06. August 2021, 21:40 Uhr

»Wenn alle kommen, sind wir 29«

Elisabeth Pausch und ihr Ehemann Manfred haben im Juli diamantene Hochzeit gefeiert. Als Jugendliche hatte sie einen klar umrissenen Lebenstraum: Sie wollte sechs Kinder haben. Wie es ist, wenn sich dieser Traum vom eigenen »Kindergarten« wirklich erfüllt, erzählt die 79-Jährige aus Kleinlinden im Rahmen unserer Jubiläumsserie »Lebenswege«.
06. August 2021, 21:40 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Vielleicht war es die eigene Geschichte, die bei Frau Pausch schon in jungen Jahren den Wunsch geweckt hat, eine große Familie zu haben. »Meine jüngere Schwester und ich hatten eine wunderbare Kindheit. Wir spielten in unserem großen Garten, naschten im Sommer Früchte von unseren vielen Obstbäumen. Wir waren auch rund um das Denkmal in der Frankfurter Straße zu finden - und im Friedhofsweg.« Nach dem Krieg waren die Amerikaner in und um Gießen unterwegs, auch mit Panzern. Insofern sei die Straße eigentlich kein sicherer Spielplatz gewesen. »Aber wir fanden es spannend, alles zu beobachten. Die amerikanischen Soldaten waren freundlich, schenkten uns Süßigkeiten, die wir natürlich gerne nahmen.«

Ihre Mutter habe einen Witwer geheiratet. Im Jahr der Hochzeit war mein Vater 52 und meine Mama 40. Mein Vater hatte bereits drei Söhne aus der ersten Ehe, die schon erwachsen waren, als ich im Januar 1942 geboren wurde.« Zwei ihrer Halbbrüder waren im Krieg, kamen aber wieder gesund nach Hause. 1948 sei der Vater gestorben. Elisabeth war damals gerade mal sechs Jahre alt und ihre Schwester noch jünger. »Ab diesem Tag waren wir lange Zeit zu dritt. Es ging uns aber gut. Meine Mutter sorgte für uns. Sie war die allerbeste Mama.«

An die Schulzeit hat Elisabeth nur die besten Erinnerungen. »Wir hatten sehr gute Lehrer.« Sie machte in Gießen ihre Mittlere Reife und wechselte anschließend auf die Haushaltungsschule. Danach betreute sie im Pfarrhaus in Wißmar die Kinder der Pfarrersfamilie. Schließlich arbeitete sie im Kindergarten in Kleinlinden - »bis ich selbst Kinder bekam«. Da war sie noch ziemlich jung. Beim Jugendbund der Stadtmission hatte sie 1959 Manfred Pausch kennengelernt. »Dann war es ganz schnell Liebe«, sagt sie und lacht. 1961 wurde geheiratet. »Bald bekam ich nach und nach meinen eigenen Kindergarten.«

Elisabeth Pauschs Mann Manfred hatte bei Buderus Dreher gelernt. Mit 35, also recht spät, bewarb er sich für eine Ausbildung bei der Polizei - und wurde genommen. Zunächst hatte er eine Stelle in Frankfurt, später wechselte er nach Gießen. Seine Frau Elisabeth kommentiert das so: »Die haben sich bestimmt gesagt, wenn die Familie so viele Kinder hat, dann sollte der Vater doch besser heimatnah arbeiten.« Es war gewiss nicht leicht, in den 1960er und 1970er Jahren sechs Kinder großzuziehen. Die staatlichen Leistungen waren nicht so groß wie heute. »Aber das war nicht wichtig. Sechs gesunde Kinder zu haben, das war für uns ein großes Geschenk.«

Trotzdem: Haushalt, sechs Kinder, kirchliche und soziale Arbeit (Kirchenvorstand, Vorsitzende der Frauenhilfe, acht Jahre lang alte und kranke Menschen besucht), blieb da noch Zeit zum Schlafen? »Klar, mein Mann hat ja im Haushalt mitgeholfen. Und durch den Schichtdienst konnte er sich auch kümmern. Er kann sogar nähen. Alles kein Problem.«

Der Traum ihres Lebens hat sich also erfüllt: »Ich habe einen wunderbaren Mann , viele Kinder, Enkel und Urenkel. Es war eine gute Fügung, dass mein Mann bereit war für eine große Familie - mitzutragen, dass ich sechs Kinder wollte.«

