Hessen

Umfang sexueller Gewalt im Bistum Mainz größer als gedacht

Mainz/Fulda/Limburg - Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche bleibt für die Bistümer in Hessen eine Daueraufgabe. In den Diözesen laufen weiterhin Untersuchungen, Projekte oder Vorbereitungen zur Einsetzung von Kommissionen. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will aus der laufenden Studie zu Fällen von sexueller Gewalt im Bistum die »notwendigen Lehren ziehen, um eine noch wirksamere Prävention umzusetzen«.
11. Januar 2021, 19:27 Uhr
DPA
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Blick auf die Mainzer Domfassade. FOTO: DPA

Mainz/Fulda/Limburg - Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche bleibt für die Bistümer in Hessen eine Daueraufgabe. In den Diözesen laufen weiterhin Untersuchungen, Projekte oder Vorbereitungen zur Einsetzung von Kommissionen. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will aus der laufenden Studie zu Fällen von sexueller Gewalt im Bistum die »notwendigen Lehren ziehen, um eine noch wirksamere Prävention umzusetzen«.

Angesichts der im Oktober bekannt gewordenen Zwischenergebnisse der Untersuchung sagte Kohlgraf, die Kirche müsse sich dem Thema stellen und nicht wegsehen. Man müsse um Vertrauen werben - »Vertuschen ist dabei katastrophal«. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse weisen darauf hin, dass das Ausmaß sexueller Gewalt im Mainzer Bistum, das auch auf hessischem Gebiet liegt, weitaus größer ist als bislang gedacht. Nach persönlichen Kontakten und intensiver Aktenprüfung ging der mit der Untersuchung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber zu diesem Zeitpunkt von 273 Beschuldigten und 422 Betroffenen aus. Der Abschlussbericht der Untersuchung, die die Zeit von 1945 bis 2019 umfasst, soll voraussichtlich 2022 vorgelegt werden.

Kohlgraf verwies darauf, dass zusätzlich zu dieser Untersuchung unter dem Titel »Erfahren - Verstehen - Vorsorgen (EVV)« auch eine unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum damit beschäftigt sei, sich »den Themen der Vergangenheit und auch den Themen der Gegenwart zu stellen«. Der Bischof kündigte an: »Wir konkretisieren die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung.«

Während sich die sogenannte MHG-Studie aus dem Jahr 2018 vorrangig auf Kleriker und deren Gewalt gegenüber Minderjährigen beschränkt hatte, ist die aktuelle EVV-Studie weiter gefasst und bezieht sexualisierte Gewalt, sonstige sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen auch gegen erwachsene Männer und Frauen ein. Bei den Beschuldigten handelt es sich nicht nur um Kleriker, sondern auch um Laien, kirchliche Angestellte oder Gruppenleiter.

Einfach nur versetzt

Nach den bislang vorliegenden Ergebnissen war eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle einzig die Versetzung von Beschuldigten in eine andere Pfarrei. Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen seitens der Bistumsleitung geführt. Bei einem Bistumswechsel habe es vielfach keine Informationen über Vorfälle gegeben. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Beschuldigten sowie »gezielte Aktenführung« hätten zu einer systematischen Verschleierung beigetragen. Der Anwalt nannte in diesem Zusammenhang namentlich Kohlgrafs Vorgänger, die beiden Kardinäle Hermann Volk und Karl Lehmann, was viele Gemeindemitglieder im Bistum aufhorchen ließ.

Im Bistum Fulda soll im Sommer die Kommission zur Aufarbeitung von sexueller Gewalt ihre Arbeit aufnehmen. Sieben der neun Kommissionsmitglieder stünden fest, darunter externe Fachleute. Zwei weitere Mitglieder sollen vom Betroffenenbeirat hinzuberufen werden, den die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz in Kooperation bilden werden. Im Rahmen der MHG-Studie zum Missbrauch waren im Bistum Fulda 795 Akten untersucht und 29 Beschuldigte gefunden worden. Das Bistum Limburg hat zur Aufarbeitung und Prävention unter anderem das Projekt »Betroffene hören - Missbrauch verhindern« ins Leben gerufen. Wissenschaftler, Kirchenvertreter und Betroffene hatten mehrere Monate lang dafür neun Themenbereiche bearbeitet und rund 60 Maßnahmen vorgeschlagen, wie künftig Übergriffe verhindert werden sollen. Zudem wurden 46 aktenkundige Missbrauchsfälle von 1946 bis heute untersucht. dpa

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/umfang-sexueller-gewalt-im-bistum-mainz-groesser-als-gedacht;art189,719738

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