08. Juni 2021, 20:15 Uhr

Weinend nach Hause geschickt

Was, wenn das Kind ohne negativen Corona-Test den Unterricht nicht besuchen darf, es den Nasenabstrich wegen eines Handicaps aber verweigert? Förderschulen und Eltern klagen über Probleme bei der Umsetzung der Testpflicht.
08. Juni 2021, 20:15 Uhr
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Von DPA
Schnelltests sind in vielen Schulen inzwischen Routine , in Förderschulen aber oft sehr problematisch. FOTO: DPA

Timo (Name geändert), zehn Jahre alt, ist Autist. Am Kopf berühren lässt er sich nicht. Besuche beim Zahn- oder HNO-Arzt sind für ihn und seine Eltern jedes Mal eine Tortur. »Er lässt sich nicht in die Ohren, nicht in den Mund schauen«, sagt sein Vater. Doch jetzt soll Timo - wie alle Schulkinder - zweimal wöchentlich per Nasenabstrich auf SARS-CoV-2 getestet werden. Da er sich massiv wehrte, mussten seine Eltern ihn schon in der ersten Woche nach Einführung der Testpflicht wieder mit nach Hause nehmen.

Die Regeln sind eindeutig: Schüler, die sich einem Antigen-Schnelltest nicht unterziehen, »haben das Schulgelände zu verlassen und werden ausschließlich im Distanzunterricht beschult«, heißt es in einem Schreiben des Kultusministeriums. Dies hat in den Förderschulen teilweise dramatische Szenen zur Folge, wie der Schulleiter der Wichernschule in Mühltal (Landkreis Darmstadt-Dieburg), Sven Loewenhardt, sagt. Er habe von Eltern gehört, die mit ihren weinenden Kindern wieder nach Hause gehen mussten, andere Eltern hätten versucht, den Test in Testzentren außerhalb der Schule machen zu lassen, was aber ebenfalls nicht funktioniert habe. »Manche Kinder sind weder intellektuell in der Lage, den Test selbst zu machen, noch tolerieren sie es, wenn ein Fremder mit einem Stäbchen in ihrer Nase herumfummelt.«

Betroffen seien etwa Kinder mit spastischen Lähmungen und unkontrollierbarem Bewegungsverhalten, Kinder mit autistischen Störungen oder schwerst mehrfach Behinderte. Doch gerade für diese Kinder und ihre Familien sei es eine extreme Belastung, vom Unterricht ausgeschlossen zu werden. Laut Verordnung müssen die Eltern ihre Kinder vom Unterricht abmelden - das wollten viele aber nicht, sagt Loewenhardt. »Diese Eltern sind am Limit.« Und den Kindern fehle die Förderung, etwa durch Bewegungstraining, Physiotherapie oder Schwimmangebote, die es in der Schule gebe. Sie seien nicht per Distanzunterricht zu beschulen. »Man kann ihnen nicht einfach Arbeitsblätter mit nach Hause geben«, sagt Loewenhardt.

Lösungsvorschläge erarbeiten

Zwar könnten die Eltern für den Test in die Schule kommen, sofern sie selbst ein negatives Ergebnis vorweisen, doch dies sei für viele ein Riesenaufwand. Ob es dann funktioniere, sei eine andere Frage. Akut betroffen seien an seiner Schule zwar nur eine Handvoll Kinder. Aber aus dem Verbund der GE-Schulen - Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung - hätten viele über solche Probleme berichtet. Deswegen wolle man sich zusammenschließen, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten, die dem Kultusministerium vorgelegt werden sollen.

Timos Eltern haben sich kurzfristig Homeoffice organisiert, was jedoch der Arbeitgeber kritisch sehe beziehungsweise eigentlich gar nicht möglich sei: Beide sind im Handel tätig. Indes sieht Loewenhardt keine besondere Infektionsgefahr von den Kindern ausgehen. Da sie oft selbst zur Risikogruppe gehörten, lebten die Familien weitgehend zurückgezogen. Auch Timo hat laut seinem Vater keinen außerschulischen Kontakt, sei lediglich nachmittags in der Schulbetreuung, die er jetzt aber auch nicht besuchen dürfe.

Der Elternbeirat der Wichernschule hatte sich deswegen an das Schulamt Darmstadt gewandt und darum gebeten, die Testpflicht für solche Schüler vorläufig auszusetzen. Zudem solle das Land zeitnah Spucktests bereitstellen, die Eltern zweimal in der Woche zu Hause in der vertrauten Umgebung vornehmen könnten. Als Antwort hieß es, es liege nicht in der »Befugnis, HKM-Erlasse oder Einrichtungsschutzverordnungen mit individuellen Regelungen außer Kraft setzen zu dürfen«, man habe die Anfrage aber ans Ministerium weitergeleitet.

Problemlage bewusst

Auch der Verband der Sonderpädadogik sieht den »potenziellen Ausschluss von der Schulpflicht« für die betroffenen Kinder kritisch und hat sich deshalb frühzeitig ans Ministerium mit der Bitte gewandt, diesen Kindern keine Tests aufzuzwingen, sagt Landesvorstand Karl Ludwig Rabe, der auch Leiter der Alexander-Schmorell-Schule in Kassel ist. Das dortige Schulamt habe es genehmigt, dass in Ausnahmefällen die Eltern ihre Kinder zu Hause testen.

Dem Kultusministerium sei die Problemlage bewusst, sagt ein Sprecher. Deswegen gebe es mehrere Vorgehensweisen, die Selbsttests vorzunehmen. Eltern könnten zur Unterstützung mit in die Schule kommen, es gebe zudem ein Patensystem, bei dem Organisationen wie das Rote Kreuz unterstützend wirkten oder anderes Schulpersonal die Testung übernehme, wenn alle Beteiligten einverstanden seien. »Im absoluten Einzelfall ist vielleicht daran zu denken, dass Tests zu Hause gemacht werden könnten, wenn es gar nicht anders geht.« All diese Möglichkeiten seien über das Staatliche Schulamt kommuniziert worden. Spucktests, die noch medizinisch erprobt würden, beobachte das Ministerium in enger Abstimmung mit dem Sozialministerium. Es sei vom Bund vorgesehen, dass die zur Verfügung gestellten Antigen-Schnelltests verwendet würden. Insgesamt liefen die Testungen an den Förderschulen recht gut, dies hätten auch betroffene Schulleitungen in der Pilotphase so zurückgemeldet. Andernfalls wäre diese Regelung nicht so getroffen worden, sagte der Sprecher: »Wir lassen kein Kind und keine Eltern allein.«



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