30. August 2017, 13:00 Uhr

Lehrlinge

Auch nach der Lehre bleibt das Heimweh nach Spanien

Vor vier Jahren begannen 32 Spanier ihre Lehre im Kreis Gießen. 15 von ihnen haben nun die Gesellenprüfung bestanden. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Heimat. Ob sie glücklich sind? »Na ja!«
30. August 2017, 13:00 Uhr
Gefeiert wurde die bestandene Gesellenprüfung typisch deutsch, mit einem Bier: Joan Fancelli Font (vorne links), sein Chef Michael Stroh (hinten links) und seine Freundin Patricia Reina Ruiz (vorne rechts). (Foto: srs)

Der hessische Wirtschaftsminister hat gratuliert, die Landrätin und der Regierungspräsident applaudieren: Joan Fancelli Font aus Wettenberg hat beim Sommerfests der Kreishandwerkerschaft die Gesellenprüfung zum Elektroniker gefeiert.

Vor vier Jahren war er einer von 32 Spaniern, die – organisiert von der Handwerkskammer Wiesbaden – in den Gießener Raum zogen, um eine Lehre anzutreten. Auf die Frage, ob er glücklich ist, antwortet er nüchtern: »Na ja.«

Er sei stolz über die abgeschlossene Lehre, sagt der 28-Jährige. Vorerst wolle er im Kreis bleiben und weiter für den Launsbacher Betrieb Stroh-Elektro arbeiten. War der Umzug von Spanien nach Wettenberg die richtige Entscheidung? »Schwer zu sagen.«



 

Bisher ist hier alles Arbeit, Arbeit, Arbeit

Joan Fancelli Font

Der Katalane sehnt sich nach seiner Heimat. Nach Spanien, Sonne – und seiner Familie. »Ich habe daheim ein Pferd«, erzählt er »Es ist schwer, Freunde zu finden, wenn man die Sprache nicht so gut kann. Und bisher ist hier alles Arbeit, Arbeit, Arbeit.«

 

Im Sommer 2013 wagte Joan das Abenteuer. Er verließ sein Heimatdorf Òrrius und die Region um Barcelona. Er stieg in einen Bus mit anderen spanischen Jugendlichen und fuhr nach Mittelhessen. »Ich habe vorher kein Wort Deutsch gesprochen«, erzählt er.

Jeder Zweiter unter 25 Jahren arbeitslos

Er fühlte sich wohl in Òrrius. Doch die Aussichten auf Arbeit waren düster. »Daheim war weniger Zukunft«, erklärt er. »Ich dachte, ich versuche etwas anderes.« 2013 war die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen in Spanien dramatisch hoch, mehr als jeder Zweite unter 25 Jahren hatte keinen Job.

Joan hatte eine Ausbildung zum Elektroniker begonnen, hatte sich spezialisiert auf das Feld der erneuerbaren Energien. Verzweifelt suchte er aber nach einer Firma für ein Praktikum. Die Mutter seiner Freundin machte ihn damals auf das Projekt der Handwerkskammer Wiesbaden aufmerksam.

»Es war der letzte Tag vor Bewerbungsschluss«, berichtet Joan. »Ich habe mich am selben Tag per Mail beworben.« Zwei Wochen später war er im Gießener Land. »Vorher habe ich noch einen Crash-Kurs in Deutsch abgelegt.«


Der Chef ist zufrieden

Joan war einer von gut 50 jungen Spaniern, die damals nach Mittelhessen kamen. Nach einem Praktikum und einer Prüfung blieben 32 Jugendliche übrig. Sie erhielten Deutsch-Kurse, bevor sie ihre Lehre zu Elektronikern sowie im Beruf der Sanitär-, Heiz- und Klimatechnik antraten.

Schließlich landete Joan bei Stroh-Elektro in Launsbach. Er legt elektronische Schaltungen, stellt Antennenanlagen auf, richtet in Krankenhäusern Elektroinstallationen mit ein. »Er ist emotional, schimpft immer wieder auch mal«, erzählt ein deutscher Azubi-Kollege.

Joans Chef Michael Stroh ist zufrieden mit seinem Gesellen. »Wie er sich in einem fremden Land mit fremder Sprache zurechtfindet – Hut ab.«

Der einzige Spanier auf dem Sommerfest

Joan war kein gewöhnlicher Lehrling. Anfangs lebte er bei den Eltern des Chefs – und lernte ganz nebenbei die ersten hessischen Begriffe. »Gelle, gelle« zum Beispiel. Auch Joans Freundin Patricia Reina Ruiz ist mit nach Deutschland gereist, lebt nun mit ihm in einer Wohnung in Wettenberg. »Das hat es einfacher gemacht«, sagt Joan. Auch sie sucht indes nach einem Job, sie hat in Großbritannien Management und Tourismus studiert.

Auf dem Sommerfest der Kreishandwerkerschaft am Samstag war Joan der einzige der 15 Spanier, die ihre Gesellenprüfung geschafft haben. »Viele sind im Urlaub«, sagt er. »Daheim natürlich.« Von den anfangs 32 Jugendlichen ist allerdings die Hälfte abgesprungen. »Einige waren unter 20, sehr jung und allein.« Sie hatten Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Als Hindernis erwiesen sich oft Sprachprobleme in der Berufsschule.

Bei Begriffen wie nuff und nunner haben sie oft die Stirn gerunzelt

Michael Berkowski

 

Björn Hendrischke, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, wertet das Projekt unterdessen als Erfolg: »Wir haben mit einer Erfolgsquote von 40 Prozent gerechnet.« Von dem Projekt mit den Spaniern habe man viel gelernt, um nun Flüchtlinge im Handwerk zu integrieren.

Michael Berkowski, Obermeister der Innung für Sanitär-, Heiz- und Klimatechnik, berichtet, in den Prüfungen hätten die Spanier sogar leicht besser als die deutschen Azubis abgeschnitten. »Nur sprachlich gab es ein paar Probleme«, sagt er. Mit dem Hessischen etwa mussten die spanischen Jugendlichen erst klarkommen: »Bei Begriffen wie nuff und nunner haben sie oft die Stirn gerunzelt.«

Die Frage für Joan ist nun, wie soll es weitergehen? Seine Freundin erzählt, bisher habe man die Freizeit vor allem mit spanischen Freunden und Kollegen verbracht. »Ich will in Vereine eintreten, Fußball spielen, Freunde kennenlernen«, sagt Joan. Die Zeit des Lernens für die Gesellenprüfung sei endlich vorbei, untermauert sein Chef Michael Stroh – und hält fest: »Integration ist schwer.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Elektroniker und Elektrotechniker
  • Handwerkskammern
  • Heimat
  • Klimatechnik
  • Lehrlinge
  • Praktika
  • Sehnsucht
  • Sprachprobleme
  • Kreis Gießen
  • Stefan Schaal
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen