26. Januar 2022, 20:48 Uhr

Zoll-Razzia in Firmennetzwerk

Dutzende E-Mails hat Bruder Norbert Lammers nach der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation »Wie Gott uns schuf« am Montagabend erhalten, Nachrichten über WhatsApp und Facebook und viele Telefonanrufe. Als »überwältigend und durchwegs positiv« beschreibt der Franziskaner, der im Exerzitienhaus in Hofheim am Taunus arbeitet, die Reaktionen auf sein öffentliches Bekenntnis zum Schwulsein.
26. Januar 2022, 20:48 Uhr
Vor einem Jahr hielt er das Versteckspiel nicht mehr aus: Der Franziskanerbruder Norbert Lammers arbeitet im Exerzitienhaus in Hofheim. Er ist froh über den mutigen Fernsehbeitrag. FOTO: ROLF OESER

- Bei einer Razzia gegen ein möglicherweise illegales Firmennetzwerk im Reinigungsgewerbe haben mehrere Hundert Einsatzkräfte bundesweit Geschäftsräume und Wohnungen durchsucht. Ein 48-jähriger Hauptbeschuldigter sei verhaftet worden, teilte das Hauptzollamt Frankfurt gestern mit. Insgesamt werde elf Männern und einer Frau vorgeworfen, für Reinigungskräfte Sozialversicherungsbeiträge nicht abgeführt zu haben. Der Schaden werde auf rund 2,2 Millionen Euro geschätzt. Der Schwerpunkt der Razzia lag im Rhein-Main-Gebiet, bundesweit wurden 28 Geschäftsräume durchsucht. In sechs Fällen seien Vermögensarreste in Höhe von 2,1 Millionen Euro vollstreckt worden. Zudem seien Waffen, Drogen und Bargeld in fünfstelliger Höhe entdeckt worden. dpa

Wiesbaden - Die Zahl der ausreisepflichtigen Männer und Frauen hat sich 2021 in Hessen weiter erhöht. Wie das Innenministerium in Wiesbaden mitteilte, hielten sich laut Daten des Bundes am 31. Dezember vergangenen Jahres insgesamt 16 718 Menschen im Land auf, die ausreisepflichtig waren. Davon seien 13 036 Personen im Besitz einer Duldung gewesen. Ein Jahr zuvor waren laut Ausländerzentralregister insgesamt 15 490 ausreisepflichtige Männer und Frauen registriert, darunter 12 264 mit Duldung. Hauptgründe für das Erteilen von Duldungen sind den Angaben zufolge nach wie vor insbesondere fehlende Reisedokumente. dpa

/Wiesbaden - Vor dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hat die Bildungsstätte Anne Frank vor einer Beliebigkeit im Umgang mit dem Erinnern an nationalsozialistische Verbrechen gewarnt.

»Die Erneuerung der Erinnerungskultur darf nicht dazu führen, dass sie ein Selbstbedienungsladen wird«, betonte Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte in Frankfurt. Sie setzt sich mit ihrer pädagogischen Arbeit und ihrem Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus ein.

Mit dem Tod der letzten Zeitzeugen seien auch neue Formen des Gedenkens nötig, so Mendel. Dazu sei es ohne Zweifel sinnvoll, auch über die Verbindungen zu anderen Völkermorden und dem Kolonialismus nachzudenken.

Wie wichtig es sei, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig zu halten, zeige die Entwicklung seit Beginn der Corona-Pandemie: »In der Pandemie erhalten antisemitische Verschwörungstheorien einen nie da gewesenen Aufwind. Offenkundig reicht die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit nicht mehr aus, um die Gefahren solcher Einstellungen aufzuzeigen.«

Am 27. Januar 1945 hatten Soldaten der Roten Armee das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Auschwitz war das größte der nationalsozialistischen Todeslager. Schätzungen zufolge wurden mindesten 1,1 Millionen Häftlinge in den Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit oder Misshandlungen. Die meisten der Opfer waren Juden aus ganz Europa.

Anlässlich des heutigen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus warnte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vor der Bedrohung der Demokratie durch Rechtsextremismus. »Das Ziel, das Rechtsextreme verfolgen, ist allzu ersichtlich: Noch mehr Unsicherheit zu schüren und damit zu versuchen, unseren Staat und unsere Demokratie zu erschüttern«, sagte er am Mittwoch in Wiesbaden. »Als Demokratinnen und Demokraten dürfen wir das nicht zulassen. Das ist die Lehre und Verantwortung aus unserer Geschichte.« dpa

Offenbar hätten er und die anderen über 100 Gläubigen im Dienste der katholischen Kirche, die sich in dem Film als nicht heterosexuell outeten, den Nerv der Zeit getroffen, sagt Bruder Norbert Lammers. »Ich bin begeistert, froh und dankbar, dass wir uns sichtbar und hörbar machen konnten.« Schon als Jugendlicher habe er gemerkt, dass er sich zu Männern hingezogen fühle, erzählt der gebürtige Emsländer. 1984 trat er in den Franziskanerorden ein. Seit 2010 arbeitet er als Exerzitien- und geistlicher Begleiter in Hofheim und ist einer von zwei Priesterseelsorgern im Bistum Limburg. Seine sexuelle Orientierung habe er verschwiegen und sich damit ins Abseits drängen lassen, berichtet Bruder Norbert. »Ich hatte Angst, dass ich falsch bin, und das sollte keiner wissen.«

