24. Februar 2021, 22:07 Uhr

Volkmarsen erinnert an »Albtraum«

Am Jahrestag der Auto-Attacke im hessischen Volkmarsen fallen viele tröstende Worte. Denn die Bilder des 24. Februar 2020 sind noch längst nicht überwunden. Auch die Frage nach dem Warum bleibt.
24. Februar 2021, 22:07 Uhr
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Von DPA
Volker Bouffier, Ministerpräsident von Hessen, spricht beim ökumenischen Gedenkgottesdienst in Volkmarsen. FOTO: DPA

An einer Stele neben dem Altar in der evangelischen Kirche von Volkmarsen hängen selbst gemalte Bilder mit bunten Handabdrücken, Basteleien mit Luftschlangen und Popcorn. Die Werke, angefertigt von Kindern, erinnern an die Auto-Attacke auf den Rosenmontagsumzug in der nordhessischen Stadt vor einem Jahr. Und sie schmücken den Gottesdienst, mit dem Volkmarsen am Mittwochabend der Dutzenden Verletzten der Gewalttat vom 24. Februar 2020 gedenkt.

Der Tag habe sich »tief eingegraben in unser Gedächtnis«, sagte Bürgermeister Hartmut Linnekugel (parteilos). Wie durch ein Wunder sei niemand gestorben, doch die Folgen seien vor allem in seelischer Hinsicht vielfach noch nicht überwunden. Der Jahrestag erinnere die Stadt aber auch daran, »dass wir Volkmarser zusammenstehen«.

Der Täter schweigt

Am 24. Februar 2020 war ein Auto in die Zuschauermenge gefahren, die den Rosenmontagsumzug fröhlich feiern wollte. Der damals 29 Jahre alte Fahrer soll den Wagen absichtlich in das Gedränge gesteuert haben. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen. Zahlreiche weitere wurden nach Angaben der ermittelnden Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt beeinträchtigt oder traumatisiert. Insgesamt gibt es mehr als 150 Betroffene.

So viele bunte Frühlingsblumen schmücken die Kirche am Mittwochabend. Sie stehen für jedes Opfer der Tat, die die Staatsanwaltschaft unter anderem als 91-fachen Mordversuchs wertet. Was den mutmaßlichen Täter trieb, ungebremst mit Tempo 50 bis 60 in die Menschen zu fahren, ist unklar - der Deutsche schweigt.

»Ein Jahr ist vergangen und der Schrecken sitzt noch immer tief«, sagte eine Sprecherin der Opfer in der Kirche. Sie sei als Mutter und Oma von den Ereignissen betroffen. Damals sei ein »Albtraum« passiert. »Wir wollten alle unbeschwert Karneval feiern. Unseren Rosenmontagsumzug mit den geschmückten Wagen und den kostümierten, verkleideten Fußgruppen bejubeln, um anschließend in der Nordhessenhalle weiterfeiern zu können. Doch dazu kam es leider nicht.«

Die Attacke löste landesweit Fassungslosigkeit aus. Für zusätzliche Erschütterung sorgte, dass die Tat fünf Tage nach dem rassistischen Anschlag von Hanau geschah. »Man konnte und wollte es eigentlich überhaupt nicht glauben«, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bei seiner Ansprache während des Gottesdienstes. Es sei ein »Tag der Verletzungen und Traumata« für Volkmarsen gewesen. Doch Stück für Stück könne das überwunden werden, auch dank der erlebten Gemeinschaft und Solidarität.

Bouffier erinnerte daran, dass nach den schrecklichen Ereignissen die Bürger der nordhessischen Kleinstadt eng zusammenkommen konnten. Kurz darauf ging das nicht mehr - die Corona-Pandemie machte Abstandhalten nötig, was die Bewältigung der Attacke bis heute erschwert. Das war auch am Mittwoch zu spüren: Wegen der Pandemie waren keine Besucher in der Kirche dabei, der ökumenische Gottesdienst wurde live im Internet übertragen.

Viel Zusammenhalt

Für die Menschen in Volkmarsen bleibt das Warum. Auch beim Gottesdienst - an dem neben der Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Beate Hofmann, und dem Fuldaer Weihbischof Karlheinz Diez auch Vertreter von Rettungsdiensten, Feuerwehr, Polizei und der Volkmarser Karnevalsgesellschaft teilnahmen - wurde diese Frage immer wieder gestellt. Die fehlenden Antworten ließen einen immer und immer wieder über die Tat nachdenken, sagte die Opfer-Sprecherin. Der Jahrestag solle aber nicht nur ein Tag des Gedenkens sein, sondern auch zeigen, dass man zusammenhalte. »Gemeinsam werden wir diese entsetzliche Zeit überwinden.« Es sei zudem wichtig, nach vorne zu blicken - und sich auf die nächste Karnevalssaison zu freuen.



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