Hessen

Was steckt hinter dem »Phantom«?

Noch nie in der Geschichte der Stadt erreichte ein Seligenstädter eine derart große Medienpräsenz. FAZ, die Wochenzeitung »Die Zeit«, WDR, HR oder NDR und viele andere scheinen sich einig. Sie jagen das »rechte Phantom«.
19. September 2021, 19:13 Uhr
Redaktion
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Laut mehrerer Medienberichten soll der ehemalige Seligenstädter CDU-Stadtverbandsvorsitzende Tom Rohrböck enge Kontakte in die AfD pflegen und dort einen Rechtsruck forcieren. Weil sie ihn nicht aufspüren können, nennen sie ihn »das Phantom«. SYMBOLFOTO: IMAGO

Die »Zeit« unterstellt dem früheren Seligenstädter CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Tom Rohrböck (53) im Juni auf drei Dossier-Seiten, er beeinflusse seit Jahren deutsche Politiker, vor allem der AfD, und versuche die Republik nach rechts zu rücken. Rohrböck reagierte bislang auf keine Anfrage der entsprechenden Medien. Unserer Zeitung gab er ein Interview.

Sind Sie tatsächlich DAS einflussreiche Polit-Phantom, das auf seinem unheilvollen Zug durch die rechte Szene weder zu stellen noch dingfest zu machen ist, wie Kollegen in ihrem aufsehenerregenden Dossier im Juni behaupten?

Die Filme rund um Fantômas und Louis de Funès sind eine schöne Erinnerung an meine Kindheit. Insofern schmeichelt der Begriff des Phantoms meiner damaligen Vorliebe für schnelle, französische Spielfilme. Aber »rechts« ist im politischen Sinne an mir nichts! Hier irrt jeder Journalist, der mich nur aus Annahmen und Mutmaßungen einzuschätzen vermag. Ich selbst sehe mich im angelsächsischen Sinne als »libertär« an: sehr skeptisch gegenüber dem übermächtigen Staat in Fragen der inneren Sicherheit, einem Lieblingsthema aller Rechten. Und ungläubig dem unternehmerischen Staat gegenüber, dem Identitätsthema der Linken. Aus meiner Sicht irrt der starke Staat immer. Marktwirtschaft und ein liberaler Rechtsstaat sind meine politische Linie. Meine Kindheit war in den 1970er Jahren, der für mich gefühlt liberalsten Zeit in unserem Land.

Direkt nachgefragt: Ist es Ihr Ziel, durch finanzielle Aufrüstung, beispielsweise der AfD, einen Rechtsruck in unserem Land herbeizuführen?

Ich habe nie für einen »Rechtsruck« in Deutschland gewirkt und hätte auch nie für einen »Linksruck« gearbeitet. Sicherlich habe ich mir ein sehr breites Netzwerk über die Jahre aufgebaut. Vielleicht ist es mir zu weiten Teilen auch nur zufällig in den Schoß gefallen. Aber einen rechten Politiker zu kennen und auch mit diesem zu reden und Argumente auszutauschen, bedeutet noch lange nicht, selbst rechts zu sein. Ich rede mit allen. Auch wenn mir Gesprächspartner die skurrilsten Ideen auftischen. Ich höre zu und tausche gerne Überlegungen aus. Doch diese eher persönlichen Gespräche mündeten nie zu einer offiziellen Beratung der AfD oder einiger Politiker dieser Partei.

Intensive Kontakte zu bekannten AfD-Politikern wie Höcke und Damian Lohr (Vorsitzender der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative), beide als rechtsextrem und rechtsradikal eingestuft, sind natürlich, sagen wir mal, befremdlich, um nicht zu sagen verdächtig, lassen Sie in den Augen der »Zeit«-Journalisten wohl ebenfalls als »Beobachtungsfall« erscheinen...

Damian Lohr und ich sind privat befreundet, sehen uns aber nur sehr selten. Mit Björn Höcke habe ich keinen aktiven Kontakt mehr. Gegenfrage: Wieso darf man nicht mit anderen Menschen sprechen, nur weil diese eine andere politische Meinung haben? Wer je mit mir persönlich sprach, dürfte kaum den Eindruck haben, dass ich »rechts« bin.

Viele AfD-Politiker sind homophobe, antisemitische und fremdenfeindliche Revanchisten. Warum sollte ein halbwegs empathischer und vernunftbegabter Mensch solche Kontakte pflegen?

Es gibt in der AfD, wie in jeder Partei, solche und solche. Außerdem bin ich neugierig.

Ist denn Netzwerker ein richtiger und mutmaßlich lukrativer Beruf?