Vor einem Jahr hielt er das Versteckspiel nicht mehr aus. In einem Gottesdienst in Eppstein-Niederjosbach outetet er sich als schwul. Nach der Predigt sei er mit zittrigen Knien zu seinem Priesterstuhl gegangen, erinnert sich der 59-Jährige. »Ich dachte, der Erdboden tut sich auf und ich versinke.« Doch die Reaktion der Gemeinde war ganz anders, als er erwartet hatte. »Die Leute sind aufgestanden und haben applaudiert. Das hat mich aus den Socken gehauen.«

Eine riesige Last sei damals von ihm gefallen. »Öffentlich auszusprechen, dass ich schwul bin, war richtig und notwendig. Ich habe auf diese Weise zu mir selbst gefunden.« Als er kurz darauf gefragt wurde, ob er bei der Aktion #OutInChurch mitmachen wolle, habe er sofort zugesagt. Ein Jahr traf sich die Gruppe in virtuellen Meetings, plante das größte kollektive Coming-out in der katholischen Kirche, das es bisher in Deutschland gab. »Wir haben ein Thema aufgegriffen, das in der Luft liegt«, ist Bruder Norbert überzeugt. Die Dreharbeiten zu der Fernseh-Doku hat er als sehr einfühlsam erlebt. »Jeder, der seine Geschichte erzählt, steht für sich und gleichzeitig für alle, die das nicht können, weil sie vielleicht zu Recht Befürchtungen haben.«

Er selbst hat sich früher Sorgen gemacht, seinen Job wegen seiner sexuellen Orientierung zu verlieren, sagt der Franziskanerpriester. Nachdem er so viele Solidaritätsbekundungen und Zuspruch bekommen habe, sei diese Angst aber verflogen. »Oder ich gehe anders damit um.«

Auch der ehemalige Ordenspriester Stefan Diefenbach aus Frankfurt ist Teil der Investigativrecherche der öffentlich-rechtlichen Sender. Diefenbach berichtet in der Dokumentation über sein Coming-out während einer Sitzung des Leitungsgremiums seines Ordens - und wie er anschließend gebeten wurde, den Raum zu verlassen. Es kam zum Bruch.

Im Gespräch mit der »Frankfurter Rundschau« (FR) spricht er von einem »schweren Knick«. Er betont, dass er durchaus unterscheiden könne zwischen der Kirche an sich und den jeweiligen Gremien darin. »Mit der Kirche habe ich nicht gebrochen.« Er sei immer noch in der Kirche, »wegen der 124 anderen, die sich geoutet haben«. Der Glaube sei wichtig und viele Werte, die gelebt werden, gut. »Aber die Struktur muss sich ändern.« Es habe eine riesige Welle an Reaktionen auf den TV-Beitrag gegeben. »Damit habe ich nicht gerechnet.« In positiven Rückmeldungen wurde ihm versichert, wie berührend der Film sei. Es werde sicher auch andere Reaktionen geben. Für sachlich-kritische Nachfragen sei Diefenbach offen. Aber: »Hass ist keine Meinung.« Der ehemalige Ordens-priester hofft nun, dass das große Outing keine arbeitsrechtlichen Folgen für die Beteiligten haben wird. Er selbst stehe eher in der zweiten Reihe, weil er nur ehrenamtlich tätig ist. »Wenn sich jetzt vielleicht sogar etwas am Arbeitsrecht ändert, dann hätte sich der Film schon gelohnt.«

Seit mehr als einem Jahr liefen die Planungen für den Beitrag. Er sei, so Diefenbach, auch inspiriert von dem Outing der 185 Schauspielerinnen und Schauspieler im Februar 2021. Diefenbach war von Anfang an dabei. Er wolle für eine bessere Zukunft arbeiten. Dabei habe es schon Überwindung gebraucht, den Schritt zu wagen. »Man kann es nicht rückgängig machen.« Schlussendlich sei der Schritt der richtige gewesen.

Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz möchte sich auf Nachfrage nicht zur Doku positionieren, weil er sie (noch) nicht gesehen hat. Der katholische Pfarrer hat sich in der Vergangenheit jedoch schon öfter zum Thema Homosexualität und Kirche geäußert. Etwa 2018, als er bei einer Diskussionsveranstaltung über die »Ehe für alle« erneut forderte, dass seine Kirche Segnungen homosexueller Paare zulassen solle. Bloß weil die katholische Kirche die Bezeichnung »Ehe« nur für ungleichgeschlechtliche Paare vorsieht, bedeute dies nicht, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen des Teufels oder böse seien. Dieser Umkehrschluss sei nicht biblisch.

Bei diesem Thema sei das Gebaren der katholischen Kirche »anachronistisch und unmenschlich«, sagte Johannes zu Eltz 2021. Der Stadtdekan erzählte dem »Journal Frankfurt«, dass er selbst einen langen Weg von den erzkonservativen Grundsätzen seiner frühen Jahre bis zum jetzigen Standpunkt hatte. »Mich hat vor allem die Begegnung mit homosexuellen Männern in Frankfurt, die zugleich überzeugte Katholiken sind, bekehrt. Diese Kontakte haben mich wirklich verändert und von meinen herzlosen Vorurteilen kuriert«, sagte zu Eltz.



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