16. Februar 2018, 13:00 Uhr

Bombenattrappen

Als Bombenattrappen über Alten-Buseck fielen

Bevor deutsche Piloten im Zweiten Weltkrieg Europa verwüsteten, übten sie in der Heimat mit Attrappen - auch bei Alten-Buseck. Eine abenteuerliche Geschichte über den Irrsinn der Wehrmacht.
16. Februar 2018, 13:00 Uhr
Nach dem Krieg diente das Areal zwischen Daubringen und Alten-Buseck der NATO als Atomwaffenlager, verfallene Bunker zeugen noch davon. Von der Zeit davor ist nichts mehr zu sehen. (Foto: khn)

An der Gemarkungsgrenze von Alten-Buseck, nicht weit von Daubringen, spielte sich um 1938 Sonderbares ab. Günther Schmidt kennt die Gerüchte: »In den Jahren vor dem Krieg haben die Leute hier gemerkt: Da tut sich was am Himmel.« Doch was genau?

Der Heimatforscher aus Alten-Buseck hat Zeitzeugen gefragt und Dokumente gesammelt. Herausgekommen ist eine haarsträubende Geschichte, die nur vor dem Hintergrund der Vorkriegszeit zu verstehen ist.

 

Planung für den Krieg

Mitte der 1930er Jahre: Die Nationalsozialisten sind noch nicht lange an der Macht, da geht die Aufrüstung schon voran. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte der Versailler Friedensvertrag verhindern, dass Deutschland seine Nachbarn erneut angreift. Die Siegermächte begrenzten das deutsche Heer auf 100 000 Mann, eine Luftwaffe gab es – offiziell – nicht mehr.

Doch Hitler setzte sich über Rüstungsbestimmungen hinweg. Der nächste Krieg war längst in Planung. Bevor das Regime 1939 Piloten in den Krieg schicken konnte, mussten diese ausgebildet werden. Immer wieder erschienen Segelflieger am Himmel, die in der Wieseckaue gestartet waren.

Auch Bombenabwürfe mussten erst trainiert werden. Dies geschah unter anderem bei Alten-Buseck, wie Zeitzeugen Schmidt berichtet haben. Testweise warfen sie hier Bomben aus Beton ab.

 

60 Zentimeter lange Bombenattrappen

Ursprünglich war der »Haingraben« teils bewaldet, teils waren dort Wiesen, Schafweiden und Ackerflächen. Schmidt hat recherchiert, dass die in Gießen stationierte Garnison schon während der 1930er diesen Ort gelegentlich für Schieß- und Manöverübungen genutzt hat.

Die Berichte zeigen, wie der Übungsplatz für Bombenabwürfe gestaltet war: Demnach wurden die etwa 60 Zentimeter langen Bombenattrappen über Gräben abgeworfen, deren Form Grundrissen von Gebäuden ähnelten. Damit die Piloten sie erkennen konnten, wurden die Gräben mit Kalkmilch gefüllt.

Rot-weiß geflochtene Signalbälle, ähnlich jenen, die noch heute als Warnung für Flugzeuge mancherorts an Überland-Stromleitungen zu finden sind, wurden damals während Übungsflügen hochgezogen. Bauern und andere Zivilisten mussten dann das Gelände zügig verlassen.

Westlich des Alten-Busecker Waldsportplatzes stand ein dreistöckiger Beobachtungsturm. Auch an Offiziere, die dort mit Feldstechern die Kriegsübungen verfolgten, erinnert sich mancher der Älteren.

 

Übungen endeten nach Kriegsbeginn

Aussagekräftige Fotos von damals existieren nicht mehr, schriftliche Quellen aber bestätigen die Übungen. Im »Amtsverkündigungsblatt des Kreisamts Gießen« war am 18. Juni 1938, etwa 15 Monate vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, Folgendes zu lesen: »Die Fliegerhorstkommandantur Gießen führt ab 20. Juni 1938 fortgesetzt auf dem Flug-Übungs- und Schießplatz Alten-Buseck Bombenabwurfübungen und Scharfschießen aus der Luft durch.« Währenddessen sei das Betreten des Geländes »wegen Lebensgefahr verboten«.

Nachdem der Krieg begonnen hatte, endeten die Test-Bombenabwürfe offenbar. Die Luftwaffe warf nun scharfe Bomben über bewohnten Gebieten ab. Wurden die ersten deutschen Feldzüge noch als »Blitzkriege« verbrämt, so geriet der Vormarsch deutscher Truppen mehr und mehr ins Stocken.

Vor allem Briten und Amerikaner trugen den Luftkrieg bald nach Deutschland. Für das einstige Testgelände fanden die deutschen Militärs eine neue Verwendung – und die Geschichte wird noch kurioser.

Schmidt zückt ein Luftbild. Es stammt aus der Zeit um 1944. Wenn man genau hinsieht, sind aus der Vogelperspektive die Umrisse von deutschen Jagdfliegern zu sehen. Nachts war das Gelände wie ein Flughafen beleuchtet.

 

Ein großer Bluff

Genau diese Wirkung hatten die NS-Militärs offenbar im Sinn – doch es handelte sich um eine Täuschung: Die Flugzeuge, die dort am Boden standen, waren nie in der Luft, waren nicht einmal flugtauglich, sondern aus Sperrholz. Der vermeintliche Flughafen war ein Scheinflughafen, gespickt mit Attrappen, angelegt mit Hilfe von Kriegsgefangenen. Altöl wurde entzündet, wohl um Treffer vorzutäuschen. Alles ein großer Bluff.

Warum das Militär hier und andernorts solchen Aufwand betrieb, um die gegnerischen Bomberpiloten zu verwirren, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Was die Piloten an tödlicher Bombenfracht hier schon abgeworfen hatten, konnten sie nicht mehr andernorts über bewohntem Gebiet loswerden. Dieses Kalkül mag hinter dem Scheinflughafen gesteckt haben.

Soweit Schmidt es recherchiert hat, sind große Bombenabwürfe über dem »Flughafen« aber ausgeblieben. Er geht davon aus, dass die Alliierten den großflächigen Schwindel rasch erkannt haben dürften und ihre Bomben andernorts abwarfen. Zum Glück für Alten-Buseck.

 

Info

Munitionslager nach dem Krieg

Der Scheinflughafen lag nach dem Krieg für einige Jahre brach. Um 1960 wurde das Gelände als Munitionslager erschlossen, das 1964 in Betrieb genommen wurde. Auf dem 40 Hektar großen Areal befand sich auch ein NATO-Lager, das der US-Armee unterstellt war. Dort lagerten unter anderem Atomsprengköpfe. Inzwischen ist das Gelände in kommunalem Besitz.

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