30. März 2021, 20:25 Uhr

Von Dauerrot zu Schwarz-Grün

Jahrzehntelang war Hessen nach dem Krieg »rot«: Unter dem langjährigen Ministerpräsidenten Georg August Zinn blühte die Wirtschaft auf, »Hessen vorn« war mehr als nur ein Wahlkampf-Slogan. In den 1980ern stellte die Umweltbewegung die politische Landschaft auf den Kopf - in Hessen zunächst mehr als irgendwo sonst.
30. März 2021, 20:25 Uhr

Als Joschka Fischer am 12. Dezember 1985 in Turnschuhen zum hessischen Umweltminister ernannt wird, entsteht ein Bild für die Geschichtsbücher. Denn die Aufnahme dokumentiert den Beginn der ersten Regierungsbeteiligung der Grünen in einem deutschen Flächenstaat - und verrät gleichzeitig viel über den damit einhergehenden Wandel in der Politik, der in Hessen vielleicht früher und klarer deutlich wurde als im Rest von Deutschland.

Zinns Slogan

»Ich denke, es gibt drei Punkte, die Hessen von anderen Bundesländern unterscheiden: Die jahrelange Dominanz der Sozialdemokratie, die langen Amtszeiten von Ministerpräsidenten, die jeweils sogar Koalitionswechsel überdauerten, sowie die Offenheit für neue politische Konstellationen«, fasst die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Dorothée de Nève die Besonderheiten der hessischen Koalitionsgeschichte seit 1945 zusammen. Und gerade der erste Punkt scheint die Entwicklung der hessischen Grünen maßgeblich mitbeeinflusst zu haben.

Der Grund dafür liegt im wirtschaftlichen Wachstum, das in einer Zeit des generellen Aufschwungs unter den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten in Hessen besonders gezielt vorangetrieben wurde. Den Startschuss dazu gab Georg August Zinn, der auf den ersten gewählten hessischen Ministerpräsidenten Christan Stock folgte und knapp 20 Jahre lang mit der SPD die hessische Politik prägte - zeitweise alleine, teils aber auch in einer Koalition mit dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten.

Zinns Wahlslogan »Hessen vorn« von 1962 war insofern nicht aus der Luft gegriffen: Im Länderfinanzausgleich rückte Hessen 1957 zu den Geberländern auf; sechs Jahre später wurde das höchste Pro-Kopf-Steueraufkommen der deutschen Flächenstaaten erzielt. »Der Slogan war Ausdruck des Selbstbewusstseins der hessischen Sozialdemokraten, die damals in ihrer Dominanz als »Hessen-Partei schlechthin« galten, sagt de Nève. Im Gegensatz zu heute, wo »die großen Gewinne in spekulativen Transaktionen auf den internationalen Finanzmärkten erzielt« würden, hätten damals auch die einfachen Arbeiter und Arbeitnehmer stark von den Gewinnen profitiert. Insofern sei die starke Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum für SPD-Politiker nicht untypisch gewesen. Hinzukommt: Auch die Sozialpolitik, die Integration der zahlreichen Heimatvertriebenen sowie die Stärkung ländlicher Regionen standen weit oben auf Zinns Agenda.

1969 trat Zinn, der sich als Inbegriff eines hessischen Landesvaters großer Beliebtheit erfreut hatte, aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der aus Gießen-Wieseck stammende Albert Osswald knüpfte an seinen Kurs an, konnte die Wahlerfolge seines Vorgängers jedoch nicht fortsetzen. Während sich die hessische CDU unter Alfred Dregger im Aufwind befand, stand die SPD unter anderem wegen der geplanten Gebietsreform und umstrittener Schulreformen in der Kritik. Nachdem dann auch noch Milliardenverluste der hessischen Landesbank bekannt wurden, trat der Ministerpräsident zurück.

»Hessische Verhältnisse«

Nachfolger Holger Börner, »erbte« somit eine Reihe schwieriger Aufgaben. Doch es war die aufkommende Umweltbewegung, die sich für die Landesregierung zum wohl größten Stolperstein entwickeln sollte. Im wirtschaftsorientierten Hessen, wo es den größten Flughafen Deutschlands und das größte Kernkraftwerk Europas gab, fand die Bewegung viele Reibungspunkte und äußerte sich im Rahmen der Proteste gegen die Startbahn West auch in ihrer radikalsten Form. Bei den Landtagswahlen 1982 erzielten die Grünen in Hessen aus dem Stand acht Prozent. SPD und CDU verloren jeweils einen Sitz und die FDP, oftmals das Zünglein an der Waage, scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Folge war eine Situation, die sogar einen eigenen Begriff prägte: Wahlergebnisse, die keine klaren Mehrheiten hervorbringen, bezeichnet man seit dieser Zeit auch als »hessische Verhältnisse«.

Börner blieb schließlich nichts anderes übrig, als auf die Grünen zuzugehen - und damit Geschichte zu schreiben. Allerdings ohne Happy End: Als ein Jahr nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl die Plutoniumverarbeitung in Hanau genehmigt werden sollte, zerbrach die Allianz mit dem »Turnschuhminister« und seiner Partei. Damit setzte der Konflikt einen vorläufigen Schlusspunkt hinter die SPD-Ära in Hessen. 1981 stellte erstmals die CDU, die wie in Bonn eine Koalition mit der FDP eingegangen war, den Ministerpräsidenten: den ehemaligen Oberbürgermeister von Frankfurt, Walter Wallmann.

Für Rot-Grün gab es unter Hans Eichel von 1991 bis 1999 zwar noch einmal ein Revival - diesmal aber unter gänzlich anderen Voraussetzungen, denn Eichel stand den Grünen deutlich näher und hatte zuvor bereits auf kommunaler Ebene mit ihnen zusammengearbeitet - doch danach war dann wirklich Schluss: Seit über 20 Jahren befindet sich Hessen fest in CDU-Hand. Selbst die Schwarzgeld-Affäre konnte die Position des neuen Ministerpräsidenten Roland Koch nicht erschüttern. Proteste gegen die Schulpolitik sowie eine Kampagne zur Kriminalität bei jugendlichen Ausländern kosteten die CDU zwar wohl ihre absolute Mehrheit, stärkste Partei blieb sie aber dennoch. Der Versuch der SPD, unter Andrea Ypsilanti mit der Linken eine Koalition zu bilden, scheiterte.

Als Koch nach gut einem Jahrzehnt zurücktrat, übernahm mit Volker Bouffier einer seiner engen Vertrauten, der die Geschicke Hessens seinerseits nun bereits mehr als ein weiteres Jahrzehnt lenkt. Doch trotz der langen Amtszeiten und Kontinuitäten war die hessische Politik abermals für ein Experiment gut: Als Bouffier 2013 einen neuen Koalitionspartner suchte, fand er ihn in den Grünen. »Dieses Bündnis wurde möglich, weil sich die CDU inzwischen stark verändert hat«, sagt de Nève. Seitdem funktioniere die schwarz-grüne Koalition »erstaunlich geräuschlos«. De Nève fügt hinzu: »Wenn man diese politische Abenteuerlust weiterdenkt, dann könnte Hessen etwa mit einer Minderheitenregierung für Überraschung sorgen.«



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