26. August 2021, 21:42 Uhr

Verzweiflungstaten häufen sich vor Abschiebung

26. August 2021, 21:42 Uhr
Eine Abschiebehaftanstalt in Darmstadt. FOTO: MiCHAEL SCHICK

Wiesbaden - Im Januar schluckt ein Iraner Tabletten und Flüssigseife, um sich das Leben zu nehmen. Im Juni springt ein algerischer Mann aus dem Fenster. Im Oktober folgen vier weitere Suizidversuche von Frauen und Männern aus Algerien, Marokko, Irak und Iran. Zum Glück überleben alle diese Menschen.

Das sind nur einige der Fälle aus hessischen Erstaufnahme-einrichtungen für geflüchtete Menschen aus dem Jahr 2020, über die Innenminister Peter Beuth (CDU) kürzlich in seiner Antwort auf eine Anfrage der Linke-Abgeordneten Saadet Sönmez berichtet hat. Insgesamt sind danach im vergangenen Jahr 24 Suizidversuche bekannt geworden. Im Jahr davor seien es sogar 50 Fälle gewesen, schreibt Beuth.

Auch Abschiebeversuche führen immer wieder zu solchen Verzweiflungstaten. In diesem Zusammenhang haben die Behörden im Jahr 2020 acht Suizide oder Selbstverletzungen registriert. Im Jahr 2019 waren es neun gewesen.

Für Fachleute ist die Häufung der Taten nicht verwunderlich. Psychosoziale Berater berichten von der enorm belastenden Situation für geflüchtete Menschen in der Erstaufnahme, im Flughafenverfahren oder im Angesicht einer drohenden Abschiebung. »Es ist bedauerlich, dass auf psychisches Leid erst reagiert wird, wenn es um Suizid geht«, stellt Noriko Blaue fest, die psychosoziale Beratung für Asylbewerber am Frankfurter Flughafen leistet.

Existenzielle Unsicherheit

Blaue ist eine von derzeit fünf Beratern im Frankfurter Evangelischen Beratungszentrum am Weißen Stein, die Unterstützung für geflüchtete Menschen anbieten - die meisten davon allerdings nur in Teilzeit. Für Suizidversuche sei »häufig ausschlaggebend, dass der Brief kam, dass sie abgelehnt worden sind, dass die Polizei kommen kann«, schildert eine von ihnen.

»Es gibt Leute, die mir berichten, dass sie nicht mehr schlafen können, seit sie in Deutschland sind«, sagt Barbara Lueken, die geflüchtete Menschen berät und beim Weg durch ihr Asylverfahren begleitet. Auf der Flucht seien sie noch »im Überlebensmodus« gewesen. In Deutschland hingegen hätten sie sich Sicherheit erhofft, müssten aber weiter in existenzieller Unsicherheit leben, ohne klare Zukunftsperspektive. »Ihre Seele kann hier keine Ruhe finden«, formuliert eine der Beraterinnen. In der Erstaufnahme komme die Ungewissheit über die Aufenthaltsdauer und den Verlauf des Asylverfahrens hinzu. Selbst der Internet-Zugang sei spärlich. In der Corona-Zeit habe sich die Lebenssituation der Menschen durch die fehlende Tagesstruktur verschärft - keine Freizeitaktivitäten, keine Deutschkurse, selbst Sport im Freien war zeitweise nicht möglich.

Fast alle Klienten kämen mit Suizidgedanken in die Beratung, schildert Blaue. Geboten wäre eine längere stationäre oder teilstationäre Behandlung. Doch das kann das Beratungsteam nicht leisten. Manchmal sei nur Zeit für ein Gespräch in der Woche. Doch auch das könne Hoffnung machen nach dem Motto: »Da gibt es jemanden, mit dem ich sprechen kann, da ist jemand interessiert daran, dass ich überlebe.«

Man sei »im Psychosozialen Zentrum fast nur noch damit beschäftigt, Suizidgefahren einzuschätzen«, berichtet Klaus-Dieter Grothe. Er ist der Vorsitzende des Trägervereins des Psychosozialen Zentrums für Mittelhessen, das die größte Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Gießen betreut. Die Lage habe sich seit 2019 zugespitzt, »mit steigenden Zahlen und steigender Aufenthaltsdauer«. Damals war die maximale Aufenthaltsdauer per Gesetz von sechs auf 18 Monate gesteigert worden. Dadurch sei eine »hoch belastete Situation« entstanden, sagt Grothe. Pitt von Bebenburg

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