02. August 2017, 22:17 Uhr

554 Lehrlinge gesucht

Betriebe suchen verzweifelt Nachwuchs: Im Kreis Gießen sind 554 Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig ist die Zahl der Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, hoch wie lange nicht. Ein Problem: Azubis sind wenig kreativ bei ihrer Berufswahl.
02. August 2017, 22:17 Uhr
Maximilian Senkler hat vor zwei Tagen eine Lehre zum Industriemechaniker angefangen. 733 junge Frauen und Männer haben derweil im Kreis Gießen noch keine Ausbildungsstelle gefunden. (Foto: srs)

In den kommenden Wochen beginnen Hunderte Jugendliche im Kreis Gießen mit ihrer Ausbildung. Zahlreiche Betriebe suchen unterdessen verzweifelt nach geeigneten Bewerbern. 554 Ausbildungsstellen sind unbesetzt. »Im kaufmännischen Bereich finden Betriebe schnell Kandidaten für ihre Lehrstellen«, erklärt die Arbeitsvermittlerin Karina Meyer. »Im gewerblichen Bereich aber, zum Beispiel im Metallbau, ist es schwierig.«

Johannes Paul, Pressesprecher der Gießener Arbeitsagentur, nennt die Gründe. »Jugendliche wählen häufig Berufe, die ein höheres Ansehen genießen«, sagt er. Sie bevorzugen kaufmännische Tätigkeiten wie im Büromanagement und im Einzelhandel. Alten- und Krankenpfleger werden derweil händeringend gesucht. »Eltern haben viel Einfluss. Sie erwarten von den Kindern eine höhergestellte Ausbildung.« Ein Grund für die vielen unbesetzten Stellen sei auch der demografische Faktor. »Im ländlichen Bereich ist außerdem die Busanbindung ein Problem. Azubis mit 15, 16 Jahren können maximal 20 Kilometer pendeln.«

733 junge Frauen und Männer im Kreisgebiet suchen derzeit eine Lehrstelle. Im vergangenen Jahr waren es zum selben Zeitpunkt 604. »Viele Bewerber haben keine Vorstellungen«, sagt Arbeitsvermittlerin Meyer und erzählt aus Bewerbungsgesprächen für den Beruf zum Industriemechaniker. »Unternehmensvertreter fragen die Bewerber zum Beispiel, was ein Industriemechaniker macht – und was das Unternehmen, bei dem sie sich bewerben, produziert. Die Jugendlichen sind oft ahnungslos. Das ist unglaublich.«

Paul von der Arbeitsagentur beobachtet auch eine Scheu vor ungewöhnlichen, exotischen Berufen. »Die Chance, in diesen Tätigkeiten eine Stelle zu finden, ist viel größer.« Ein Orgel- und Harmoniumbauer in Lich suche aber seit Jahren erfolglos nach Auszubildenden.

Meyer ergänzt: »Vielen Bewerbern ist nicht bewusst, wie wichtig das Äußere ist.« Bei Ausbildungsmessen stelle sie fest, dass junge Frauen gepflegt und bestens gekleidet die Stände aufsuchen. »Jungs kommen dagegen im T-Shirt.« Stark Übergewichtige müssten sich nicht wundern, wenn sie keine Lehrstelle als Verkäufer im Sportgeschäft erhalten. »Dem Geschäft geht es auch um das Image, da zählen bei den Bewerbern nicht nur die Schulnoten«, betont Paul.

»Wir müssen mit dem leben, was aus dem Schulsystem purzelt«, sagt Hans Fuhrmann vom Laubacher Unternehmen Dexion, das unter anderem Hochregallager herstellt. Gerade an praktischer Ausbildung mangele es in der Schule, bemängelt auch sein Kollege Günter Niesner. »Das Fundament geht verloren.« Im Gespräch mit Lehrlingen des Betriebs fällt auf: Die wenigsten Azubis haben sich umfassend informiert, welche Ausbildungsberufe es überhaupt gibt. Tim Schönhals erklärt, er wolle Industriekaufmann werden, »weil ich gerne am Computer arbeite.« Er habe einmal mit einer Bohrmaschine gewerkelt. »Da habe ich gemerkt, dass das nicht mein Ding ist.« Ein 15-jähriger Lehrling hat derweil schon mehrere Praktika absolviert. In einem Monat tritt er seine Lehre zum Maschinen- und Anlagenführer an. »Ich könnte nie im Büro arbeiten. Ich brauche immer etwas zwischen den Fingern.« Für Maximilian Senkler ist es am Mittwoch der zweite Tag seiner Ausbildung. »Ich war Bäcker«, sagt der 23-jährige Busecker. Nach einer Krankheit habe er eine Umschulung gemacht. »Ausschlaggebend für die Berufswahl war ein Kumpel, der auch Industriemechaniker ist.«

Dexion-Geschäftsführer Frank Pohl war nach der Schulzeit ebenfalls orientierungslos. »Dass ich eine Maurerlehre gemacht habe, war 85 Prozent Zufall.« Um sich zu orientieren und um den richtigen Beruf für sich zu finden, rät Paul von der Arbeitsagentur derweil vor allem zu Praktika. »Es ist auch eine Gelegenheit, um bei einem potenziellen Arbeitgeber zu punkten.« Er fügt hinzu: »Das Schlechteste ist, nichts zu machen.«

Wer einen Ausbildungsplatz sucht, kann sich an die Arbeitsagentur wenden, unter der kostenlosen Nummer: 08 00/4 55 55 00.

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