08. April 2019, 22:21 Uhr

Alicens Albtraum im Irrenhaus

08. April 2019, 22:21 Uhr
Die Therapie-Sitzungen im Miles Sanatorium sorgen kaum für Heilung. (Foto: con)

Zwischen Wahnsinn und Fantasie. Wann ist man »normal« und wann wahnsinnig – und wer entscheidet das? Auf die Besucher wartete am Wochenende in der Harbig-Halle in Alten-Buseck ein ungewöhnliches Musical: Die »Mad Musical Company« führte hier »Alice« aus der Feder von Maja Rathgeber auf – eine Geschichte rund um die Geschichte von »Alice im Wunderland«. Doch in einer Form, die wohl die wenigsten kennen dürften – und die keinesfalls als Gute-Nacht-Geschichte für kleine Kinder taugt.

Das Jahr 1860, England, unten am Fluss: Die achtjährige Alice Liddell (Emily Sieber) ist mit ihrer älteren Schwester unterwegs, Alice will sich gerne mit ihrem Freund Charles Dodgson (Maja Rathgeber) treffen, doch ihre Schwester rät ihr dazu, sich nicht mehr mit ihm herumzutreiben. Darüber geraten die beiden Mädchen in Streit und eine Frage steht im Raum, deren furchtbare Bedeutung sich im Laufe des Musicals erst noch vollständig offenbaren soll: »Wer glaubt, dass achtjährige Mädchen tatsächlich 28-jährige Männer attraktiv finden?«

Zehn Jahre später wird die nun erwachsene Alicen (Maja Pfuhl/Laura Rehor), der Namensunterschied zwischen Alice und Alicen hat im Stück noch eine große Bedeutung, wegen Wahnvorstellungen in das Miles Sanatorium eingewiesen – und hier trifft sie Charles Dodgson wieder, der sich mittlerweile Lewis Carroll nennt...

Das Haus, das Verrückte macht

Für manche Besucher dürften die Themen des Musicals allerdings schwer verdaulich sein: Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Mord, Machtgier – die Altersempfehlung der Gruppe ab 16 Jahren hat durchaus ihre Berechtigung. Wer sich aber darauf einlässt, den erwartet ein Stück voll düsterer, aber auch bunter Farben – voller Schrecken, aber auch voller Symbole, was Freundschaft zu leisten vermag und dass man diese an den ungewöhnlichsten Orten finden kann. Nicht zuletzt gab es da noch die wohl verrückteste Teeparty aller Zeiten.

Die Grenzen zwischen Wahnsinnigen und Normalen verschwimmen: Denn so wie sich die meisten der Patienten als Mörder herausstellen, so handelt es sich bei vielen der Ärzte um Sadisten, Vergewaltiger oder machtbesessene Diktatoren. Sollte man noch nicht verrückt sein, dann macht es einen das Sanatorium, wie auch der anfangs gutherzige Dr. Hoppenstiel (Robin Kammer) schmerzhaft erfahren muss. Besonders deutlich wird das auch an der Rolle des Dr. Finiggan (Lars Benedict Hoppe): Der Sadist liebt es, seinen Patienten Schmerzen zuzufügen und sagt: »Ich bin dafür, alle Insassen zu lobotomieren – das ist kostengünstig und schafft Platz für neue Patienten.« Der Darsteller erhielt später als »Lob« einer Zuschauerin: »Sie haben mir richtig Angst gemacht«. Gemeinsam fassen die Insassen des Miles Sanatorium schließlich den Plan, zu fliehen – ein scheinbar aussichtsloser Kampf gegen ein übermächtiges System, dem mit der Klinikleiterin Mrs. Miles (Victoria Uehlken) eine machthungrige Frau vorsteht.

Im Laufe der Handlung werden die Parallelen zu den Figuren aus Carrolls »Alice im Wunderland« immer offensichtlicher. Das spiegelt sich auch in Veränderungen der Figuren wider. Etwa wenn sich Mrs. Miles Zornausruf: »Ab mit ihm in den weißen Raum!« schließlich in »Ab mit seinem Kopf!« wandelt, sie nur noch rote Kleider trägt und sich als »Königin« ansprechen lässt.

Für ihr Musical legten sich die Darsteller – überwiegend Laien – monatelang in ihrer Freizeit richtig ins Zeug, studierten Songs ein und verbrachten viele Stunden bei den Proben. Kombiniert mit einer aufwendigen Bühnentechnik und einigen Special Effects bemerkte man schließlich kaum noch, dass es keine völlig professionelle Aufführung war. Doch neben der Handlung und der Bühnenperformance wussten auch die Songs im Musical durchaus zu überzeugen: Zu Melodien von Rammstein, Marilyn Manson, Bob Marley und aus dem Musical Grease wurden eigene Texte gedichtet.

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