25. August 2017, 13:00 Uhr

Aus für Bücherei

Allendorfs Herr der Bücher hört auf

Drei Allendorfer Generationen haben sich bei Karl-Heinz Phieler (80) Bücher ausgeliehen. Am Dienstag ist Schluss, die Stadtbücherei schließt. Wie es dann weitergeht, sagt Bürgermeister Benz.
25. August 2017, 13:00 Uhr
Karl-Heinz Phieler, engagiert im Vereinsleben, Bärtzebürger des Jahres 2000, war 42 Jahre lang der Leiter der Stadtbücherei. (Foto: khn)

Lebenswerk? Mit so einem Wort soll man ihm bloß nicht kommen. »Ach was«, sagt Karl-Heinz Phieler und winkt ab, mit einem feinen Lächeln im Gesicht. Dabei ist sie sehr wohl sein Kind, die Stadtbücherei am Rathaus, die in ihrer jetzigen Form am Dienstag ein letztes Mal geöffnet sein wird. Dann hört Phieler nach 42 Jahren als deren Leiter auf. Eine Institution geht – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Der Lotse verlässt das sinkende Schiff. So sieht Phieler seinen Abgang. Die Räume werden ab Januar für die gemeinsame Stadtkasse der Stadt Allendorf und der Gemeinde Rabenau gebraucht. Phieler hätte mit der Stadtbücherei umziehen können in die örtliche Gesamtschule.

Die Stadt, erzählt Bürgermeister Thomas Benz, hatte bereits mit dem Landkreis Gießen als Schulträger einen Nutzungsvertrag für zwei Räume in der oberen Etage vorbereitet, der Umzug war geplant. Doch Phieler zog aus gesundheitlichen Gründen die Notbremse.

7158 Bücher - Von Ibsen bis Dostojewski

Der 80-Jährige hat die Stadtbücherei ehrenamtlich geleitet. Nach der Volksschule verdiente er sein Geld bis 1996 bei der Deutschen Post. Erst war er Austräger, später arbeitete sich Phieler bis in den gehobenen Dienst hoch. Als 1975 die Büchereien aus den Schulen und den Stadtteilen vereint werden sollten, meldete er sich freiwillig. Zuerst fand die Einrichtung im Bürgerbüro ihren Platz. Später zog sie ins Rathausgebäude um. Damals waren es 2371 Bücher, die in den Doppelregalen standen. Heute sind es 7158.

Phieler bezeichnet sich als »Leseratte«, und meint das auch so. Er hat gefühlt alles verschlungen: In jungen Jahren Groschenromane mit Detektiven, dann Geschichten über das Forsthaus Falkenau, später Werke des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen oder des russischen Jahrhundertschriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Das Buch hat schon deine Oma gelesen

Karl-Heinz Phieler

Drei Allendorfer Generationen haben sich bei Phieler Bücher ausgeliehen. Von manchen kennt er die Ausweisnummer auswendig. Anderen, erzählt der 80-Jährige, habe er sagen können: »Das Buch hat schon deine Oma gelesen.« Kein Wunder, dass in den sozialen Netzwerken die Betroffenheit groß ist. Manche schreiben als Tribut ihre Ausweisnummer in ihren Beitrag.

Phieler hat von einer Frau zum Abschied ein Küsschen bekommen, von einer anderen Blumen. Ihn freuen dabei vor allem die Details: kleine Schleifen, Herzen.

 

Vielleicht liegt vielen Allendorfern die Bücherei auch am Herzen, weil sie mehr war als ein Bücheraufbewahrungsort. Zum Beispiel war sie ein Heiratsmarkt. Phieler erinnert sich an Jungs, die immer das gleiche Buch ausgeliehen hätten – nur um einen Grund zu haben, in die Bücherei zu kommen und Mädchen zu treffen. »Und war das Büchlein noch so dünn…«, sagt er und lacht.

Schlangen am Eingang seit dem Internet passé

Der große Einbruch sei mit dem Internet gekommen. Vor allem Schüler brauchten nicht mehr in die Bücherei zu gehen und Lexika zu wälzen. Die Schlangen am Eingang waren damit passé. Ob er dem nachtrauere? Phieler überlegt kurz und schüttelt mit dem Kopf. »So gut war die alte Zeit auch nicht«, sagt er. »Das nennt man heute wohl Romantik.«

Fragt man ihn nach seinen schönsten Momenten, muss Phieler nicht lange nachdenken. »Wenn ich Wünsche erfüllen konnte.« Es habe kein Buch gegeben, dass er nicht habe bestellen können. Glück ist für ihn auch, dass ihn nur einmal eine Frau angelogen habe, sie habe ihr Buch doch schon lange abgegeben. Phieler dankte es damit, indem er nach dem Ende der Frist die Nutzer nicht mahnte, sondern erinnerte.

 

Phieler ist ein humorvoller Gesprächspartner, der sich selbst auf den Arm nehmen kann. »Vor 30 Jahren«, erzählt er, »war ich ein anderer Mensch, sehr still.« Verändert hätten ihn seine Ehefrau und später seine Lebensgefährtin; beide sind mittlerweile verstorben.

 

Wir bemühen uns um eine Lösung und wollen mittel- und langfristig wieder eine Bücherei in Allendorf eröffnen

Bürgermeister Thomas Benz
Die Bücherei war für den zweifachen Vater sein Reich. Deswegen tut es ihm auch weh, loszulassen. Auf der anderen Seite sei es eben nur eine öffentliche Aufgabe, die nun ende. Ihm werde schon nicht langweilig. »Akademiker würden jetzt sagen, meine Gefühle sind ambivalent«, sagt er und lächelt wieder dieses feine Lächeln.

 

Die Grund- und die Gesamtschule in Allendorf haben bereits einige Bücher in ihre Bestände übernommen; daher rühren die Lücken in den Regalen der Bücherei. Auch die Stadt- und Schulmediothek an der Clemens-Brentano-Europaschule war schon da und hat sich bedient. Was nach Schließung der Einrichtung noch da ist, soll verschenkt werden.

Wie geht’s dann weiter? Bürgermeister Benz sagt: »Wir bemühen uns um eine Lösung und wollen mittel- und langfristig wieder eine Bücherei in Allendorf eröffnen.« Dann muss sie ohne Karl-Heinz Phieler auskommen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Akademiker
  • Allendorf
  • Bürgerbüros
  • Bürgerämter
  • Detektive
  • Dramatikerinnen und Dramatiker
  • Einrichtungen
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski
  • Gesamtschulen
  • Henrik Ibsen
  • Humor
  • Karl Heinz
  • Leseratten
  • Allendorf
  • Kays Al-Khanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos