11. Februar 2021, 22:32 Uhr

Ungewissheit geht weiter

11. Februar 2021, 22:32 Uhr

- Missverständnisse, Übersetzungsfehler: Beim Asylverfahren der Marburger Flüchtlingsfamilie Abidi-Ramdani ist viel schiefgelaufen, sagen ihre Unterstützer. Seit Kurzem ist Mutter Fatima von einer Deutschen adoptiert, trägt jetzt den Nachnamen Radke. Ein weiteres Argument dafür, das gesamte Verfahren neu aufzurollen, sagt Steffen Rink, Sozialdemokrat und Experte für Asyl- und Migrationsfragen.

Seit zehn Jahren lebt das Paar in Ungewissheit, ob das Land ihm Bleiberecht gewährt, in dem drei seiner Kinder geboren sind. Insbesondere ihnen und ihrer Mutter droht bei einer Abschiebung nach Algerien Verfolgung durch die salafistisch geprägte Herkunftsfamilie bis hin zum Ehrenmord, sagt Kurt Bunke, Sprecher des Cölber Arbeitskreises Flüchtlinge. Den Frauen in der Familie sei ein selbstbestimmtes Leben verwehrt. Bei einer Rückkehr könnte Fatima Radke keinen Hochschulabschluss machen. Ihr drohe eine Zwangsheirat als Drittfrau. Davor sei sie mit Tarek, »der Liebe ihres Lebens«, geflüchtet.

Dennoch wurde ihr Asylbegehren abgelehnt. Nach einer versuchten Abschiebung im Januar 2018 reichten die Unterstützer vor zwei Jahren eine Petition an den Hessischen Landtag ein. Die wurde jetzt abgelehnt. Eine große Enttäuschung für die Betroffene und das breite Bündnis aus Marburger Bürgern, Organisationen der Zivilgesellschaft und Vertreter verschiedener Parteien. SPD-Oberbürgermeister Thomas Spies habe sich für einen Verbleib der Familie eingesetzt, der örtliche CDU-Abgeordnete Dirk Bamberger, die Stadtverordnetenfraktion der Grünen und die Linke im Landtag, sagt Bunke. »Bei der Entscheidung im Petitionsausschuss scheint jedoch schwarz-grüne Koalitionstreue über Humanität gesiegt zu haben.« Entmutigen ließen sich ihre Unterstützer davon nicht. »Wir arbeiten selbstverständlich an einer humanitären Lösung weiter.«

Anne-Ilse Radke hat die Familie ihrer Adoptivtochter ins Herz geschlossen: Seit zwei Jahren lebe sie mit ihr zusammen. »Für Fatima und Tarek bin ich Mutter und Schwiegermutter.« Die Kinder, sagt sie, nennen sie Nana, übersetzt Oma. »Sie sind für mich einfach Enkelkinder - neben meinen leiblichen acht Enkeln, die aber weit entfernt wohnen.« Es gebe keinen Grund, an der Fluchtgeschichte zu zweifeln. Das wisse sie aus vielen Gesprächen. »Wenn man uns bei Gerichten und Behörden nur einmal aufmerksam zuhörte, könnten wir alle angeblichen Ungereimtheiten und Widersprüche komplett aufklären.«

Anne-Ilse Radke berichtet von Gabriel, dem Jüngsten. »Das ist der Name des Erzengels, der im Christentum und Islam eine wichtige Rolle spielt.« Von dessen großer Schwester Mirel, die in diesem Jahr eingeschult werden soll. Die versuchte Abschiebung habe das Mädchen schwer traumatisiert. Mit ihrer Adoptivtochter Fatima habe sie sich von Anfang an sehr gut verstanden. »Über kulturelle und religiöse Unterschiede sprechen wir, aber sie spielen keine trennende Rolle.« Die junge Frau stamme aus der gehobenen Mittelschicht, sei gebildet. »Es kränkt mich immer, wenn sie von den Behörden behandelt wird, als sei sie eine mittellose, ungebildete Afrikanerin, die sich in Europa ein schöneres Leben machen will.«

Jutta Rippegather

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