Ein Netzwerk zu haben ist kein Beruf oder eine Berufung. Aber ein gutes Netzwerk hilft beständig Abkürzungen zu finden. Wer aber behauptet, ich sei ein »Rechter«, der hat null Ahnung von mir! Die Journalisten haben festgestellt, dass ich beinahe der Einzige bin, der fast alle wichtigen Personen in der Geschichte der AfD kannte oder kenne, auch die mutmaßlichen Geldgeber. Doch die daraus gezogenen Schlüsse sind totaler Nonsens.

Wovon leben Sie - offenkundig sehr gut?

Vor vielen Jahren habe ich meine Anteile an »flirtlife« (Internet-Dating-Seite) verkauft und anders investiert. Das sind kleinteilige Beteiligungen an Cafébars und an einfachen Restaurants. Zeitweise hatte ich Kontakte, habe auch politische Kontakte vermittelt. So habe ich beispielsweise Redner für Festakte besorgt oder Wissenschaftler für Unternehmungen organisiert. Ein gutes Netzwerk nährt seinen Mann wahrscheinlich.

Ihnen werden ein extravaganter Lebensstil, intensive Kontakte in die rechte Szene sowie der Transfer beachtlicher Geldmittel dorthin vorgehalten. Wie reich sind Sie denn?

Irrtum: Ich bin nicht reich. Mir wird auch nur vorgeworfen, Kontakt zu solch reichen Spendern zu haben. Extravagant bin ich sicher, untypisch auch. Ja, ich habe in alle politischen Gruppen gute und informelle Kontakte, auch in eher rechte Kreise. Aber man kann tatsächlich auch mit Menschen reden, die politisch eine ganz andere Weltanschauung haben. Mehr habe ich eh nie getan.

Die »Zeit« beruft sich auf Stimmen aus der Partei, nach denen Sie einen beachtlichen Teil der AfD mehr oder weniger unter Kontrolle haben. Sind Sie wirklich der »Königsmacher«? Haben Sie tatsächlich Karrieren wie die der bayerischen AfD-Politikerin Corinna Miazga angestoßen oder flankiert? Oder waren Sie wirklich zeitweise Berater der AfD-Spitzenpolitikerin Alice Weidel?

Mit AfD-Politiker Damian Lohr ergeben sich immer auch politische Streitgespräche. Wenn ich besonders über seine Partei und politischen Mitstreiter gefrotzelt habe, versuchte er mir Gegenbeispiele von Politikern aus seiner Partei zu benennen, die aus seiner Sicht talentierter sind. Unter seine Empfehlungen fielen auch Dr. Alice Weidel und Corinna Miazga. Ich lernte nacheinander beide Damen im Urlaub kennen und war mit diesen bis zum Jahresbeginn 2020 in Kontakt. Natürlich tauschten auch diese sich hin und wieder mit mir in politischen Fragen aus. Sie schätzten wohl meinen externen Blick auf die Sache und freuten sich, dass ich sie in Gesprächen nie gleich ausgrenzte. Dadurch, dass ich recht gut und europaweit vernetzt bin, erbaten sie auch ab und an Kontakte von mir. Mehr war nicht. Aber irgendwie sprach es sich herum, dass da einer ist. Und da in unserer Zeit scheinbar keiner mehr nach normalen Antworten für solche Kontakte sucht, sondern nur Sensationen »enttarnen« möchte, wurde alles überzeichnet… innerhalb der AfD und bei einigen Journalisten.

Gibt es tatsächlich den Multi-Millionen-Mann oder gar Milliardär im Hintergrund, der Sie mit »Erfrischungs-« und Bestechungsgeldern satt versorgt?

Das ist Nonsens!

Was bleibt dann von der »Zeit«-Hypothese? Oder andersrum: Warum so viel Aufhebens um einen Polit-Netzwerker, der auf einem bestimmten Sektor, dem rechtslastigen, agiert? In den USA nennt man das Lobbyist und davon gibt es dort Hunderte...

Ich bin noch nicht mal ein Lobbyist. Ich bin irgendein Typ mit erstaunlich vielen Kontakten, mehr nicht. Sicherlich haben die Journalisten ihre Beweggründe. Und dann schreiben die einen von den anderen ab, stützen sich auf die erste Hypothese und bauen dann eine weitere obenauf. Denn: Wenn das Eine stimmen könnte, dann ist doch auch sicher das Andere nicht vollkommen auszuschließen und so weiter… Womöglich wollen alle immer noch einen draufsetzen.

Auch renommierte Journalisten der oben genannten Medien in diesem Umfang und Ausmaß?

Wie renommiert kann ein Journalist denn sein, der mit demjenigen, über den er dick schreibt, nie ein Wort gewechselt hat oder »Zeugen« in einem TV-Beitrag auftreten lässt, mit denen ich alles andere als je einen engen Kontakt hatte?

Wer bekommt Ihre Stimme bei der Bundestagswahl im September?

Wahrscheinlich Armin Laschet und damit wieder mal die CDU.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/was-steckt-hinter-dem-phantom;art189,753643

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