Nun sind die Kinder aus dem Haus, das Ehepaar Pausch hat schon lange mehr Zeit für das eigene Leben, für Hobbys - wie das Reisen. »Ich möchte gerne noch zum Nordkap und glaube daran, dass das möglich ist«, erzählt Frau Pausch. Ihre Schwester habe nach Amerika geheiratet, »wir waren mindestens zehnmal da. Meine Schwester wohnt in New Jersey, also ganz in der Nähe von New York. Aber es ist wie mitten in der Wildnis. Rehe kommen bis in den Garten, Schwarzbären sind zu sehen, es gibt riesige Wälder und ganz viele Seen. Es ist wunderschön. Aber ich bin auch gerne in unserem Haus und Garten«. Ihr größtes Hobby ist noch mal etwas ganz anderes: »Lesen, lesen, lesen - in jeder freien Minute. Zu meinen Lieblingsautoren zählen James Leslie Mitchell, Ken Follett und Pearls S. Buck. In der Corona-Zeit habe ich über 100 Bücher gelesen. Es ist wie eine Sucht.« Die zweite »Sucht« ist das Sammeln alter Sachen. »Das ist gefährlich, man wirft nichts weg.« Daneben hat Frau Pausch auch noch Zeit für ihre Freundinnen. »Meine beste Freundin kenne ich aus frühester Kindheit. Wir wurden zusammen im Kinderwagen gefahren und sind noch immer ganz dicke miteinander.«

Elisabeth Pausch ist eine freundliche, dem Leben zugewandte Frau. »Zu 90 Prozent bin ich ein glücklicher Mensch«, sagte sie. »Die restlichen zehn, die zählen nicht.« Wenn man mit so viel Herzenswärme von seiner großen Familie erzählt wie Frau Pausch, dann denkt man ein bisschen an die Serie »Die Waltons«. Vater und Mutter Walton hatten zwar sieben Kinder und die fiktive Geschichte spielt einige Jahrzehnte früher als das wahre Leben der Familie Pausch. Aber es gibt in den unzähligen Episoden Szenen, da denkt man: Das passt zur Familie Pausch. So fragt Tochter Elizabeth Walton ihren Vater John: »Wo hast du mich gefunden, Daddy?« Und Vater John antwortet: »Du warst hinter einem Lächeln deiner Mutter versteckt.« In der Familie Pausch wurde vielleicht sogar ab und zu an eine Weisheit der Walton-Kinder erinnert: »Unsere Eltern machten mehr aus dem, was wir hatten, und weniger aus dem, was wir nicht hatten.«

Die Waltons sind gläubige Menschen. Und der Glaube spielt auch bei Familie Pausch eine große Rolle. Die Frage »Glauben Sie an Gott?« beantwortet Frau Pausch so: »Aber natürlich, meine Mama war Diakonisse. Vom ersten Tag an war mein Leben vom christlichen Glauben geprägt.« Angst vor dem Tod hat sie nicht, aber vor dem Sterben. »Man weiß ja nie, durch welche Phasen es geht.« Sie glaubt fest an ein Leben nach dem Tod: »Dann werde ich all die wiedersehen, die vor mir gestorben sind.«

Acht Kinder hat Elisabeth geboren, zwei starben kurz nach der Geburt. »Das hat, genau wie der Tod meiner Mutter, richtig wehgetan. Als Mama starb, war ich 33 Jahre alt.« Ihr ältestes Kind, eine Tochter, ist heute 56, das jüngste, ein Sohn, ist 42. »Meine Mutter hat ja bei uns gewohnt, wir waren uns immer nah. Sie war unsere Babysitterin. Und wenn ich noch mal jung wäre, würde ich mehr auf sie hören. Früher habe ich manchmal gedacht: Sie ist viel zu alt, versteht das nicht, was uns beschäftigt. Nun, ich wollte Krankenschwester werden. Mein Mann hat mir das ausgeredet, meine Mutter hätte diesen Wunsch unterstützt.«

Kommt Weihnachten noch die ganze Familie zusammen? »Ja, fast! Die Älteste wohnt in Wilhelmshaven. Sie und ihre Familie sind nicht jedes Mal dabei. Mit allen Nachkommen zusammen sind wir übrigens 29. Mein Mann bestellt jetzt immer beim Metzger eine große Grillpfanne, da müssen wir dann nur noch die Beilagen machen.« Nur noch…



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