14. Juli 2017, 21:06 Uhr

Anekdoten eines Wissemere Hanjers

Dieter Prinz schreibt seit Jahren über seine Heimat Wißmar. In seinem neuen Buch schildert der 81-Jährige mit vielen Fotos und Geschichten den Wandel Wißmars, erzählt von Wildsäuen im Dorf, einer Flucht im Käskorb und von einem Besuch Willy Brandts.
14. Juli 2017, 21:06 Uhr
Avatar_neutral
Von Volker Mattern
Dieter Prinz bringt dem Leser auf 384 Seiten das Dorf Wißmar und seine Menschen näher.

Wer schreibt, der bleibt, sagt ein Sprichwort. Und wer schreibt, hält Erinnerungen wach, bewahrt sie für die Nachwelt. Dieter Prinz schreibt schon lange und gerne. Sein neuestes Werk im Eigenverlag trägt den Titel, »Wißmar – Gute Zeiten und schlechte Zeiten«. Reich illustriert, vor allem mit vielen historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, bringt der Autor auf 364 Seiten dem Leser ein Dorf und seine Menschen näher. Dabei beleuchtet er die Vergangenheit und zeigt die Entwicklungen auf, die in Form der Technisierung und des gesellschaftlichen Wandels auch nicht vor und in Wißmar Halt machten und es veränderten. Immer noch ein Dorf, aber gewachsen und längst nicht mehr von kleinen Landwirtschaften geprägt.

Wißmar, wo der 81-Jährige geboren wurde und aufwuchs, bezeichnet er als Heimat. Als liebgewonnenen Wohnort sieht er Vetzberg, wo er seit 1962 lebt. Schon in seinem Vorwort im Buch behauptet Prinz, dass es die »Gute alte Zeit« nie gegeben hat und eine ausschließlich gute Zeit auch nie kommen wird. Das begründet sich letztendlich auch aus der individuellen Sichtweise eines jeden Einzelnen, Und da hat er in seinem Bemühen, Zeitzeugen zu befragen, die Feststellung machen müssen, dass seine persönlichen Erinnerungen oftmals nicht deckungsgleich waren mit denen, die er befragte. Das sei aber der Sache nicht abträglich gewesen, hält Prinz fest. Sein Ziel war es, das persönlich Erlebte der Wißmarer darzustellen. Das liest sich unterhaltsam und spannend zugleich.

Start der Apollo-11-Mission verfolgt

Das Öffnen des Fensters in die Vergangenheit macht auf beeindruckende und nachdenkliche Weise auch deutlich, wie mühevoll die »gute alte Zeit« war. Das führte zu mehr (Mit)Menschlichkeit, hat der Buchautor festgestellt. Die kleinbäuerliche Prägung verband. Man war aufeinander angewiesen. Aber nur diese Erkenntnis habe zu einem Funktionieren des Landlebens und zur Bewältigung des Alltags beigetragen, sagt er. Klar gegliedert und strukturiert liest man unter der Rubrik »Besondere Ereignisse«, beispielsweise ebenso etwas über »Die Wildsau im Dorf« und die »Flucht im Käskorb«, wie auch über die »Mondlandung« und »Willy Brandt« in Wißmar.

Was verbindet die Mondlandung mit einem Heimatbuch?, könnte der geneigte Leser zunächst berechtigt fragen. Prinz hat den Start der Saturn-5-Trägerrakete der Apollo- 11-Mission am 16. Juli 1969 live miterlebt – und nicht im Fernsehen. Der Leitzianer und diplomierte Maschinenbauingenieur hatte zu jener Zeit gemeinsam mit seinem aus Wißmar stammenden Onkel Kurt Werner in den USA ein Unternehmen für Zieloptiken gegründet und lebte damals in Melbourne (Florida). Dokumentiert ist dieses Erlebnis von Dieter Prinz durch eine notariell bestätigte Urkunde, die auf Seite 25 in seinem Buch abgedruckt ist.

Willy Brandt machte 1961 als Berliner Oberbürgermeister bei seiner Wahlkampftour auch Station in Wißmar, begleitet vom damaligen Gießener Oberbürgermeister Albert Oswald. Große Ereignisse in einem kleinen Dorf, an die der »Wissemere Hanjer« erinnert. Doch das waren nur Momentaufnahmen. Die Menschen und ihr Alltag – dem widmet er sich ausführlich und leicht lesbar. Brauchtum wird beschrieben und das Gewerbe, von den Gaststätten bis zur »Wetzlarer Kass‹. Das kirchliche und schulische Leben findet seinen Niederschlag, ebenso die Krankenversorgung vor Ort. Natürlich auch die Land- und Waldwirtschaft. Und gerade Letztere spielt in gewisser Weise bis heute eine bedeutsame Rolle für den Ort. Prinz zeichnet Lebensbilder nach, bringt Auswanderer wieder in Erinnerung, beschreibt Originale. Straßen, Wege und Plätze umfassen einige Seite des Buches, Streiche werden in Erinnerung gerufen, Vereinen und Behörden ein Kapitel gewidmet und auch der verkehrlichen und infrastrukturellen Entwicklung. Das Buch endet mit zahlreichen Wißmarer und Badenburger Sagen.

Zu allem, was bisher zu und über Wißmar an Schrifttümern erschienen ist, ist das Buch von Dieter Prinz, »Gute Zeiten und schlechte Zeiten« mehr als eine Ergänzung. Das bestätigt auch Prof. Werner Trampisch, Vorsitzender der Heimatvereinigung Wißmar. Das Werk fessele. Und es sei überraschend, welche zusätzlichen Informationen und welches Hintergrundwissen man als Verantwortlicher eines Heimatmuseums aus dem Buch über angeblich Bekanntes erfahre. Trampisch hält in seinem Grußwort fest: »Kurze Erzählungen und geschichtliche Tatsachen verweben sich zu einem Erscheinungsbild des Dorfes Wißmar, das es überaus sympathisch macht und über die Jahrhundert ein lebendiges Dorfgeschehen beschreibt«.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos