Hessen

Vom Leben in einer geteilten Welt

Im Kalten Krieg fröstelte die Welt. Jahrzehntelang war sie durch den »Eisernen Vorhang« in Ost und West und damit in Kommunismus und Kapitalismus geteilt. In Deutschland zeigte sich der Streit der Systeme besonders augenscheinlich. Doch mit dem Fall der Mauer 1989, der einen Dominoeffekt im Osten auslöste, ist die Welt nicht eins geworden. Es gibt zahlreiche Gräben.
29. Juni 2021, 20:57 Uhr
Redaktion
lkl_geteiltewelt_Proteste_g

Als 1946 die erste Ausgabe der Gießener Allgemeinen Zeitung erschien, war die gemeinsame Besatzungspolitik der Alliierten in Deutschland noch nicht offiziell gescheitert, doch es sollte schnell gehen: Mit der Entstehung der Bi- bzw. Trizone sowie mit der Einführung unterschiedlicher Währungen zeichnete sich die deutsche Teilung bereits ab, bevor sie sich 1949 in der Gründung zweier Staaten manifestierte. Für 40 Jahre wurde das geteilte Land zum Symbol einer geteilten Welt, wobei die Teilung nach dem Krieg nicht zwischen Siegern und Besiegten verlief, sondern zwischen einstigen Alliierten, die als Großmächte konkurrierten und sich durch ihre Systeme unterschieden. Der Dualismus zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen Ost und West - er prägte die Welt über Jahrzehnte.

Hotdog oder Ketwurst

In Deutschland zeigte sich die Teilung wohl sinnbildlicher als irgendwo sonst. Menschen, die zuvor eine »Volksgemeinschaft« gebildet hatten, waren nun durch eine Mauer voneinander getrennt. Die einen hörten Rolling Stones, trugen Levis-Jeans, tranken Coca-Cola sowie Bohnenkaffee, aßen Hotdogs oder Pizza und fuhren mit dem VW an den Gardasee. Die anderen besuchten Puhdys-Konzerte, mussten mit Cottino-Hosen vorlieb nehmen, tranken Club Cola sowie Mixkaffee, aßen Ketwurst oder Goldbroiler und fuhren mit dem Trabi an den Balaton.

Doch bei all der augenzwinkernden Überzeichnung: Die Teilung wirkte sich nicht nur auf die Konsumkultur aus, sondern auf alle Bereiche des Lebens - und das bisweilen auf dramatische Art und Weise, im Großen wie im Kleinen. So stand die Welt durch den Ost-West-Konflikt zeitweise am Rande eines Atomkrieges, dessen Folgen für die Menschheit wohl beispiellos gewesen wären. Für den Einzelnen, der sich mit der SED-Diktatur nicht abfinden wollte oder der aus anderen Gründen mit ihr in Konflikt geriet, bedeutete sie Leid und zum Teil Gefängnis oder Tod. Tausende Menschen wurden wegen versuchter Republikflucht bestraft, Hunderte verloren beim Versuch, das Land zu verlassen, ihr Leben. Hinzu kam eine höhere Selbstmordrate als in der BRD. Inzwischen ist der Eiserne Vorhang schon gut 30 Jahre Geschichte, und Deutschland politisch geeint. Doch nicht nur das: Ob EU oder G8, vereinte Nationen oder NATO, OECD, oder WTO - die Zahl der internationalen Organisationen ist hoch und die Vernetzung wohl stärker denn je. Auch Russland und die USA nehmen am selben Tisch Platz, wenn auch längst nicht immer konfliktfrei.

Geeinte Welt also? Mitnichten. Nicht nur, dass die Teilung zwischen Ost und West bis heute in Narrativen und Zahlen nachwirkt, auch andere Unterschiede, Differenzen und Konflikte teilen die Welt. So listet das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung für das Jahr 2020 insgesamt 180 gewaltsame Krisen und 21 Kriege auf. Fast jedes fünfte Kind wächst laut »Save the Children« in einer Region auf, in der es mit Gewalt und Krieg konfrontiert wird. 82,4 Millionen Menschen waren Ende 2020 weltweit wegen Konflikten, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht. Es geht vor allem um wirtschaftliche Interessen, Religion, Machtstreben, historisch gewachsene Ressentiments, die ineinanderspielen und deren Wurzeln oft weit zurückreichen.

Aus Ost/West wurde Nord/Süd

Doch auch abseits davon ist unsere Welt in vielfacher Hinsicht geteilt: In männlich und weiblich, wenn laut einer Studie des Weltbank-Instituts IBRD nur sechs Länder weltweit per Gesetz eine völlige Gleichberechtigung der Geschlechter garantieren. In Schwarz und Weiß, wenn beispielsweise in den USA People of Color systematischem Rassismus ausgesetzt sind. Oder in Arm und Reich, wenn der ärmeren Hälfte der Bevölkerung laut der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam nicht einmal ein Prozent des globalen Vermögens gehört. während sich 45 Prozent des globalen Vermögens im Besitz von nur einem Prozent der Menschheit befinden. Da diese Schere immer weiter auseinander geht, ist die Teilung in Arm und Reich wohl die gravierendste unserer Zeit.

Zwar ist die extreme Armut laut Statistiken in den vergangenen Jahren zurückgegangen, doch das ist vor allem auf gesunkene Zahlen in den Regionen Ost- und Südasien zurückzuführen. Wie Experten betonen, sind die Zahlen daher mit Vorsicht zu genießen: So basiert der Armutswert von 1,90 US-Dollar pro Tag auf Daten aus Ländern, in denen das Leben günstiger ist als in diesen Regionen. Laut einer Definition der Weltbank von 2018 gelten daher auch Menschen als arm, die in Staaten mit mittlerem Einkommen mit weniger als 5,50 US-Dollar auskommen müssen - und damit weniger Geld zur Verfügung haben als die dortigen minimalen Lebenshaltungskosten. Unter diesem Schwellenwert leben 3,4 Milliarden Menschen. Das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung.

Zudem versperren die Zahlen den Blick darauf, dass sich die Lage mancherorts immer weiter verschärft: Laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau leben bereits mehr als die Hälfte aller extrem armen Menschen im südlich der Sahara gelegen Teil Afrikas - und bis 2030 sollen es voraussichtlich über 85 Prozent sein. Wenn man früher von Ost und West gesprochen hat, dann ist heute wohl eher von einer Teilung der Welt in Nord und Süd die Rede.

Der globale Süden, Opfer des Kolonialismus, scheint abgehängt. Denn Armut verhindert auch Bildung, die einen Weg aus der Misere weisen könnte. So besuchen laut den Vereinten Nationen nur drei von hundert jungen Erwachsenen, die im Jahr 2000 in einem Land mit einem niedrigen Wohlstandsindikator geboren wurden, eine Hochschule. In reichen Ländern sind es dagegen 55.

Hinzu kommt, dass Krisen häufig gerade die treffen, die es ohnehin schon schwer haben. Dies wurde jüngst in der Pandemie deutlich, gilt jedoch auch für den Klimawandel. Vorangetrieben wird er maßgeblich durch die Industrienationen, seine Folgen treffen jedoch die ärmeren Länder am schwersten.

o werden bis 2025 Schätzungen zufolge bis zu 2,4 Milliarden Menschen ohne ausreichend Wasser leben, was wiederum bedeutet, dass Frauen und Mädchen zum Wasserholen immer weiter laufen müssen - und nicht in die Schule gehen können.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/vom-leben-in-einer-geteilten-welt;art189,741426

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung