14. Mai 2018, 10:00 Uhr

Von oben

642 Einwohner, zwei Seen und viele seltene Vögel

Wo früher FKK-Anhänger nackt badeten, rasten heute seltene Vögel. Wegen seiner Seen ist Utphe unter Naturschützern europaweit bekannt. Ein Ortsporträt.
14. Mai 2018, 10:00 Uhr
Am Rande eines der größten Natur- und Vogelschutzgebiete Europas liegt der Hungener Stadtteil Utphe. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

Zum Dossier


Einst galt er unter Tauchern und FKK-Anhängern als Geheimtipp, die dort illegal ihrem Hobby nachgingen. Heute ist der Obere Knappensee, ebenso wie der Untere, Teil eines der größten und vielfach ausgezeichneten Natur- und Vogelschutzgebiete Europas. Beide Gewässer gehören zum Hungener Stadtteil Utphe. Während am Oberen Knappensee Spaziergänger und Radfahrer willkommen sind und auch Angler ihrer Leidenschaft unter bestimmten Bedingungen nachgehen dürfen, sind solche Aktivitäten am Unteren Knappensee verboten. Er steht allein der Natur zur Verfügung und dient ungezählten seltenen Vogelarten als Refugium.

Nur von verschiedenen Plattformen aus kann man die Tiere beobachten. Und um dies zu tun, kommen die Menschen von weit her. »Das Natur- und Vogelschutzgebiet hat Utphe über die Grenzen Europas hinaus bekannt gemacht«, sagt Ortsvorsteher Karl-Ludwig Büttel. Wer etwas über den Ort wissen möchte, ist bei ihm richtig. Büttel ist dort aufgewachsen und vielfach engagiert, in der Politik ebenso wie in Vereinen.

 

Kulturförderung und Traditionspflege

 

Ein besonderer unter diesen ist der Cult Club, der vor 20 Jahren von den jungen Leuten als Gegenpol zu den alteingesessenen Vereinen gegründet wurde. Eigentlich aus einer Notsituation heraus, sagt Büttel. Denn das Ordnungsamt wollte die damals bei den Utphern beliebten Open-Air-Partys untersagen, zu denen sich die Menschen im heute 642 Seelen zählenden Dorf regelmäßig in den Wiesen trafen. Der Cult Club wurde gegründet und trat fortan als Veranstalter auf, verpflichtete sich zudem der Kulturförderung und Traditionspflege. Gemeinsam mit dem Turn- und Sportverein wollen die Mitglieder in diesem Sommer die Zeltkirmes wiederbeleben.

Das eingenommene Geld kommt in der Regel dem Dorf zugute, oft den jüngsten Einwohnern. Denn von denen haben die Utpher im Vergleich zu manch anderem Stadtteil besonders viele, wie der Ortsvorsteher weiß und ein Blick in die Statistik der Geburtenentwicklung bestätigt. Im Neubaugebiet An den Obstgärten sind seit 2001 insgesamt 19 Bauplätze entstanden. »Dort gibt es kein Haus ohne Kinder, in den meisten sind es sogar zwei bis drei«, sagt Büttel. Davon profitiert unter anderem die Feuerwehr. Ihre Jugendabteilung gehört zu den mitgliederstärksten im Landkreis. Und das nicht erst seit gestern: 1983 wurden in Utphe 48 Nachwuchs-Brandschützer gezählt, damals die zweitgrößte Truppe in Hessen. »Nur die Landeshauptstadt Wiesbaden hatte die Utpher mit 56 Mitgliedern überboten«, erinnert sich Büttel.

 

 

300 Jahre altes Hofgut

 

Doch Utphe hat mehr zu bieten als besonderes Federvieh und fortpflanzungsfreudige Einwohner. Im Gegensatz zu anderen Dörfern dieser Größenordnung gibt es noch eine Gaststätte, einen Metzger, der auch Brötchen verkauft, eine kleine Kaffeerösterei und einige Betriebe mehr. Darunter beispielsweise einen der größten Putenzüchter Deutschlands, dem auch das 300 Jahre alte Hofgut gehört. Ein halbes Dutzend Firmen haben ihren Sitz in den historischen Mauern, die auch für die Vereine immer wieder Veranstaltungsbühne sind, beispielsweise während des Weihnachtsmarktes.

 

Die gute "Fürstin von Utphe"

 

Einst gehörte das Hofgut den Grafen zu Solms-Laubach, ebenso wie das Schloss, das an der Ecke Berstädter Straße/Weedstraße stand. Dort residierte vor gut 200 Jahren nach dem Tod ihres Mannes die »Fürstin von Utphe«. Die gebürtige Prinzessin Elisabeth von Isenburg und spätere Gräfin zu Solms-Laubach wurde von den Dorfbewohnern liebevoll so genannt. Die wollten damit ihre Anerkennung ausdrücken, weil die gräfliche Witwe den Utphern in schweren Zeiten beistand, in der Not mit Vorräten aushalf, Kranke pflegte und selbst feindliche Soldaten versorgte, als diese sich im Dorf einquartiert hatten. Ihre Hilfsbereitschaft war bei Freund und Feind gerühmt.

Heute steht anstelle ihres Witwensitzes ein Gebäude mit Wohnungen – das erste Projekt der Stadtsanierung, erinnert sich Büttel. Nur der Retiradenstein im Hof erinnert noch an die alten Zeiten. Der Sage nach gewährte man Verfolgten früher Zuflucht und anschließend die Freiheit, wenn sie 14 Tage auf ihm gesessen hatten.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Fürstinnen und Fürsten
  • Kunstförderung
  • Naturschützer
  • Seen
  • Traditionspflege
  • Von oben
  • Hungen
  • Christina Jung
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos