02. Juli 2021, 19:44 Uhr

Wasserstoff statt Diesel

Die Brennstoffzelle ist in Deutschland noch nicht weitverbreitet. Aber für schwere Fahrzeuge bietet die Stromproduktion mit Wasserstoff Vorteile, die ab dem kommenden Jahr in einem groß angelegten Bahn-Projekt im Rhein-Main-Gebiet erprobt werden.
02. Juli 2021, 19:44 Uhr
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Von DPA

Nicht weniger als die »weltgrößte Flotte an Wasserstoffzügen« soll ab dem kommenden Jahr über die Schienen des Rhein-Main-Gebiets rollen. Der notwendige Wasserstoff kommt aus dem Industriepark Frankfurt-Höchst, wo das Gas als Abfallprodukt der Chemieprozesse in großen Mengen anfällt. Gewartet wird die Flotte von 27 Zügen ab Dezember 2022 im Werk der DB Regio im nahen Stadtteil Griesheim, wie Deutsche Bahn, der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und Alstom am Freitag mitteilten. Wer die Züge letztlich fährt, wird in den nächsten Wochen europaweit ausgeschrieben, wie RMV-Geschäftsführer Knut Ringat ankündigte.

»Wir sind der größte Hersteller von Diesel-Zügen in Deutschland und wir haben uns gefragt, was nach dem Diesel kommt«, sagt Alstom-Manager Jörg Nikutta. Die Antwort lautete für das nicht elektrifizierte Teilnetz mit vier Strecken im Taunus und Frankfurter Westen schließlich Brennstoffzelle. Alstom hat sie anstelle des Diesels samt Wasserstofftanks und Pufferbatterien in seinen hundertfach erprobten Nahverkehrszug eingebaut. Mit einer Reichweite von rund 1000 Kilometern und einer hohen Zuverlässigkeit auch bei schwieriger Witterung sollen die iLINT-Züge dem Diesel in entscheidenden Kriterien nicht nachstehen, auch für die Lokführer soll sich möglichst wenig ändern.

Gekauft hat die auch in Norddeutschland und Baden-Württemberg erprobten Züge für rund eine halbe Milliarde Euro die RMV-Tochter fahma, um die sonst zu komplizierten Ausschreibungsprozesse mit der neuen Technologie zu vereinfachen. Alstom stellt gemeinsam mit der Infraserv Höchst die Energieversorgung sicher und hat nun die DB Regio mit der Wartung der Züge beauftragt. Die Bahn-Tochter wird sich zudem sicher an der Ausschreibung des Fahrbetriebs beteiligen, wie Vorstand Oliver Teerhag ankündigte.

Bei einer erwarteten Betriebsdauer von 25 Jahren habe man sich nach alternativen Antrieben umsehen müssen, um die Klimaziele zu erreichen, schildert RMV-Mann Ringat die Ausgangslage. Über den gesamten Zeitraum betrachtet rechne sich die Erprobung der bislang noch wenig genutzten Brennstoffzellen-Technologie. Letztlich entscheidend waren die Verfügbarkeit des Wasserstoffs im Industriepark und die fehlende Elektrifizierung der Taunus-Strecken.

Denn Oberleitungen brauchen die Züge nicht. In den auf dem Zugdach montierten Brennstoffzellen reagiert Wasserstoff sauber mit Sauerstoff aus der Umgebungsluft. Es entstehen Wärme, Strom für die Motoren und als Abfallprodukt Wasserdampf. Von klimaschädlichen Substanzen wie CO2, Stickoxiden oder Feinstaub ist in diesem Prozess keine Spur. Allerdings muss Wasserstoff zuvor mit hohem Energieaufwand aus seinen natürlichen Verbindungen gelöst werden. Im Industriepark Frankfurt-Höchst geschieht das bei der Produktion organischer Grundstoffe in der Chlor-Chemie seit mehr als 100 Jahren. Erfahrung mit dem flüchtigen und unter bestimmten Bedingungen explosiven Gas ist also vorhanden. dpa



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