07. März 2019, 22:17 Uhr

»Am Aschermittwoch fängt in Lich alles erst an«

07. März 2019, 22:17 Uhr
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Von Ursula Sommerlad
Kulturtage-Eröffnung mit Oliver Steller.

»Lieber Gott, gib doch zu, dass ich klüger bin als du ...« Mit solchen Blödeleien ist Otto Waalkes in den 70er Jahren berühmt geworden. Millionen Teenager konnten damals seine Verse auswendig herunter rattern. Einer von ihnen war Oliver Steller. Jetzt, nach bald 40 Jahren, hat der Rezitator diese Reime wieder hervorgekramt. Sein neues Programm ist, nein, nicht Otto Waalkes gewidmet, sondern Robert Gernhardt, denn der hat diesen Nonsens verzapft. Am Mittwoch, zur Eröffnung der Licher Kulturtage, war im ausverkauften Kino Traumstern Premiere.

Also Gernhardt. Der Poet der Neuen Frankfurter Schule, der über tausend Gedichte ersonnen und für Pardon, Titanic oder das Zeit-Magazin geschrieben hat. Der als Teil der GEK-Gruppe (Gernhardt, Eilert, Knorr) für Otto textete. Der Kunst und Germanistik studiert hat, aber lieber doch nicht Lehrer werden wollte. Der die Frankfurter Poetikvorlesung hielt und Ehrendoktor der Universität Fribourg war. Oliver Steller hat sich lange mit ihm beschäftigt und ist von seiner Vielschichtigkeit fasziniert. »Wenn man denkt, man weiß, wer dieser Gernhardt ist, kommt ein Gedicht mit einem ganz anderen Ton um die Ecke.«

Gernhardts Gedichte zu lesen, macht Spaß. Gernhardts Gedichte zu hören, macht noch mehr Spaß, jedenfalls wenn Steller, der ausgebildeter Musiker ist, sie spricht oder singt. Sein Programm folgt dem Lebensweg des Dichters, der 1938 in Reval, dem heutigen Tallinn, geboren wurde und 2006 in seiner Wahlheimat Frankfurt starb. »Ein Beobachter, der sich am Nebentisch wohlfühlt, wo er den Abgesang auf die Adenauer-Ära vorbereiten kann«: So beschreibt Steller die Rolle Gernhardts 1968. Spätestens in den 80er Jahren, als er im Zeit-Magazin die Kolumne »Hier spricht der Dichter« veröffentlicht, ist »Lyrik-Wart«, wie ihn seine Kollegen veräppeln, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Oder doch nicht? »Goethe ist tot, Schiller ist tot, Gernhardt lebt. Wozu?«, schreibt damals ein erboster Leser als Reaktion auf ein veröffentlichtes Sonett. Das entspricht zwar dem Versmaß, trifft aber ansonsten so gar nicht den hohen Ton. Das vergnügte Publikum in Lich ist deutlich toleranter.

Steller ist quasi Stammgast im Traumstern. 1999 hatte er hier mit einem Kästner-Programm seinen ersten Auftritt. Es folgten viele weitere, unter anderem mit Gedichten von Heine, Tucholsky und Morgenstern, jenen drei, die, ebenso wie Gernhardt, das Schwere leicht machen und das Bittere heiter verpacken, auch Krankheit und Tod.

Ehe Steller Bühne und Publikum eroberte, führte Prof. Wolfhard Kluge in Leben und Werk Gernhardts ein. Zuvor hatten künstLich-Vorsitzende Karla Leisen, Peter Damm im Namen der Kulturwerkstatt und Stadträtin Gisela Maier die 17. Kulturtage offiziell eröffnet. »Man sagt ja, dass am Aschermittwoch alles vorüber ist«, bemerkte Maier. »In Lich fängt am Aschermittwoch alles erst an.«

Die beiden Vorstellungen von Oliver Steller am Mittwoch und am Donnerstag waren ausverkauft. Aber der Rezitator kommt wieder. Am Samstag, dem 13. April, wird das Gernhardt-Programm um 20 Uhr in der Bezalel-Synagoge wiederholt. Mit seinem Kinderprogramm ist Steller tags darauf um 15 Uhr im Traumstern zu Gast . (Foto: us)



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