28. Februar 2019, 22:17 Uhr

Aus der Not geboren

28. Februar 2019, 22:17 Uhr
Sie sammeln »Aijer, Woscht un Späck«: Am Faschingsdienstag zieht der Eierzug wieder durch Gleiberg. (Fotos: m)

Man nennt ihn »Aijerzug«: Der Eierzug ist keine Gleiberger Erfindung, aber eine Veranstaltung mit einer langen Tradition, wie sie unter der Burg ebenfalls gepflegt wird. Sie hat einen durchaus ernsten Hintergrund, wie sich einige Gleiberger erinnern. Margitt Fries-Volgmann ist Vorstandsmitglied beim Bürgerprojekt Gleiberg und kennt die Erzählungen ihres Vaters, Otto Laucht: In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten Hunger und Armut das Dorf weitestgehend im Griff. Vielen Menschen ging es schlecht, und einige von ihnen fanden sich zusammen, um mit Musikinstrumenten durch die Gässchen zu ziehen – in der Hoffnung, für ihre Darbietungen eine Entlohnung in Form von Naturalien zu bekommen. Meist waren dies Speck, Eier und Wurst. Das Gesammelte wurde dann zu einem »Aiesch« (Eierpfannkuchen) gebacken und gemeinsam verzehrt – wie heute noch.

Brauch wird hessenweit gepflegt

Wichtig war es den Leuten, nicht erkannt zu werden, was die Verkleidung schon zur damaligen Zeit erklärte. Es war die Scham wegen des Bettelns, aber über die Zeit wuchs auch mehr und mehr der Spaß an dieser Verkleidung. Erich Leib von den Fotofreunden Krofdorf-Gleiberg kennt eine weitere Version: Die Musikanten, die seinerzeit durchs Dorf zogen, seien keine Leute aus Gleiberg gewesen, sondern Kriegsversehrte aus Gießen, die auf den Ortschaften im Umland Essbares erbaten. Vieles ist nicht belegt und bloße Vermutungen. Ralf Volgmann, Vorsitzender des Vereins Bürgerprojekt Gleiberg, der diese Tradition hochhält, stieß bei Recherchen auf das Heft »Volk und Scholle« von W. Schnorr aus 1938. Dort ist in Teilen die Fassenacht in Wißmar beschrieben; Textpassagen befassen sich auch mit dem Eierzug am Faschingsdienstag, der übrigens hessenweit gepflegt wird. Dort ist zu lesen, dass man in Wißmar bis in die Neuzeit acht Tage lang Fasching feierte, mit dem Abschluss am Faschingsdienstag. In den Spinnstuben verkleideten sich Burschen und Mädchen und bildeten »eine rechte Lumpengesellschaft mit geweißten und geschwärzten Gesichtern, teilweise mit selbst gebastelten Masken«.

Mit Gesang und Geschrei gings durchs Dorf. Unbeteiligte Kinder und Erwachsene erhielten ihren »Schmiss« und einen Stockhieb auf den Allerwertesten. Wo man aus den Häusern heraus dem Wunsch »Gebt uns einen Fasnachtskraib« entsprach, durften die Spender von Speck und Eiern einen kräftigen Schnapsschluck aus dem »Plozkrug« nehmen. Den Speck spießten die Zugteilnehmer auf eine Weidenrute, die Eier kamen in einen Korb. Der Zug wurde angeführt von einem Burschen mit dem bebänderten, mit Schnaps gefüllten Krug. Es folgten Burschen mit Schaufel und Hacke und danach Burschen und Mädchen Arm in Arm. So gings auf den »Grubenberg«, einer Anhöhe bei Wißmar, wo die Fassenacht mit einem Zeremoniell begraben wurde. Eine Woche ungezügelter und ungebundener Lebenslust und Lebensfreude nahm ihr Ende. Damit hatten auch die winterlichen Zusammenkünfte der Jugend in den Spinnstuben ein Ende. Die Arbeit auf Hof und Feld begann und ließ keine Zeit mehr für Feste und Feiern.

In Gleiberg trifft man sich am Faschingsdienstag um 15.45 Uhr am Brunnen in der Torstraße »zoum Aijer, Woscht un Späck someln«. Jedes Jahr seien es zwischen 450 und 800 Eier, berichtet Ralf Volgmann. Bunt kostümiert zieht der Eierzug durch Gleiberg. Neben den gekauften Kostümen, die die Teilnehmer heute tragen, findet man nicht selten Mitwirkende, die ihr »Outfit« aus »de Lompekist« haben oder Omas Nachthemd mit Haube zu Ehren bringen. Alle Altersgruppen sind vertreten; die Jüngsten werden im Kinderwagen geschoben. Für die Kinder ist es ein besonderer Spaß, an den Haustüren zu klingeln, um dann Kleinigkeiten zu bitten. Die Musik kommt aus der »Konserve«, die gute Laune und das fröhliche »Helau« sind echt und live. In der Albertusklause auf der Burg ist dann der Abschluss.

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