25. Mai 2021, 19:24 Uhr

Unwürdig behandelt

Ein Mann wird bei der Kontrolle einer Bar von der Polizei um Hilfe gebeten. Was dann folgt, verstößt für seinen Anwalt gegen die Menschenwürde.
25. Mai 2021, 19:24 Uhr
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Aus der Redaktion
Das einfache Abtasten habe dem Polizisten nicht gereicht, berichtet der 43-Jährige aus Nidderau. Auf der Toilette der Bar habe er sich komplett ausziehen müssen. SYMBOLFOTO: DPA

Den 7. April 2021 wird Herr Y. noch lange in äußerst unangenehmer Erinnerung behalten. »Er war vollkommen geschockt«, erzählt seine Frau. Denn der 43-jährige Mann aus Nidderau, der in diesem Artikel nicht mit vollem Namen genannt werden soll, ist in dieser Nacht auf unwürdigste Weise von einem Polizisten behandelt worden. Ohne erkennbaren Anlass musste sich der Bauunternehmer auf der Toilette einer Bar vor einem Polizeibeamten nackt ausziehen, umdrehen, sich bücken und von allen Seiten begutachten lassen. Unter Protest habe er das mitgemacht und nur aus Respekt vor der Uniform des Beamten, schildert Y. Der habe zu seiner Frage nach dem Warum keine Antwort gegeben.

Niemand schritt ein

Sein Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler hat deswegen Strafanzeige gestellt. Es gehe darum, die Rechtswidrigkeit des Vorgehens festzuhalten und festzustellen, dass alle beteiligten Beamten sich strafbar gemacht hätten, weil niemand eingeschritten sei, sagt Daimagüler. Derzeit wird der Sachverhalt von der Polizei ermittelt, wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft mitteilte. Daher könnten noch keine Angaben zum Sachverhalt gemacht werden. Die Frankfurter Polizei teilte auf Anfrage mit, es werde »der im Raum stehende Vorwurf überprüft«. Wenn die Ergebnisse der strafrechtlichen Ermittlungen feststünden, werde entschieden, »inwieweit gegebenenfalls disziplinarrechtliche Maßnahmen ergriffen werden oder nicht«. Bei der Polizei musste Anwalt Daimagüler allerdings erfahren, dass bisher noch keiner der beteiligten Polizeibediensteten vernommen worden sei. Für ihn steht jedenfalls fest: »Die körperliche Untersuchung meines Mandanten erfolgte ohne Rechtsgrundlage.«

Was war geschehen? An jenem Mittwoch ist Y., ein kräftiger Mann mit Kurzhaarfrisur und ordentlich gestutztem Bart, zu Hause bei seiner Familie. Spätabends, gegen 23 Uhr, klingelt bei ihm das Telefon. Am anderen Ende spricht ein Beamter. Die Polizei kontrolliert gerade das Hotel »Altes Zollhaus« in der Hanauer Landstraße, das einem Freund der Familie Y. gehört. An der Rezeption haben sie niemanden angetroffen, aber eine Telefonnummer am Schwarzen Brett: die von Y. »Wenn kein Verantwortlicher hier ist, müssen wir den Laden versiegeln«, habe der Mann ihm am Telefon gesagt, erzählt Y. Ob er kommen könne? Y. kann kommen. Er will behilflich sein.

Im »Alten Zollhaus« mit seinem Nebengebäude leben zum einen Monteure, deren Firmen für die Übernachtung im Zweibettzimmer 400 Euro im Monat zahlen, zum anderen Bewohner ohne Obdach, die vom Sozialamt einquartiert wurden. Sie dürfen sich, wenn sie nicht in ihren kleinen Zimmern bleiben wollen, in dem L-förmigen Raum aufhalten, der in normalen Zeiten als Rezeption, Bar und Café dient. Jetzt, in der Corona-Zeit, sei die Bar außer Betrieb, sagt Besitzer Benjamin D. Allerdings habe er mit dem Ordnungsamt besprochen, dass sich seine Gäste in dem Raum aufhalten dürften. Die Polizei hegt offenbar Zweifel, ob alle Corona-Regeln eingehalten werden. Sie sei hier quasi Dauergast, klagt D. Er sieht sich durch das ständige Anrücken der Polizei schikaniert.

An jenem Abend ist sein Freund Y. rasch herbeigeeilt. Er ist überrascht, dass der Rezeptions- und Barraum voller Beamter ist - »ungefähr 15«, schätzt er. Y. stellt sich dem Mann vor, der ihn angerufen hat, und zeigt seinen Ausweis vor. Dann passiert das, was ihn bis heute empört. Einer der Beamten habe ihn an der Bar aufgefordert, seine Jacke auszuziehen. Dann habe er ihn, der doch nur zum Helfen gekommen sei, abgetastet, von vorne und von hinten.

Aber damit nicht genug. »Wir sind noch nicht fertig«, habe der Beamte gesagt und ihn aufgefordert, gemeinsam auf die Toilette zu gehen. Zu zweit seien sie dort gewesen, ohne einen weiteren Zeugen. Dort habe der Beamte verlangt, dass Y. seine Hose ausziehe und sogar seine Boxershorts. Aber nicht genug damit. Y. habe sich umdrehen müssen, damit der Beamte ihn genauer in Augenschein nehmen könne. Dann habe er nur gesagt, Y. sei »sauber«.

In der Anzeige, die Y.s Anwalt Daimagüler im Auftrag seines Mandanten gestellt hat, wird der Vorgang so geschildert: »Der Beamte berührte ihn nicht. Jedoch schaute er sich jedes Körperteil aus nächster Nähe sehr genau an. Besonders unangenehm war meinem Mandanten, als er sich nach vorne beugen musste und sich der Beamte hinter ihm stehend seinen Analbereich betrachtete.« Niemand habe Y. erläutert, warum er so demütigend behandelt wurde - »trotz mehrfacher Bitten«, wie es in der Anzeige heißt. Alle Beamten hätten mitbekommen, dass ihr Kollege ihn zur Toilette mitgenommen habe, schildert Y. Niemand sei eingeschritten. Nach anderthalb Stunden verlässt Y. den Ort, der trotzdem versiegelt wird. Einen Tag später und nach einem klärenden Telefonat mit dem Ordnungsamt seien die Siegel wieder entfernt worden, berichtet Besitzer Benjamin D. Doch die unwürdige Behandlung seines Freundes lässt weder ihn noch Anwalt Daimagüler ruhen. »Was soll eine körperliche Untersuchung bei einem Mann, der herkommt, um zu helfen?«, fragt der Jurist. »Das, was hier abgezogen wurde, ist unter keinen Umständen rechtens.«

Daimagüler ist ein erfahrener deutscher Rechtsanwalt, er hat schwierige Verfahren geführt, Opfer im NSU-Prozess vertreten, ebenso die Nebenklage im Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Buchhalter Oskar Gröning.



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