08. Januar 2019, 13:00 Uhr

Multiresistente Keime

Bäche im Kreis immer noch nicht auf multiresistente Keime untersucht

Nach mehreren Todesfällen war es ein großes Thema: Die Gefahr durch multiresistente Keime in Gewässern. Eine versprochenene Untersuchung im Landkreis hat es aber bis heute nicht gegeben.
08. Januar 2019, 13:00 Uhr
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Von Patrick Dehnhardt
Ob multiresistente Keime in Gewässern vorkommen, kann nur durch Wasserproben beantwortet werden. (Archivfoto: dpa)

Vor rund zwei Jahren ist ein Mann in Frankfurt in den Eschbach gefallen und hat sich vermutlich dabei mit multiresistenten Keimen infiziert. Später im Krankenhaus steckte er weitere Patienten an. In der Folge starben insgesamt drei Menschen.

Der Fall erregte überregional Aufsehen, nach den Todesfällen und erneut, als die Stadt Frankfurt bekannt gab, dass in allen Gewässern im Stadtgebiet multiresistente Keime gefunden wurden. Gibt es solche Keime auch in Lahn, Wetter und Horloff? Diese Frage stellte die Gießener Allgemeine Zeitung daraufhin im Frühjahr dem Landkreis. Die Antwort von damals gilt auch noch heute: Kann man nicht sagen, es gibt keine Untersuchungen.

 

Mehrere Risikofaktoren

Vor Jahresfrist hieß es, das hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen plane eine Studie mit den Gesundheitsämtern. Bis zu Beginn der Badesaison 2018 sollten aussagekräftige Antworten vorliegen. Dieser Zeitpunkt ist lange vorbei.

Wie der Landkreis Gießen jetzt auf Anfrage mitteilte, ist noch immer kein Kontrollsystem eingerichtet, findet keine regelmäßige Beprobung von Bächen, Flüssen und Seen auf antibiotikaresistente Keime statt. Und das wird auch noch mindestens einige Monate lang so bleiben: »Verschiedene Landesuntersuchungsämter und zuständige Ministerien sind gemeinsam mit der Erarbeitung eines Überwachungsprogrammes und der einheitlichen Beurteilung der Untersuchungsergebnisse beschäftigt. Es wird erwartet, dass im Frühjahr 2019 umsetzbare Ergebnisse vorliegen«, erklärt der Landkreis.

Des Risikos ist man sich beim Landkreis bewusst. Die multiresistenten Keime kommen auf verschiedene Wege ins Wasser.

 

Problem Antibiotika

Die Landwirtschaft wird oft als Hauptverdächtiger angeprangert, die Keime stammten aus Ställen mit Massentierhaltung. Wie eine Statistik des Bundesumweltamtes zeigt, wurde jedoch der deutschlandweite Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung seit 2010 um 56,6 Prozent gesenkt.

Auch wenn es nur wenig Massentierhaltung im Landkreis Gießen gibt, ist das aber kein Grund zur Entwarnung.

Als große Risikofaktoren sieht das Bundesamt zudem die Verwendung von Klärschlamm als Dünger sowie die Wassereinleitungen über die Kläranlagen in die Bäche und Flüsse an.

Mit dem Abwasser aus den Haushalten wird auch Antibiotika in die Klärwerke geschwemmt. Das Bundesumweltamt erläutert, dass zwischen 10 und 90 Prozent des Antibiotikums, welches ein Mensch einnimmt, wieder ausgeschieden wird.

Gelangt es in die Kläranlagen, haben die Keime, die gegen das Antibiotikum resistent sind, einen Überlebensvorteil und verbreiten sich stärker. Und nicht nur das: Bei hoher Bakteriendichte, wie sie in Klärwasser vorkommt, wird diese Eigenschaft auf andere Arten übertragen, die bislang noch nicht resistent waren.

»Daher ist das behandelte Abwasser kommunaler Kläranlagen für Antibiotika ein Haupteintragspfad in die Gewässer«, schreibt das Bundesumweltamt. Abhilfe könnte eine weitere Klärstufe schaffen – doch diese Technik ist teuer und bislang nicht verpflichtend.

 

Vorsicht bei Salat

Obwohl noch keine Untersuchungsergebnisse vorliegen, kann sich jeder schützen. Mit Blick auf den Sommer gilt, man sollte nicht in Bächen und Flüssen baden, deren Wasserqualität nicht regelmäßig untersucht wird. Auch Hunde sollten dort nicht schwimmen.

»Besonders in direkter Nähe von Kläranlagen muss unterhalb der Einleitungsstelle von geklärtem Abwasser mit erhöhten Konzentrationen auch von Krankheitskeimen gerechnet werden«, erklärt der Landkreis.

Dies gilt übrigens auch für Gießwasser. Wird etwa Salat mit kontaminiertem Wasser aus einem Bach gegossen und dann vor dem Verzehr nicht richtig gereinigt, kann auch über diesen Weg ein Bakterium den Weg in den Organismus des Menschen finden.

Momentan ebenfalls kein Thema sind die Badegewässer. Aber hier gilt mit Blick auf den kommenden Sommer: Das Risiko ist überschaubar.

 

Geringe Konzentrationen

»In Badegewässern mit ausgezeichneter oder guter Qualität sind die Konzentrationen dagegen so gering, dass eine Aufnahme und Besiedlung mit antibiotikaresistenten Krankheitserregern und anderen Bakterien mit erworbener Antibiotikaresistenz beim Baden gesunder Personen unwahrscheinlich ist«, schreibt das Bundesumweltministerium.

Professor Trinad Chakraborty vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen erklärte im Frühjahr, dass die Keime bei einem gesunden Menschen nicht für eine Erkrankung sorgen würden. Sie könnten sich jedoch im Körper ansiedeln und später – wenn der Mensch geschwächt ist oder sich einer Operation unterzieht – zu einer Infektion führen. In Frankfurt endete diese Infektion für drei Menschen tödlich.



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