich brauche das Verkehrsunternehmen rund 50 neue Triebwagenfahrer. Doch der Markt sei »leergefegt«, der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) äußert sich gleichlautend. »Wir werben fleißig um Auszubildende – im Netz, an Bahnhöfen, in Zügen und andernorts, sagt Walter, die Lage bleibe aber sehr angespannt.

Es sei nicht so, dass die HLB für ihre Strecken grundsätzlich zu wenig Personal einplane. Das bestätigt der RMV auf Anfrage, »über die vergangenene Jahre hinweg hat die HLB die Leistungen ohne vergleichbare Probleme erbringen können«. Der Anspruch an alle beauftragten Unternehmen im RMV sei, »dass jede von uns bestellte Fahrt so stattfindet wie vereinbart«. Im konkreten Fall habe der Verbund aber dem Ersatzverkehr per Bus zugestimmt. Ziel sei, »dadurch das restliche Schienenangebot verlässlich anbieten zu können, bis neue Lokführer fertig ausgebildet sind«. Aktuell sind einige HLB-Lokführer krank, laut Sprecherin Walter acht auf den betroffenen Linien, vier davon längerfristig. Auch die »psychischen und physischen Verletzungen« von Fahrern infolge von Suiziden und Unfällen auf der Strecke spiele dabei eine Rolle.

 

Lokführer-Beruf müsse attraktiver werden

Wenn, wie in den vergangenen Wochen, Züge ausfallen, schmälert das die Einnahmen der HLB. Der RMV wird für nicht erbrachte Leistungen nicht zahlen. »Die HLB erhält für den Schienenersatzverkehr einen Grundbetrag, muss jedoch im Vergleich zum Zugverkehr eine erhebliche Kürzung pro Fahrt in Kauf nehmen«, teilt der RMV mit. Zudem würden Strafzahlungen an den RMV fällig, sagt HLB-Sprecherin Arnold, macht aber keine Angaben über deren Höhe.

Könnten höhere Strafen für Zugausfälle zu einem verlässlicheren Angebot beitragen? Der RMV ist skeptisch: Der gravierende Fachkräftemangel lasse sich »auch nicht durch höhere Strafzahlungen ändern«. Der Lokführer-Beruf müsse attraktiver, besser bezahlt und von der Gesellschaft stärker wertgeschätzt werden.

Montagmorgen auf der Ersatzstrecke: Während der Bus vor einer Bahnschranke warten muss, rauscht eine voll besetzte Regionalbahn vorüber. Ein junger Pendler schmunzelt kopfschüttelnd. Er überlege, sich ein Auto zu kaufen, um wieder verlässlich von A nach B zu kommen, sagt er.

Info

Ersatzfahrplan für vier Linien

Der Schienenersatzverkehr bis zum 8. Dezember betrifft die RB-Linien 16, 46, 47 und 48. Auf diesen Strecken ersetzt die Hessische Landesbahn (HLB) einige Zugfahrten mit Bussen, vor allem an Wochenenden und außerhalb der Pendler-Stoßzeiten. Der Fahrplan ist im Internet unter www.hlb-online.de/service/aktuelles als pdf abrufbar.

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