01. Mai 2019, 22:45 Uhr

Feldhamster

Auf Mission im Feldhamsterland

Melanie Albert ist Hessens einzige hauptamtliche Hamsterschützerin. Derzeit ist sie in Pohlheim und Langgöns unterwegs. Sie erklärt, was das Ökosystem mit dem Feldhamster zu tun hat.
01. Mai 2019, 22:45 Uhr
Die Feldhamster erwachen derzeit aus dem Winterschlaf. (Foto: Manfred Sattler/AGF)

Graue Wolken hängen am Himmel, und es nieselt, als sechs Gestalten mit Kapuzen langsam über das Feld gehen, den Blick gesenkt. Auf dem Boden des noch grünen Getreideackers suchen sie nach acht Zentimeter großen Löchern, unter denen sich bis zu zwei Meter tiefe Röhren verbergen: die Baue der Feldhamster. »Im Frühjahr sehen wir, ob die Hamster aus dem letzten Jahr überlebt haben«, sagt Melanie Albert, die die Gruppe leitet – vergangene Woche in der Wetterau, diese Woche im Kreis Gießen.

Ab Ende April erwachen Feldhamster aus dem Winterschlaf. Die einzige hauptamtliche Hamsterschützerin Hessens ist daher für mehrere Tage auf Getreideäckern um Langgöns und Pohlheim unterwegs. Auf rund 200 Hektar will sie die vom Aussterben bedrohten Nager aufspüren, ihre Bauten vermessen, auf einer Karte einzeichnen und Schutzmaßnahmen anstoßen. Das geht aber nicht allein. Ehrenamtliche Helfer gehen mit ihr die Felder ab.

»Die Population in Langgöns und Pohlheim ist eine der besten in Hessen«, sagt die 33-jährige Biologin und zeigt auf eine Karte. Darauf sind die Gebiete um Gießen orange gefärbt. Das heißt, hohe Hamsterdichte; zwei drei Bauten gebe es pro Hektar und das obwohl das für Hamster geeignete Gebiet recht klein sei. Damit der südliche Kreis Hamsterland bleibt, kontrollieren Hamsterschützer die Bestände stichprobenartig jedes Jahr. Vor allem ehrenamtliche Hamsterschützer wie Martin Wenisch leisteten hier gute Arbeit, sagt Albert. Nach den Kartierungen in Pohlheim, Langgöns und der Wetterau, sind Felder um Frankfurt an der Reihe. Es gibt jeweils eine Begehung im Frühjahr und eine zweite im Sommer nach der Ernte.

Um in verschlafene Knopfaugen zu blicken, muss man allerdings Glück haben. »Ich habe letzte Woche einen Hamster gesehen, das ist sehr selten«, sagt Albert. »Sie sind dämmerungsaktiv und flüchten, sobald etwas raschelt.« Harald Barzen ist einer der freiwilligen Helfer. Er hat den Nager noch nie gesehen und ist eigentlich eher Vogelfan. Trotzdem läuft er mit – durch Regen, durch Matsch. »Das Wetter ist nicht optimal«, sagt er. »Aber der Hamsterschutz kommt auch anderen Arten zugute.«

Feldhamsterschutz betreiben letztlich die Landwirte. Wo Melanie Albert und ihr Team auf Bauten stoßen, schlagen sie gezielte Schutzzonen für Hamster vor, in denen Getreide nicht geerntet, sondern bis Oktober stehen gelassen wird. Zwischen den hohen Halmen können sich die Nager vor Raubvögeln verstecken. Nicht nur Hamster, auch Rebhuhn, Feldlerche und Co. finden in der Ackerstreifen Schutz. Das habe in Langgöns bislang schon recht gut funktioniert, sagt Albert. »Nirgendwo sonst in Hessen gibt es so viele Hamsterschutzmaßnahmen.« Die meisten Landwirte seien dafür offen. Zudem winkten 3000 Euro pro Hektar an Entschädigung.

Doch dem Hamster geht es an den Pelz. Intensive Landwirtschaft, Verkehr und Fressfeinde machen es ungemütlich für den Nager in der Agrarlandschaft. Das sieht man zum Beispiel weiter südlich in Hessen. Bei Wöllstadt in der Wetterau etwa gibt es keine Hamster mehr, obwohl sie früher dort lebten, wie die Daten der Hamsterschützer zeigen. Für Hessen schätzt Albert den Bestand auf eine vierstellige Zahl.

Als Regionalkoordinatorin für Hessen setzt sich Albert bei Behörden, Landwirten und in der Öffentlichkeit für den Hamsterschutz ein, unterstützt Ehrenamtliche und untersucht, wo Hamster in Hessen vorkommen. Angestellt ist sie bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) in Echzell; ihr Büro liegt im Gießener Europaviertel. Bezahlt wird sie vom Bundesschutzprojekt Feldhamsterland, das Hamsterschützer auch in Thüringen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz finanziert.

Warum so viel Wirbel um einen Nager? »Hamster sind sehr niedlich«, sagt Albert und lacht. »Aber im Ernst, sie gehören zu unserer heimischen Feldflur, die es zu bewahren gilt.« Es gehe auch darum, politisch etwas zu bewegen. »Der Hamster ist nur ein Indikator für ein größeres Problem: die ausgeräumte Agrarlandschaft. Wir müssen sie dringend umbauen, wenn wir das Ökosystem langfristig erhalten wollen.«

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