02. August 2021, 20:26 Uhr

Werdende Wildnis

Im Kellerwald darf die Natur Natur sein. Der Mensch ist hier Gast, für den es viele Erkundungsangebote gibt - und mit dem Edersee den Wasserspaß gleich nebenan.
02. August 2021, 20:26 Uhr
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Aus der Redaktion
Im Nationalpark Kellerwald wird die Natur sich selbst überlassen. Auf zahlreichen Wanderwegen kann man hier einem Stück Urwald begegnen. FOTO: DPA

Wenn man mit Nationalpark-Ranger Uwe Schäfer (61) durch den Kellerwald läuft, kann es schon mal anstrengend werden. Die Pfade sind schmal, manchmal geht es auch durchs Unterholz. »Auf festen Wegen«, sagt Schäfer, »braucht man doch keinen Ranger!«

Der Kellerwald in Nordhessen ist der einzige Nationalpark des Bundeslandes. Viele Bäume sind hier mehr als 150 Jahre alt, einzelne sogar älter als 1000 Jahre. Früher war er Jagdgebiet der Hessischen Landesregierung, es gab sechs Revierförstereien, erzählt Schäfer. Weil der Fokus nie auf der Forstwirtschaft lag, konnten sich die Bäume hier schon lange natürlich entwickeln.

Seit 2001 ist der Kellerwald Naturpark, seit 2004 ist ein Teil des Naturparks als Nationalpark noch stärker vor menschlichen Einflüssen geschützt. Und 2011 erklärte die UNESCO wiederum einen Teil des Nationalparks zum Weltnaturerbe mit der Bezeichnung »Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen«, das weitere Waldgebiete in Deutschland und anderen europäischen Ländern umfasst. Mittendrin im Naturpark Kellerwald liegt der Ederstausee, der aber als Nationale Wasserstraße weder Teil des Nationalparks noch des Welterbes ist.

Mit dem Ranger unterwegs

Manche Touren ist Schäfer vielleicht schon 100-mal gelaufen. »Aber es ist immer wieder schön für mich«, schwärmt er. Hinter jeder Ecke ergebe sich ein neues Waldbild, kurzum: »Es ist einfach entschleunigend.« Während im Naturpark Siedlungen und Straßen liegen, ist der Nationalpark zu 95 Prozent frei von menschlichen Einflüssen, sagt Nationalpark-Sprecherin Inka Lücke. Lediglich an einzelnen wenigen Stellen greift der Mensch hier in die Natur ein. Das Motto: »Natur Natur sein lassen.« Nationalpark-Ranger Schäfer wird dabei konkreter: »Wenn der Borkenkäfer kommt und Bäume kaputt macht, dann ist das halt so.« Auch das tote Holz sei sehr wichtig für den Wald, den er als eine »Wildnis im Werden« beschreibt.

Der gelernte Forstwirt Schäfer ist seit 2005 mit Zusatzqualifikation als Ranger im Nationalpark unterwegs. »Es ist spannend, zu beobachten, wie sich der Wald entwickelt, wenn der Mensch nicht eingreift«, sagt er. Seine Beobachtungen und Vermutungen für die Weiterentwicklung des Waldes teilt er gerne mit den Teilnehmenden seiner Führungen. »Sollte es klimatisch so weitergehen, könnte es sein, dass irgendwann die Traubeneiche dominiert«, sagt er. Schon jetzt bildeten manche Buchen weniger Blattmasse als vor 50 Jahren.

Besonders gerne führt Schäfer zur Kahlen Hardt. In diesem Abschnitt am nördlichen Steilufer des Edersees gibt es ein letztes bisschen Urwald. »Dieses Gebiet ist praktisch unverändert seit der letzten Eiszeit«, sagt Schäfer. Hier finden sich auch die Bäume, die älter als 1000 Jahre sind, sowie zahlreiche seltene Käferarten wie der Eremit oder der Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer. Weil das Gebiet sehr heiß und trocken ist, werden die Bäume hier nicht so hoch und wachsen in bizarren Formen - statt bis zu 20 Meter würden die Eichen hier nur fünf bis sechs Meter hoch, sagt Schäfer.

Um dieses Stückchen Urwald zu sehen, braucht es aber nicht zwingend einen Ranger. Der »Knorreichenstieg« ist ein ausgeschilderter, etwa 17 Kilometer langer Wanderweg. Als eine von sechs Etappen ist er Teil des 68 Kilometer langen »Urwaldsteigs«, der durch den Kellerwald rund um den Edersee führt. Von vielen Stellen eröffnet sich unterwegs der Blick auf den See mit seiner berühmten Talsperre. Es muss aber keine mehrtägige Tour sein. »Von den vierzehn Nationalpark-Eingängen rund um den Nationalpark starten je zwei Rundwanderwege, deren gekennzeichnete Routen sich nicht verfehlen lassen«, sagt Lücke.

Und auch ganz ohne Wanderungen lässt sich einiges über den Wald und die darin lebenden Tiere lernen. Im Nationalpark-Zentrum in Vöhl-Herzhausen am nordwestlichen Ende des Kellerwalds gibt es ein 4-D-Sinne-Kino - die Adresse ist hier Programm: Weg zur Wildnis 1. Auf besondere Art lassen sich hier die Wildnis und ihre Lebensräume erfahren.

Der Wald und seine Tierwelt

Im Wildtierpark Edersee in Edertal-Hemfurth nahe der Talsperre können Besucher überdies heimische und ehemals heimische Tiere kennenlernen. Die Geschichte der Beziehung von Mensch und Buchenwald wird in Frankenau in der sogenannten Kellerwalduhr erläutert.

Am Edersee selbst laden Badestrände zum Sonnen, Beachvolleyball-Spielen und Schwimmen ein. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Boote zu mieten, und eine Segelschule bietet Kurse an. In der Nähe gibt es zudem einen Freizeitpark mit Sommerrodelbahn, einen Baumkronenpfad, einen Kletterpark und ein Maislabyrinth.



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